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Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
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August Vierling (1901-1938 Universitätsoberzeichner)

August VierlingAugust Vierling wurde am 20. Juli 1872 als Sohn des Leinewebermeisters Alois und dessen Frau Wilhelmine in Oberachern im Schwarzwald geboren. In der Zeit zwischen Ostern 1879 und Ostern 1887 besuchte er die Volksschule, dann begann er im August desselben Jahres eine 3-jährige Malerlehre in Achern. Nach einem Gesellenjahr bei seinem ehemaligen Lehrbetrieb in Achern arbeitete Vierling ein halbes Jahr in einem Frankfurter Geschäft für Schilder- und Lackmalerei. Im Oktober 1891 wurde er auf der Kunstgewerbeschule in Karlsruhe aufgenommen. Diese beendete er 1894 nach 3 Jahren intensiver Ausbildung mit großem Erfolg. In Karlsruhe lernte er auch seine künftige Frau Anna Dissert kennen. Im Anschluss an seine schulische Ausbildung trat Vierling eine Stelle in einem Leipziger Geschäft für Dekorations- und Kirchenmalerei an. Durch eine Brustfellentzündung gezwungen, kehrte er Ende des Jahres 1896 zurück in die Heimat. Nach der Genesung begann Vierling in freiberuflicher Ausübung für seine ehemalige Ausbildungsstätte in Karlsruhe Entwürfe zu erstellen. Im Jahr 1900 reiste er, im Auftrag der Gewerbegenossenschaft Badens, zu Studienzwecken zur Weltausstellung, die in diesem Jahr in Paris stattfanden sollte.

Im Dezember 1901 wurde August Vierling vom Heidelberger Anatom Hermann Braus (1868-1924) eingestellt. Der Maler und Zeichner wurde nun “Mikroskopischer Präparator” und war für die Erstellung und Zeichnung der histologischen Schnitte zuständig. Mit Braus zusammen entwickelte er eine Modell-Reihe zur Entwicklung des Menschen (Die Entwicklung des menschlichen Gehirns, Serie 4b, Ziegler Werkstätten, Freiburg i. Breisgau). Für ihn zeichnete Vierling auch, so vorbildgerecht wie kein anderer vor ihm in Heidelberg, viele Abbildungen für dessen Lehrbuch die “Anatomie des Menschen”. Bis heute sind diese Illustrationen in Detailtreue und zeichnerischem Können ein Vorbild für Medizinische Zeichner auf der ganzen Welt.

Im April 1902 heiratete er Anna; seine feste Anstellung erlaubte ihm nun, die Zukunft zu planen. Sein erstes Kind August kam im folgenden Jahr zur Welt. Drei Jahre später bekam das Paar mit Otto einen zweiten Sohn und im Jahr 1908 wurde seine Tochter Maria geboren.

Nachdem Braus nach Würzburg ging, kam im Jahr 1921 Erich Kallius (1867-1935) nach Heidelberg. Er förderte Vierling ausgesprochen intensiv der sich nun, unter der Obhut des Anatomen, zum Universitäts-Oberzeichner hocharbeiten konnte. Für ihn erstellte er sowohl unzählige Zeichnungen für Veröffentlichungen und den Gebrauch im Hörsaal als auch Modelle, die unter anderem als Basis für Zeichnungen dienten.

Nach dem Tod von Kallius versuchte Vierling, der bereits seit Jahren äußerst selbstständig arbeiten durfte, intensiv aufzuarbeiten, woran sein ehemaliger Vorgesetzter Kallius bis zu seinem Tode scheiterte: Er wollte die Mechanismen herausfinden, die für die vorgeburtliche Entwicklung der Schilddrüse verantwortlich waren. Dafür wurde Vierling sogar vom Ministerium erlaubt, über seinen Renteneintritt hinaus zu arbeiten. Wie Kallius scheiterte auch Vierling an dieser Aufgabe; seine nicht-wissenschaftliche Ausbildung und der damalige Stand der Technik befähigte ihn nicht, eine solche, akademisch umfangreiche Frage zu beantworten. Die Faktoren, welche die Wanderung der Schilddrüse steuern, konnten tatsächlich viele Jahre später, im Jahr 2010 durch den Einsatz neuer Methoden annährend geklärt werden.

Vierling hatte einige Angebote aus anderen Universitäten - aber auch der Berliner Verleger Springer war an ihm interessiert. Dort wollte ihm seine ehemalige Kollegin und nun Hautärztin Marie Kaufmann (1877-1922) behilflich sein, sich dort mit seiner Familie niederzulassen. Doch Vierling und seine Frau wollten ihre Heimat nicht verlassen. Sie blieben, trotz interessanter Angebote, immer der Heimat verbunden.

Nach langer Erkrankung, August Vierling litt seit Jahren unter einer Diabetes Erkrankung, starb er im Jahr 1938 in Heidelberg. Seine zeichnerischen Meisterwerke und Modelle, seit einigen Jahren wiederentdeckt, gelten in der Heidelberger Anatomie als sein Vermächtnis.

Viele der Zeichnungen von Vierling sind bis heute in den aktuellen Anatomiebüchern vertreten, speziell im Bereich des Bewegungsapparates und Embryologie sind seine Zeichnungen bis in die Gegenwart hinein unübertroffen genau und mit großer Tiefenschärfe versehen (Repro einer Buchseite Benninghoff & Drenckhahn; Repros von aktuellen Zeichnungen/Screenshots aus dem Internet). Er zeichnete, entgegen der Arbeitsweise der meisten Kollegen, makroskopische und auch mikroskopische Präparate direkt vom Original ab und reproduzierte nicht die Arbeiten anderer. Vierling wurde reproduziert.

Darüber hinaus fertigte er auch histologische Schnitte an, rekonstruierte forschungsrelevante Strukturen um anschließend, Schicht für Schicht, ein Modell daraus zu rekonstruieren. Für andere Wissenschaftler sicherlich schon ein Endprodukt, für Vierling war dies lediglich ein notwendiges Erzeugnis, um daran weiterführende Diskussionen und Forschungen betreiben zu können. Vierling war nicht nur ein sehr beliebter Mitarbeiter der Abteilung, er war ein Visionär und in seinem Arbeitsstil und den daraus resultierenden Ergebnissen seiner Zeit Voraus - er setzte eigene Standards.

Literatur

  • Sara Doll/Navena Widulin (Hrsg.), Spiegel der Wirklichkeit. Anatomische und dermatologische Modelle in der Heidelberger Anatomie, Berlin/Heidelberg 2019
  • Sara Doll/Joachim Kirsch/Wolfgang U. Eckart, Wenn der Tod dem Leben dient - der Mensch als Lehrmittel, Berlin/Heidelberg 2017
  • Sara Doll, Lehrmittel für den Blick unter die Haut. Präparate, Modelle, Abbildungen und die Geschichte der Heidelberger Anatomischen Sammlung seit 1805, Diss. Heidelberg 2014
  • David Ludwig (Hrsg.), Das materielle Modell. Objektgeschichten aus der wissenschaftlichen Praxis, Paderborn 2014
  • Sara Doll, Die Entwicklung der Wachsplattenmodelle. Frühe Lehr- und Forschungsmodelle in der Medizin und deren Weiterentwicklung, in: Der Präparator 54 (2008), S. 90-98

Fragen, Anregungen und Kritik bitte an Dr.sc.hum. Sara Doll


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