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Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
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IV. Was vom Leben übrig bleibt: Wege, Irrwege und Neuanfang



„Rassenkunde“ in Alltag und Forschung des Heidelberger Anatomischen Instituts

Die Heidelberger Anatomie in der NS-Zeit

Im Januar 1989 kam ein Verdacht auf, der für Empörung sorgte: War es möglich, dass sterbliche Überreste von NS-Opfern immer noch in der Medizinischen Ausbildung der BRD eingesetzt wurden? Auch die Heidelberger Anatomie geriet in den Blick der Ermittlungen. Welche Rolle spielte das Institut 1933 bis 1945 an einer Universität, die sich rasch auf die neuen Machthaber einstellte? Mit Kurt Goerttler wurde 1935 ein Ordinarius berufen, der dem nationalsozialistischen Staat positiv gegenüber stand. Größere Änderungen im Alltag der Anatomie sind nicht ersichtlich – abgesehen von der Herkunft der für Lehre und Forschung verwendeten menschlichen Leichen. Von 1933 bis 1944 wurden etwa 970 Körper an die Anatomie geliefert. Bis 1939 überwogen nach üblicher Praxis Leichen von Personen, die in psychiatrischen Anstalten gestorben waren. Ab 1939 spielte die Staatsanwaltschaft Stuttgart eine große Rolle bei der „Belieferung“ – es handelte sich um Hingerichtete. Ebenso erhielt die Anatomie Verstorbene aus unterschiedlichen Lagern und von der Geheimen Staatspolizei. Nach dem Krieg entstand auf Betreiben Hermann Hoepkes auf dem Heidelberger Bergfriedhof ein Ehrengrab für die Betroffenen. Die Nachforschungen von 1989 ermittelten dennoch Präparate von während der NS-Zeit hingerichteten Personen.

„Rassenkunde“ in Alltag und Forschung des Heidelberger Anatomischen Instituts

Eugenische und „rassenkundliche“ Themen sind auch in Heidelberg bereits vor 1933 im universitären Kontext zu finden. Einblicke in die Vorlesungsverzeichnisse aus der Zeit des Nationalsozialismus zeigen, wie die traditionellen anatomischen Lehrveranstaltungen mit dieser Frage verknüpft wurden. Im Wintersemester 1934/35, das noch zu Leb- und Lehrzeiten von Kallius (er starb am 1.1.1935) begann, war für das Thema „Abstammungslehre“ Hermann Hoepke zuständig. Im Wintersemester des darauf folgenden Jahres teilte er sich die Lehrveranstaltung mit Hirt.

Ein Beispiel für rassenkundliche Forschungen an der Universität Heidelberg schon vor 1933 sind die Heinrich Münters (1883−1957), der seit 1920 am Anatomischen Institut beschäftigt war. Münter habilitierte sich 1922 im Fach Anthropologie mit dem Thema „Altägypter und Kopten in Bezug auf negroide Komponenten beim Schädelbau“. 1928 schlug ihn Kallius aufgrund seiner umfassenden Studien über den „Rassenwandel im Ägyptervolke“ sowie aufgrund erbbiologischer Arbeiten zum außerplanmäßigen Professor vor. Münter legte in Heidelberg eine „germanische Skelettsammlung“ an, die seinem Kollegen August Hirt in dessen späteren Straßburger Zeit als Anregung für die „jüdische Skelettsammlung“ gedient haben könnte. 1934 ließ sich Münter beurlauben, lebte in London und galt in Heidelberg seit Wintersemester 1936 als „wegen Nichtverlängerung seines Vertrags ausgeschieden (Ehefrau Kommunistin!)“.

In den hier ausgestellten Schriften (a, b) geht es um einen Vergleich „einer Kopten- mit einer Altägypter-Schädelserie“. Mithilfe sehr detaillierter Messungen, wie sie beispielsweise in „Zur Differentialdiagnose der Kopten“ dokumentiert sind, glaubte er darlegen zu können, wie sich die beiden Gruppen bezüglich einer „beiden gemeinsamen Negerkomponente“ verhalten.


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