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Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
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August Leopold Crelle / Lebenslauf
UAH II, 5a, Nr. 12, Bl. 99-101

Aus dem Lateinischen übersetzt

Ich bin am 17. März 1780 in Wriezen a.d. Oder geboren. Mein Vater war damals Aufsichtsbeamter über die Flußdeiche. Hier erhielt ich meine ersten schulischen Kenntnisse vermittelt. Mit 12 Jahren übersiedelte ich mit meinen Eltern nach Königsberg, wo mich weiterhin ein Hausleherer und andere Privatlehrer unterrichtet haben. Als ich nun auf diese Weise das Gymnasialpensum abgeschlossen hatte, folgte ich meiner besonderen persönlichen Neigung und widmete mich an der dortigen Universität der Gewinnung umfassender mathematischer Kenntnisse, insbesondere wandte ich mich mit größter Hingabe und Beflissenheit bis zu meinem 21. Lebensjahr dem Studium der Bauwissenschaft zu.

In diesem Jahr habe ich mich in Königsberg dem ersten wissenschaftlichen Examen, welches von den Königlichen Prüfungskommissaren abgenommen wurde, unterzogen. Als ich mich bald darauf nach Berlin begeben hatte. habe ich hier das sogenannte große Examen mit gutem Erfolg bestanden. Für diese Prüfung habe ich eine deutsch abgefaßte Arbeit geschrieben über das Thema »Theorie des Windstoßes mit Anwendung auf Maschinen u.s.w.«; sie ist später im Verlag der »Realschule« im Druck erschienen. Mit dieser Probe meiner wissenschaftlichen Bildung - wie auch immer sie war - anscheinend genügend zufrieden, beauftragte mich der damalige Kommissar für das Bauwesen, ein Freund des Königs in Ostpreußen, auf Staatskosten eine Studienreise nach Frankreich und Süddeutschland zu unternehmen, um dort weitere Kenntnisse zu erwerben. Nach meiner Rückkehr habe ich mich in Berlin - durch zwei Jahre in derselben Weise von dem erlauchten Herrn staatlich unterstützt - ganz meinen Studien gewidmet.

Nach dieser Zeit nun leitete ich auf Königlichen Befehl die Einrichtung von Staatsbauten in Preußen. Nach Ausbruch des Krieges, durch den unser Vaterland den Franzosen ausgeliefert worden ist, bin ich in Braunsberg, meinem damaligen Wohnsitz, von dem unerbittlichen Feinde um mein ganzes Vermögen gebracht, an der Ausübung meiner bisherigen amtlichen Tätigkeit gehindert und schließlich gezwungen worden, im Jahr 1808 nach Berlin zurückzukehren.

In dieser Zeit lag das Königreich Preußen so gut wie vernichtet am Boden, und es war nicht leicht, einen Ort zu finden, auf dem ich Fuß fassen und für meinen Teil dem Wohl meiner Mitbürger dienen konnte. Als ich hier fast ein ganzes Jahr müßig zugebracht und umsonst auf eine Besserung der Verhältnisse gewartet habe und nichts mehr besaß, womit ich meinen Lebensunterhalt bestreiten konnte, zog ich deshalb nach Angebot eines staatlichen Honorars auf eine Berufung 1809 nach Kassel in Hessen, um u.a. die Leitung des staatlichen Bauwesens zu übernehmen. Hier war ich zunächst auch anderthalb Jahre Präfekt für das Flußdeichwesen für das Magdeburger Gebiet; alsbald wurde ich sodann in den Geheimen Rat für staatliche Kunstbauten aufgenommen und erhielt von Bülow, dem jetzigen Finanzminister des Königs von Preußen - er bekleidete damals ein ähnliches Amt im Nachbarland - die Leitung des gesamten Königlichen Bauwesens in Westfalen übertragen. Als der erwähnte hohe Herr von seinem Amte zurücktrat, war mir dadurch einerseits die Möglichkeit der Wahrnehmung meines Amtes ungewiß geworden, andererseits wollte ich auch, um die seit langer Zeit völlig vermißte, für die überaus notwendige Vertiefung der Mathematik erforderliche Muße zu gewinnen, von mir aus vom Posten der staatlichen Bauaufsichtsleitung abberufen werden, wobei nur die Stellung im Königlichen Rat beibehalten werden sollte.

Deshalb habe ich, um etwas intensivere mathematische Arbeiten aufzunehmen, bei weitem besser gerüstet als vorher, in anderthalb Jahren meine Arbeit »Differential- und Integralrechung« geschrieben; gleichzeitig habe ich mich um eine Professur für diese Wissenschaft beworben, die ich auch an der Universität Göttingen vermutlich schon längst bekleidet hätte, wenn nicht der bald folgende Wandel aller Verhältnisse in diesem Lande dem in den Weg gekommen wäre.

Nach Berlin also von neuem zurückgekehrt und vorzüglich bestrebt, eine staatliche Dozentur für Mathematik zu erhalten - bisher habe ich dort als Privatmann gelebt - erhielt ich jetzt den Lehrstuhl für Mathematik am Joachims(thalschen) Gymnasium zu Berlin - allerdings nur auf Zeit - übertragen. Die Hoffnung auf Sicherheit meiner Verhältnisse haben die Leiter dieser Schule durch die Zusage, daß mir die entsprechende feste Anstellung bald angeboten werden solle, freundlich ermuntert.

Nunmehr bemühe ich mich auch, durch die erlauchte Universität Heidelberg zum Doktor der Philosophie ernannt zu werden, damit ich als öffentlicher Professor der Mathematik auch Fortgeschrittenere und solche, die sich ganz dieser Disziplin gewidmet haben, mit staatlicher Befungnis unterweisen kann und so das auf diesem Gebiet erstrebte Ziel, das zwar hochgesteckt, aber auch des freiens Studiums am würdigsten ist, erreiche.

Niedergeschrieben Berlin, Oktober 1815

August Leopold Crelle


Zitiert aus:

Dokumente zur Biographie von August Leopold Crelle / Wolfgang Eccarius und Anton Ott
In: NTM. - 11 (1974), S. 11-15


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