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Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
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IV. Was vom Leben übrig bleibt: Wege, Irrwege und Neuanfang



Einbalsamierung - Die Leichen der Körperspender werden durch die Injektion von Chemikalien konserviert (Photo: Philip Benjamin)

Die Körperspende – aus Liebe zum Leben

Neben dem Auftrag zur Forschung hat das Anatomische Institut die Aufgabe, künftige Ärzte über den menschlichen Körperbau zu unterrichten. Die Lagebeziehungen der anatomischen Strukturen lassen sich nur unzureichend aus Büchern und Bildern oder virtuell erfassen. Deshalb schafft erst die unmittelbare Anschauung von topographischen Beziehungen, Dimensionen und vor allem individuellen Variationen eine Basis für verantwortungsvolle ärztliche Tätigkeit.

Durch die Auseinandersetzung mit dem Tod und der intensiven physischen Befassung mit einem fremden Körper erleben die künftigen Ärzte den Körperspender meist als ihren „ersten Patienten“, wodurch wesentliche Züge künftiger Arzt-Patient-Beziehungen vorgebildet werden. Nach der Abschaffung der Todesstrafe, den Gräueltaten des 2. Weltkriegs und einem veränderten ethischen Bewusstsein konnten die bis dahin geltenden rechtlichen Verordnungen zur Beschaffung von Körpern Verstorbener nicht mehr aufrecht erhalten werden. Um dennoch den Unterricht an der Leiche gewährleisten zu können, wurde in Deutschland in den 1960er Jahren ein Körperspendeprogramm entwickelt.

Aufruf zur Körperspende

Motiviert durch dringende und wiederholte Aufrufe in Tageszeitungen oder Magazinen − wie zum Beispiel in der Juliausgabe 1963 von „Reader‘s Digest“, begannen Menschen aus freien Stücken, ihren Körper zu spenden. Das Körperspendeprogramm ist mittlerweile sehr erfolgreich, die meisten Anatomischen Institute können jährlich eine ausreichende Anzahl von Neuvermächtnissen vorweisen.

So heißt es im „Reader‘s Digest“: „[…] trotz guter Arbeitsbedingungen, trotz Neubauten und umfangreicher Ausstattung mit Lehrmitteln“ sei ein „sehr bedrohlicher Mangel an einem grundlegend wichtigen Unterrichtsmittel: dem menschlichen Leichnam“ zu konstatieren. In Heidelberg habe man sogar zu einer „grotesken Lösung des Problems“ gegriffen: „Für die Präparierkurse standen den 1056 Studenten nur drei Leichen zur Verfügung. Die Professoren beschlossen, die Zulassung an den Kursen auszulosen. Unter Aufsicht eines Notars zogen die Studenten 1056 Lose, unter denen 300 Gewinnlose waren. Verbitterte Studenten, die nicht zu den glücklichen Gewinnern zählten, änderten den Spruch, der über dem Tor der Anatomie prangt, von „Hic gaudet mors succurrere vitae“ („Hier freut sich der Tod, dem Leben zu helfen“ in „Hic gaudet sors succurrere vitae“ („Hier freut sich das Los, dem Leben zu helfen“).“


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