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Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
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Nancy T. Greenspan:
Max Born in Heidelberg

Wie die wandernden Scholaren des Mittelalters immatrikulierte Max Born sich mehrfach an anderen Universitäten. Die Studenten wechselten die Universitäten gern entsprechend der Jahreszeiten und tauschten die Orte mit wichtigen kulturellen Höhepunkten oder Skifahrfreuden gegen diejenigen mit hohem sommerlichem Freizeitwert. So zogen Max Born und sein Vetter Hans Schäfer im April 1902 für ein Sommersemester nach Heidelberg, die schöne zwischen Neckar und den Hügeln des Odenwalds gelegene alte Stadt. Born mietete ein Zimmer in der Neuen Schlossstraße, die steil zum alten Heidelberger Schloss hinauffuhrt; unvergesslich blieb ihm das Bild eines geharnischten Ritters im Eingangsgewölbe.

Die Vettern Hans und Max (ihre Mütter waren Schwestern) hatten viele Sommer gemeinsam in Tannhausen verbracht und teilten auch akademische Interessen. Schäfer studierte Chemie, bildete sich zum Färbereiexperten aus und trat später in die Familienfirma ein. Das alles lag noch in der Zukunft, jetzt begann ein Sommer mit vielen „sorglosen Tagen“, zumal sie in der ersten Mathematikvorlesung über Determinanten den jungen Geologiestudenten James Franck kennen lernten. Ihnen war „sehr bald klar, daß Franck unser Mann war“.

Die drei überarbeiteten sich nicht, sondern genossen das Studentenleben und freuten sich an der Geselligkeit. Gelegentlich mieteten sie ein Boot und bewiesen ihre Kraft, indem Born und Franck gegen den Strom ruderten, während Schäfer, der seit einem Reitunfall einen verkrüppelten Arm hatte, steuerte und navigierte. Die Spaziergänger am Ufer feuerten das Trio mit Zurufen an. Nach der gelungenen Landung auf einer der kleinen felsigen Neckarinseln spielten sie Skat und tranken Bier.

Wenn sie in Heidelberg die alten Bierlokale besuchten, schrieben sie oft Kartengrüße, so an Schäfers Schwester Helene, auf deren Karte Mäckerle (wie Born sich nannte) mit unsicherer Hand zwei fechtende junge Männer gezeichnet hatte, beide mit Schnurrbärten und Blut an ihren Degen. Das war Anfang Mai. Als Helene dann mitten im Sommer zu Besuch kam, holten die beiden Fechter sie am Bahnhof ab. Sie hatten jetzt einen Vollbart — das Rasiergeld hatten sie für anderes ausgegeben.

Born nannte Franck gutmütig „Strudelkopf“, weil er sich nicht für ein Studienfach entscheiden konnte. Darin waren sie sich ähnlich, aber sonst gab es viele Unterschiede. Franck beschrieb Born später einmal als Klassiker und sich selbst als Romantiker. Born fand bei Franck eine besondere Klugheit, einen „besonderen persönlichen Charme“; er war intelligent und „bei allem der beste Kamerad“. Franck dagegen lobte die „Klugheit und Güte“ seines Freundes. Diese Freundschaft hielt ungewöhnlichen Belastungsproben Stand.

Die schönen Sommertage fanden ein Ende, als Franck sich entschloss, in Berlin zu studieren, und die Vettern nach Italien reisten. Born hatte dort einen schweren Asthmaanfall, kehrte nach Breslau zurück und stand erneut vor dem Dilemma der Berufswahl. Er gedachte sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und das gründlich, etwa als bedeutender Ingenieur, wie Werner von Siemens oder Ernst Abbé. Das neuerwachte Interesse an der Mathematik jedoch eröffnete neue Möglichkeiten.


S. 25-26 aus
Greenspan, Nancy Thorndike: Max Born - Baumeister der Quantenwelt : eine Biographie / Aus dem Engl. übersetzt von Anita Ehlers. -
Signatur UB Heidelberg: 2005 H 754


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