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Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
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Allgemeine Deutsche Biographie — August Leopold Crelle

Cantor, Moritz: Crelle
In: Allgemeine Deutsche Biographie. - Bd. 4 (1876), S. 589-590
     externer Verweis Originalseiten aus dem Münchener DigitalisierungsZentrum


Crelle: August Leopold C.,   Mathematiker und Bautechniker, geb. zu Eichwerder bei Wriezen a. O. 11. März 1780, † zu Berlin 6. Oct. 1855. Sohn eines königl. Deichinspectors und nicht in der Lage eine Lehranstalt zu besuchen, war er wesentlich Autodidakt in dem Sinne, daß er sein Wissen aus Büchern schöpfte, die er allein studirte. Seine Neigung zog ihn zu theoretischmathematischen Untersuchungen; die äußeren Verhältnisse wiesen ihn aber auf das Wegebaufach, in welchem er nach bewährter Tüchtigkeit im preußischen Staatsdienste als geheimer Oberbaurath und Mitglied der Oberbaudirection eine hervorragende Stellung einnahm, welche in späterer Zeit auch gestattete, daß er sich seiner Lieblingswissenschaft ungestört hingeben konnte. Seit 1824 wurde er nämlich von Staatswegen nur zu mathematischen Arbeiten für das Unterrichtsministerium verwandt, und 1849 entsagte er aus Gesundheitsgründen vollständig dem Staatsdienste. Von den praktischen Arbeiten aus Crelle's erster Lebensperiode werden viele zwischen 1816 und 1826 unter seiner Leitung entstandene Kunststraßen gerühmt. Die Berlin-Potsdamer Eisenbahn wurde nach seinem Entwurfe gebaut. Hierher gehört auch Crelle's „Handbuch des Feldmessens und Nivellirens“, Berlin 1826 und einige den Eisenbahnbau betreffende Monographien, endlich das in 30 Bänden durch C. herausgegebene „Journal für die Baukunst“, Berlin 1829-51, in welchem viele Aufsätze von ihm selbst herrühren. Crelle's Name ist unter den Mathematikern weitaus am bekanntesten durch das 1826 von ihm gegründete „Journal für reine und angewandte Mathematik“, welches auch nach Crelle's Tode unter der Hauptleitung von Borchardt fortbestehend im allgemeinen als Crelle's Journal weiterbezeichnet zu werden pflegt. Crelle schuf damit, für die ersten Bände sich wesentlich auf die schriftstellerische Fruchtbarkeit seiner beiden jungen Freunde Abel und Steiner verlassend, die erste mathematische Zeitschrift in deutscher Sprache, nachdem den deutschen Mathematikern seit dem Eingehen der Leipziger Acta eruditorum ein vaterländisches periodisches Fachorgan überhaupt gefehlt hatte, so daß Steiner z. B. seine ersten Arbeiten in Frankreich in den von Gergonne herausgegebenen Annales de mathématique veröffentlichen mußte. Crelle's Journal erschien bis zum Tode seines Gründers in 50 Bänden von je 4 zwanglos erscheinenden Heften, so daß etwa auf je 7 Monate ein Band kam. Es wurde bald der Stapelplatz nicht blos deutscher Mathematiker. Auch französische, schwedische, englische, italienische, russische Gelehrte wetteiferten ihre Arbeiten in dem deutschen Blatte zum Abdrucke zu bringen, welches dadurch für eine geraume Zeit das Hauptorgan der Mathematik überhaupt wurde, und diese hervorragende Stellung auch dann noch nicht völlig einbüßte, als in allen Ländern Europa's mathematische Fachzeitschriften in größerer Zahl entstanden. C. selbst schrieb 44 Aufsätze in sein Journal, wovon seine „Encyklopädische Darstellung der Theorie der Zahlen“, Berlin 1845 in besonderem Abdrucke erschien. Auch sonst war er als mathematischer Schriftsteller fruchtbar, und seine Uebersetzungen von Legendre's Geometrie (1822, 4. Auflage 1844) und von Legrange's Werken (1823 und 1824), seine „Rechentafeln, welche alles Multipliciren und Dividiren mit Zahlen unter 1000 ganz ersparen etc.“, Berlin 1820, aber auch sein „Versuch über das Rechnen mit veränderlichen Größen“, seine „Sammlung mathematischer Aufsätze“, sein „Versuch einer allgemeinen Theorie der analytischen Facultäten“, sein „Lehrbuch der Arithmetik und Algebra“, sein „Lehrbuch der Elemente der Geometrie und der ebenen und sphärischen Trigonometrie“ folgten einander bis 1827 in rascher Reihenfolge. Seit 1828 gehörte er als Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Berlin an, deren Abhandlungen er etwa um 20 Beiträge bereicherte. C. hat als Mathematiker keine bahnbrechenden Entdeckungen gemacht, aber seine Schriften sind sämmtlich fleißig gearbeitet und enthalten durchgehends nicht uninteressante neue Resultate. Seine Lehrbücher, dem Titel nach „vorzüglich zum Selbstunterricht bestimmt“, zeichnen sich durch große Reichhaltigkeit des Stoffes und durch für ihre Zeit kaum gewohnte Strenge der Beweisführungen aus. Leider verbinden sie damit den Mangel an schriftstellerischer Eleganz, an dem C. überhaupt leidet. Wären seine Werke angenehmer geschrieben, so würden sie gewiß sich größere Bekanntschaft und weitere Anerkennung erworben haben, als dieses bei ihrer gegenwärtigen Form der Fall ist.

Vgl. Brockh. Conv.-Lex. 11. Aufl. Bd. IV, S. 814.

Cantor.    




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