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Mein Leben / Leo Koenigsberger

Heidelberg 1884 - ....

Koenigsberger als Rektor
Leo Koenigsberger
Quelle: Archiv der Universität Heidelberg

(Seite 181) Der Anfang unserer neuen Heidelberger Zeit war für uns nicht leicht, denn es galt, an demselben Orte sich in völlig veränderte Verhältnissse einzuleben — aber das herzliche Entgegenkommen unserer alten Freunde half uns, alle Schwierigkeiten zu überwinden. Am 30. Dezember 1884 schreibt mir Oppolzer aus Wien:

„Du fühlst Dich in Heidelberg wohl und behaglich; als Freund freut mich das, als Wiener minder; doch da in mir ohne Zweifel das Gefühl der Freundschaft überwiegt, so habe ich Deinen Brief mit Befriedigung gelesen.“

Ich verfaßte gleich am Anfage zu dem bevorstehenden Jubiläum eine Festschrift: „ Beweis von der Unmöglichkeit der Existenz eines anderen Functionaltheorems als des Abel'schen,“(7.1), welche wenige Jahre später zu einer Korrespondenz mit Sophus Lie führte, die seitdem bereits wissenschaftlich verwertet wurde.

Das 500jährige Jubiläum der Universität im Jahre 86 mit all seinen Freuden und Leiden ist (Seite 182) mir durch die Anwesenheit Hermite's, der acht Tage in meinem Hause(7.2) zusammen mit Fuchs und Zeuner wohnte, in freudigster Erinnerung geblieben, und besonders der Tag war für mich denkwürdig, an dem Hermite, Fuchs, Helmholtz, Bunsen, Roscoe, Brioschi und so viele andere hervorragende Freunde, zu denen sich nachmittags noch Usener und Mommsen gesellten, einen Mittag bei uns verlebten.

Interessant war mir der Brief Hermite's, den er an meine Frau und mich richtete und in dem er, und im Namen seiner Familie sein Schwiegersohn Emil Picard für die ihm zuteil gewordene Aufnahme seinen Dank ausspricht und der Freude darüber beredten Ausdruck gibt, daß ihm bei mir Gelegenheit gegeben wurde, außer den ausgezeichneten damals hier anwesenden Mathematikern Männer wie Bunsen, Usener, Mommsen und General von Horn kennen zu lernen — er, der Lothringer, und der hochgebildete, feinsinnige frühere Militärattaché der preußischen Gesandtschaft in Paris sahen kein Hindernis zu häufiger und wirklich freundschaftlicher Annäherung, wie er schon in ähnlicher, wahrhaft vornehmer und eines großen Gelehrten würdiger Denkweise mir im März 77, als ich eben Deutschland verlassen wollte, um dem Rufe nach Wien zu folgen, geschrieben:

„Me permettez vous Monsieur, de vous confier, qu'au moment, où quittez l'Allemagne, je vais m'y rendre, pour répondre l'invitation d'assister aux fêtes du centenaire de Gauß, dont m'a honoré la société Royale de Göttingue. Je n'ai point besoin de vous dire, que je désire ainsi témoigner, que des Français, malgré les malheurs de la France, aiment et honorent la science Allemande, sans moins aimer ni honorer pour cela leur patrie. Ces sentiments d'estime et de sympathie (Seite 183) entre ceux qui se vouent aux mêmes études, je vous prie Monsier d'en agréer le nouveau et sincère témoignage; j'y joins mes voeux pour le succés de votre enseignements, la continuation de vos travaux d'analyse.“

Aber ich muß hier noch eines Umstandes gedenken, der mir damals schwere Stunden bereitet hat und mir noch heute in der Erinnerung unangenehme Empfindungen hervorruft. Die Wahl des Prorektors für das Jubiläumsjahr schwankte zwischen Kuno Fischer und Bekker; mit beiden war ich befreundet, mit Bekker jedoch durch meine Greifwalder Zeit weit enger verbunden. Ich mußte mich entscheiden, und die Überlegung, daß Fischer der ältere war, außerdem durch die Natur seiner Wissenschaft sowie durch seine speziellen Studien zum Jubiläumsredner mehr befähigt, und sein Name auch den außerdeutschen Gelehrten, die sich zahlreich zu dem Feste einfinden wollten, mehr bekannt sei, bewog mich, für Fischer zu stimmen, nachdem ich meinem verehrten alten Freunde Bekker, der sich für meine Rückkehr nach Heidelberg so sehr interessiert hatte, vorher meine Absicht und die Beweggründe meines Handelns in Ruhe dargelegt hatte. Ich bin es seinem Andenken schuldig, es heute auszusprechen, daß er mich an eine ähnliche Lage in Greifswald erinnerte, in der ich gegen den Willen meiner Freunde und liberalen Gesinnungsgenossen seine Wahl zum Rektor durchsetzte, und daß er mir meine Wahl von Fischer nie nachgetragen, daß vielmehr unsere Freundschaft ungetrübt noch 25 Jahre fortgedauert und manche harte Probe glücklich überstanden hat.

(Seite 184) Im Sommer 89, wenige Wochen bevor wir unser neu erbautes Haus(7.3) in der Kaiserstraße bezogen, das allen unsern Wünschen angepaßt war, tagte die Naturforscherversammlung(7.4) in Heidelberg, auf welcher Hertz uns in seinem berühmt gewordenen Vortrage seine fundamentalen Entdeckungen mitteilte; ich hatte ihn nie gesehen, wiewohl er, wie er mir sagte, mein Zuhörer in Dresden gewesen, und in Karlsruhe lebte er still und zurückgezogen, daß man dort wie hier kaum wußte, daß ein Physiker ersten Ranges am Polytechnikum tätig sei — als einst Helmholtz vom Großherzog, mit dem er in Berlin zusammentraf, gefragt wurde, was es Neues und Großes in der Physik gäbe, antwortete ihm dieser, „das werde alles in Karlsruhe gemacht“, und stellte dem darüber hocherfreuten Landesherren die Entdeckungen von Hertz in ihrer ganzen Größe dar.

Als ich am Tage seines Vortrages ihn, Helmholtz, Kundt, Paalzow, Wiedemann und andere hervorragende Naturforscher und Mathematiker als Mittagsgäste in meinem Hause versammelte, hielt ich eine kurze Tischrede, in der ich unser aller Staunen und Bewunderung über die völlig neuen und ungeahnten Resultate seiner Forschungen Ausdruck lieh — wobei er sich in seiner Bescheidenheit wie ein schamhaftes Kind die Serviette vor die Augen hielt — und als ich ihn in meiner Anrede scherzhaft fragte, ob er denn nicht die Rätsel der Attraktionskraft ähnlich lösen könne, rief er schüchtern dazwischen: „Dazu habe ich noch nicht den Mut“. Meine an die anwesenden Gäste gerichtete Bitte, (Seite 185) auf das Wohl des „nächst Helmholtz größten Physikers der Jetztzeit“ zu trinken, hat, wie ich nachher hörte, bei mehreren der anwesenden älteren Physiker Befremden erregt, und noch am folgenden Tage bei der Verabschiedung von meiner Frau eine interessante Unterhaltung zwischen Hertz und Kundt veranlaßt.

Im Mai 1894 schrieb mir Helmholtz:

„Verehrter Freund!

Ich habe durch Dr. Hans Müller, einen der Curatoren der Peter-Müller-Stiftung, erfahren, daß Sie eingewilligt haben, die Stellung als Preisrichter für die in diesem Jahre zu erteilende Vergebung eines mathematischen oder mathematisch-physikalischen Preises (von 15000 Mark) zu übernehmen. Ich erlaube mir Ihnen als den mit dem Preise zu Krönenden den im Anfange dieses Jahres verstorbenen Heinrich Hertz vorzuschlagen. Was die Größe seiner Entdeckungen und deren wissenschaftliche Durchführung betrifft, so glaube ich ihn allen Zeitgenossen voranstellen zu müssen. Der Umstand, daß er gestorben ist, schließt, soweit ich aus den Statuten erkennen kann, die Ertheilung des Preises nicht aus, auch reichte sein Leben noch in dieses Jahr hinein. Ich habe darüber auch den vorgenannten Dr. Hans Müller befragt, der derselben Meinung war, und dem mein Vorschlag zu gefallen schien, er wollte nur keine definitive Antwort ohne Rücksprache mit den andern Curatoren geben.

Wenn Sie dem Vorschlage zustimmen, der mir auch eine Schuld unserer Nation zu tilgen scheint, (Seite 186) insofern Hertz während seines Lebens von den deutschen Landsleuten viel weniger geehrt worden ist, als vom Auslande, viel weniger jedenfalls, als seinen Verdiensten entsprach, so können wir die Abstimmung kurz schriftlich abmachen. Haben Sie Zweifel oder wollen Sie einen andern Vorschlag machen, so bitte ich Sie, es mich wissen zu lassen. Wir müssen dann eine Zusammenkunft verabreden, wozu ich Bonn vorschlagen möchte, da Lipschitz von uns dreien das Reisen wohl am schlechtesten verträgt.

Ich bleibe noch bis 2. August hier, gehe dann nach Gastein, Mitte September nach Wien zur Naturforscherversammlung. Unser Endurteil wünscht man nur vor Ende des Jahres zu haben.

Darf ich Sie bitten, mich zu benachrichtigen, welche Zeit Ihnen am besten passen würde. ......“

Lipschitz und ich stimmten dem Vorschlage von Helmholtz zu — unsere Antworten konnte er sich nur noch vorlesen lassen, am 8. September starb er. Das Kuratorium mußte auf Grund der Statuten am Anfange des nächsten Jahres den Vorschlag ablehnen, Lipschitz trat aus Gesundheitsrücksichten aus der Kommission. Auf Wunsch des Kuratoriums schlug ich zwei neue Kommissionsmitglieder vor, Warburg und Planck, und Weierstraß erhielt auf meinen Vorschlag den Preis.

Unser Leben verlief nun mit zunehmendem Alter immer ruhiger und gleichmäßiger. Meine Dozententätigkeit, welche nicht nur durch die bisherigen ausgezeichneten Lehrkräfte von Cantor und Köhler, sondern auch in den letzten Jahren (Seite 187) durch den hervorragenden Mathematiker und anregenden Lehrer Georg Landsberg wesentlich unterstützt wurde, gestaltete sich weit über Erwarten gut, ausgezeichnete junge Männer, die wieder später viele Lehrstühle der Mathematik, Physik, Astronomie an deutschen und ausländischen Universitäten und technischen Hochschulen zierten, wie Ph. Lenard, M. Wolf O. Mie, K. Boehm u. a. darf ich als meine Schüler bezeichnen. Zugleich gewann ich durch zeitweise vollständiges Zurückziehen vom gesellschaftlichen Leben hinreichende Zeit für meine wissenschaftlichen Arbeiten, die eigentlich nur durch einen regen Umgang mit Bunsen, Bekker und Kühne unterbrochen wurden.

Bekker heirate unmittelbar nach seinem Prorektorat die Witwe des Greifswalder Arztes Quistorp, in dessen Hause er schon dort verkehrte, und nun wurde sein Haus hier der Sammelpunkt des materiellen und geistigen Arbeiterrates von Heidelberg — es war die Zeit des üppigsten Wohllebens unserer Professorenwelt. Und Bekker war durch seine Vielseitigkeit zur Führerschaft geeignet wie keiner. Schon in Greifswald zeigte er auch mathematische und physikalische Interessen, die ursprünglich durch den Unterricht von Schellbach in ihm wachgerufen waren, und er hatte sich dann weiter durch die Lektüre guter populärer Werke, ja sogar streng wissenschaftliche Abhandlungen recht gute Kenntnisse erworben. Er war stets sehr erfreut, wenn er sich von mir über Spektralanalyse, Kegelschnitte, astronomische Probleme usw. Auskunst holen konnte — dies aber meist zu Hause, wo Bleistift (Seite 188) und Papier zur Hand waren. Auf größeren Spaziergängen liebte er es, sich über philosophische Themata, religiöse und politische Fragen zu unterhalten. Er hatte in seinem langen und bewegten Leben viel schwierige Probleme zu durchdenken und war daher auch nachsichtig gegen die Ansichten anderer ernster Denker — in der Politik gab es aber für ihn nur einen unumstößlichen Satz und das war die rückhaltlose Anerkennung der Größe Bismarcks. Schon in seiner Greifswalder Zeit hatte er ein halbes Jahr im Ministerium des Auswärtigen bei Bismarck gearbeitet, da er sich mit dem Gedanken trug, ganz in den diplomatischen Dienst überzutreten, war aber nach einigen bösen Erfahrungen — und dies war zu seinem Glück — wieder in die Gelehrtenlaufbahn zurückgekehrt. Aber seine Verehrung gegen Bismarck nahm beständig zu, und daher in den 90er Jahren seine Erbitterung über die Kaltstellung des großen Staatsmannes; rückhaltlos bekannte er sich zu dessen Anschauungen, daß sich Deutschland in sich kräftigen und entwickeln, nicht seine Macht zur See ins Unbegrenzte steigern, nicht nach der Weltherrschaft streben solle, er klagte darüber, daß sich die deutsche Nation beim Sturze Bismarcks würdelos benommen und ließ sich oft — wie dies in seiner Natur lag — zu der extrem pessimistischen Prophezeiung hinreißen, daß die Deutschen einst wie die Juden nur als Fremdkörper in andern Nationen ihre kulturellen Aufgaben erfüllen werden.

Mit Weierstraß korrespondierte ich noch häufig über Fragen aus der Funktionenlehre, die der unerreichte Meister stets mit genialem Scharfsin angriff (Seite 189) und beantwortete; nur selten blieb eine Frage unerledigt. So schreibt er im März 86 aus Montreux:

„Wenn irgend eine unendliche Reihe algebraischer Zahlen a0, a1, a2, .... gegeben ist, so läßt sich stets eine tranzendente Funktion f(x), welche durch eine Potenzreihe von x mit lauter rationalen Koeffizienten darstellbar ist, herstellen, welche für jeden in der Reihe a0, a1, a2, .... enthaltenen Wert von x einen algebraischen Wert hat. Übrigens bezweifle ich stark, daß es überhaupt möglich sei, allgemein festzustellen, wie die Koeffizienten einer Potenzreihe beschaffen sein müssen, wenn der Wert der Reihe stets eine tranzendente Zahl sein soll, sobald ihr Argument eine algebraische Zahl ist,“
und ohne noch meine Antwort abzuwarten, schreibt er zwei Tage später in Widerlegung eines ihm von einem jüngeren Mathematiker am 16. März mitgeteilten Satzes, daß eine ganze rationalzahlige transzendente Funktion nicht für alle rationalen Zahlen rationale Werte annehmen könne,
„.... es fehlt in der Mitteilung in meinem letzten Briefe der strenge Beweis dafür, daß die von mir mit f(x) bezeichnete Funktion, unter der Annahme, daß a0, a1, a2, ... sämtliche rationale Zahlen umfassen, nicht immer eine rationale Funktion sei, wie man auch die in ihr enthaltenen rationalen Zahlen annehmen möge“
und diesem Mangel hilft er durch eine leichte Modifikation in der Bildungsweise der Funktion f(x) ab.

(Seite 190) Mit Rücksicht auf eine vor 2 Jahren und jetzt wieder neu erwachte Agitation bezüglich der Frage, ob Gymnasien oder Realschulen die bessere Vorbildung für das Studium der Medizin und Naturwissenschaften liefern, ist es vielleicht nicht ohne Interesse, auf die im Juli 88 bei Gelegenheit der Reformbewegung der Gymnasien von einer großen Zahl von deutschen Gelehrten abgegebenen Erklärung hinzuweisen, in welcher der Wunsch ausgesprochen war, die Stellung der alten Sprachen auf den Gymnasien nicht zu beeinträchtigen, und dieser Erklärung waren in Heidelberg Bunsen, K. Fischer, Gegenbaur u. a. beigetreten. Wie ich mich schon in Greifswald vor nahezu 60 Jahren auf eine Anfrage des Ministers v. Mühler dagegen ausgesprochen habe, der Gleichmäßigkeit halber zu Gunsten der neu zu gründenden Realschulen den Unterricht in den alten Sprachen auf den Gymnasien — von Reformen desselben abgesehen — zu beschränken, so ist auch meine Ansicht bis heute dieselbe geblieben, daß die Gymnasien nicht weniger geeignet seien, eine ausreichende Vorbildung für das Studium der Naturwissenschaften zu gewähren als die Realschulen, und so habe ich auch im Jahre 88 die mir von dem Kollegen Uhlig vorgelegte Erklärung unterzeichnet. Dieser ersuchte mich, auch Helmholtz für die Unterzeichnung derselben zu gewinnen — aber das gelang mir nicht; Helmholtz schrieb mir am 26. Oktober 1888:

„Die mir von Ihnen zugesendete Erklärung zu Gunsten der Gymnasien beabsichtige ich nicht zu unterschreiben. Erstens liebe ich überhaupt nicht (Seite 191) solche öffentliche Erklärungen von Privatleuten, die, soweit ich gesehen, immer vollkommen fruchtlos verlaufen, zweitens glaube ich allerdings, daß unsere Gymnasien sich in eine falsche Richtung verlaufen haben, wenn ich auch das Griechische in unsern Schulen ersten Ranges nicht gestrichen zu sehen wünsche. Aber ich finde mich nicht veranlaßt durch eine freiwillig und spontan abgegebene Erklärung ohne berufsmäßige Veranlassung für die jetzige Richtung der Gymnasial-Philologie in die Schranken zu treten, ohne dabei gleichzeitig zu sagen, was ich gegen sie auf dem Herzen habe.

Dies zu meiner Entschuldigung, da ich Ihnen ungern eine Bitte abschlage.“

Welche Resultate die gleich darauf in Berlin einsetzenden Beratungen bezüglich dieser Frage gehabt haben, ist bekannt.

Noch im Jahre 89 veröffentlichte ich mein „Lehrbuch der Theorie der Differentialgleichungen“(7.5), welches eine zusammenhängende Darstellung der von mir bisher angestellten Irreduktibilitätsuntersuchungen sowie eine Ausdehnung der von Weierstraß, Fuchs und Poincaré gegebenen Theorien der Integrale linearer und allgemein algebraischer Differentialgleichunen enthält. Meine weiteren Arbeiten führten mich nun immer mehr der analytischen Mechanik zu, und ich veröffentlichte in den mathematischen Journalen und in den Sitzungsberichten verschiedener Akademien eine größere Reihe von Aufsätzen, welche sich mit der Ausdehnung der Prinzipien der Mechanik und der Potentialtheorie auf solche Kräfte beschäftigen, welche von höheren (Seite 192) Differentialquotienten der Koordinaten nach der Zeit als dem zweiten abhängen. Daß diese Ausdehnung der Potentialtheorie auch andern Mathematikern nicht fern gelegen zu haben scheint, zeigte mir ein Brief von Beltrami aus Rom vom 24. Februar 98:

„Mais ce que je voulais surtout vous dire après la réception de vos deux dernières notes à l'académie de Berlin c'est que vous traitez un sujet, dont j'avais commencé a m'occuper il y a plusieurs années, sans cependant rien publier autrement que (en petite partie) par des leçons, que je donnais alors à l'Université de Pavia. Je me rappelle en particulier que, pour le cas de la loi de Weber j'exposais analogue à celui de Poisson, .......“

Mit meinem geliebten und hochverehrten Lehrer Weierstraß habe ich über diese Fragen nicht mehr korrespondiert — er starb 81 Jahre alt am 19. Februar 1897.

Mein Prorektoratsjahr 94/95 ist mir dadurch unvergeßlich, daß mir die Ehre zuteil wurde, als Vertreter der Universität mit den andern Rektoren der deutschen Universitäten zum 80. Geburtstage Bismarcks nach Friedrichsruhe gehen zu dürfen; der Eindruck seiner machtvollen Persönlichkeit, die in Form und Inhalt gewaltige an uns gerichtete Ansprache zur Zeit seines höchsten Grolles über die Wendung seines Geschicks und, wie er fürchtete, ganz Deutschlands, die begeisterte und ergreifende Ovation der Studierenden des gesamten Vaterlandes, das denkwürdige Frühstück, bei dem Weißmann und ich (Seite 193) durch Zufall das Glück hatten, dem gestürzten Kanzler gegenüber zu sitzen, hinter dessen Stuhl seine Kinder und Schwenninger bereit standen, jedem seiner Winke zu folgen, kurz alles, was ich in diesen Tagen erlebt, wirkt bis heute in der Erinnerung noch mächtig nach und bildete damals für uns alle einen grandiosen Abschluß der großen Erlebnisse der Jahre 70 und 71 — wie traurig und niederdrückend stimmen nun heute diese Erinnerungen den Greis, der die meisten der Schöpfungen Bismarcks in Scherben und Trümmern vor sich liegen sieht!

Unmittelbar nach meinem Prorektorat mußte ich einen teils durch Mißverständnisse, teils durch Übereilung von seiten eines in seiner Wissenschaft hochangesehenen Kollegen hervorgerufenen Angriff(7.6) abwehren, der mir am Anfange schwere Stunden bereitet hat. Bei der Besetzung einer Professur in der theologischen Fakultät hatte ich im Engeren Senat den Standpunkt vertreten, den ich stets in meinem akademischen Leben eingenommen, daß sich bei Streitigkeiten innerhalb dieser Fakultät die Universität als solche nicht einmischen sondern die Entscheidung dem Übereinkommen der Regierung und der Fakultät überlassen soll. Diese Meinungsäußerung von meiner Seite wurde von jenem Kollegen, der in politischen und kirchlichen Dingen einen radikal liberalen Standpunkt einnahm, der mir sonst in vieler Beziehung sympatisch war, in reaktionärem Sinne gedeutet, und der Mann, für den sonst nie persönliche, sondern stets nur sachliche Motive maßgebend waren, suchte in einer geschlossenen politischen Parteiversammlung meine Gesinnung (Seite 194) in maßloser Weise zu verdächtigen. Als nun seine Äußerungen durch Indiskretion in die Öffentlichkeit kamen, war ich gezwungen, für die mir zuteil gewordene Beleidigung durch eine öffentliche Erklärung Genugtuung zu verlangen. Der durch seine Wahrheitsliebe und Offenheit überall hochgeschätzte Kollege gab nun zu meiner Freude in der Zeitung die Erklärung ab, daß er in den Jahren, in denen er mein Kollege ist, nie eine Veranlassung gefunden, an meiner rein sachlichen Auffassung aller amtlichen Dinge zu zweifeln, daß er in einer ihm selbst jetzt unbegreiflichen Verirrung jene Worte gesprochen, die er hiermit in voller Form zurücknehme, und daß er mich für jenen Vorfall um Entschuldigung bitte. Ich freute mich, einige Jahre später, als der Großherzog bei der Gründung unserer Akademie Windelband und mich aufforderte, ihm je zehn der bedeutendsten Mitglieder für jede Klasse vorzuschlagen, mit Wärme dem Vorschlage Windelbands, jenen Kollegen als eines der ersten Mitglieder zu bezeichnen, beitreten zu können. Leider erlebte er die Ernennung nicht mehr.

Helmholtz war im Jahre 94 gestorben und Frau v. Helmholtz sprach mir nach meiner Prorektoratsrede „Helmholtz's Prinzipien in der Geometrie und Mechanik“(7.7) wiederholt die Befürchtung aus, es könnte eine Biographie ihres Mannes von nicht berufener Seite geschrieben werde. So schrieb sie mir am 8. Dezember 1895:

„Lieber und verehrter Freund!
Ihre Rede habe ich erhalten, gelesen und so viel davon zu verstehen gesucht, als ich konnte. Sie (Seite 195) haben damit meinem Manne ein Denkmal gesetzt aus Geist von seinem Geiste, größer und schöner als je ein solches aus Erz und Stein es sein kann. Ihn so erfassen, sein Denken und Sein, den hohen Menschen in ihm, zu wissen, was er gewollt und gesucht hat, wie Viele können das? Wie schön und klar, in welcher vollendeten Form haben Sie die Seite seines Geistes dargelegt, die mir — Gott sei's geklagt — so fern und unzugänglich gewesen ist! Diese Unzulänglichkeit des eignen Vermögens habe ich in den ganzen 34 Jahren unseres schönen Zusammenseins immer als eine Art von Tragik empfunden. Es war mir schmerzlich in die innerste Geisteswerkstätte des Mannes, der mir Seele und Lebensinhalt war, nicht eindringen zu können. Aus Ihren Worten klingt mir der alte Schmerz, aber auch die Ahnung heraus von der Bedeutung und Tragweite aller Fragen, von denen ich so Vieles gehört, ohne es erfassen zu können. Was ich aber erfasse und fühle in Ihrer Rede ist der Geist, der daraus spricht, ist sein Geist und die Gesinnung, die ihn erfüllte; und mehr und mehr empfinde ich den Dank für Alles, was ihm das Leben an solchem Freunde, wie Sie ihm waren, geschenkt hat! Daß er uns genommen, verstehe ich weniger und weniger, und mit dem leeren Leben wieder wirthschaften zu müssen, ist wohl eine schwere Aufgabe. ..........“;
und wenige Monate später schreibt sie mir:
„Ihre herrliche Rede in der neuen Gestalt habe ich mit Ihren freundlichen Zeilen dankbaren Herzens erhalten. Sie ist und bleibt das schönste Monument, das dem theuren Manne gesetzt werden konnte. (Seite 196) Wenn ich darin lese und vom Gefühle tiefster Unzulänglichkeit sehr niedergedrückt werde, so erhebt und stärkt mich doch wieder die Wärme und Tiefe der Anerkennung und Liebe, die aus dem Werke spricht — und diese kann ich ja verstehen. ..... Aber Ihre Rede legt den Gedanken an eine vollständige Biographie sehr nahe. Wer soll diese machen? und wie müßte sie gemacht werden? Von Mehreren? Von einzelnen Fachmännern? und wer soll das Persönliche hinzufügen und das Alles zu einem einheitlichen Ganzen zusammenarbeiten? Roscoe wollte in England eine Biographie veranlassen, Bettelheim in Wien hat mir deshalb geschrieben und bat um Vorschläge — ich habe gar nicht geantwortet aus Angst, es könnte mir Jemand mein Material abfordern, was ich doch nicht Jedem geben würde. ......“

Aber ihrer Hindeutung auf die Abfassung einer Biographie von meiner Seite konnte ich wegen vieler eignen wissenschaftlichen Arbeiten und wegen meiner anstrengenden Dozententätigkeit kein Gehör geben. So starb auch sie, und ich blieb mit der Helmholtzschen Familie nur dadurch in Verbindung, daß der jüngste Sohn Fritz, der Zeit seines Lebens krank gewesen, von Baden-Baden, wo er eine kleine Besitzung hatte, häufig nach Heidelberg kam und mich dann regelmäßig besuchte. Als er endlich in Verzweiflung über sein Dahinsiechen sich bei Czerny einer Magenoperation unterwarf und nach derselben, da bereits alle Organe erkrankt waren, in der Heidelberger Klinik starb, erhielt ich von seiner Schwester, der Frau Ellen v. Siemens, die ich seit ihrer Kindheit (Seite 197) nicht wiedergesehen, die Mitteilung, daß die Totenandacht in der Kapelle des Heidelberger Krankenhauses stattfinden würde. Als ich mit nur wenigen Angehörigen der Familie und einigen alten Freunden am Sarge des Verstorbenen stand und den jähen Zusammenbruch des mit Glanz und Ruhm gesegneten Helmholtzschen Hauses an meinem Geiste vorüberziehen ließ, da faßte ich in tiefer Gefühlserregung den raschen Entschluß, eine Biographie des großen Forschers zu schreiben, und beschleunigte deren vollständige Fertigstellung meines eignen Alters wegen derart, daß ich kaum ein Jahr zur Ausarbeitung derselben brauchte.(7.8)

Dieser Entschluß wurde mir nicht nur durch die von vielen Fachgenossen mir zuteil gewordene anerkennende Beurteilung meiner Prorektoratsrede erleichtert, sondern auch wesentlich durch die Wahrnehmung, daß die Klarlegung der allgemeinen Prinzipien der Geometrie und Mechanik von Helmholtz auch in den Kreisen der Philosophen, die sonst diesen Fragen ziemlich fern standen, Beachtung gefunden. So schrieb mir Windelband, einer der hervorragendensten Forscher auf dem Gebiete der spekulativen Philosophie, der am 80. Geburtstage Bismarcks als Rektor der Straßburger Universität in Friedrichsruhe mit mir zusammengetroffen, am 7. Dezember 95 aus Straßburg:

„Sehr verehrte Magnificenz!
Herzlich dankbar bin ich Ihnen dafür, daß Sie meiner so gütig weiter gedenken und mir des zum Zeichen Ihre Abhandlung über Helmholtz zum (Seite 198) wertvollen Geschenk gemacht haben. Sie trifft mich grade rechtzeitig zu wesentlicher Unterstützung bei meinem Studium der Hertz'schen Mechanik, das Sie mir in Hamburg anempfohlen, zu dem ich leider erst jetzt gekommen bin, und bei dem mir doch manchmal die mathematisch-physikalische Puste ausgeht. Und dabei bin ich auf das äußerste interessirt dabei; denn den Logiker und Erkenntnistheoretiker geht auf das allertiefste grade die Schlußfrage an, welche in dem Titel von der — leider! nicht mehr ausgeführten Rede von Helmholtz angedeutet ist. Es vollzieht sich offenbar etwas ähnliches — aber ich spreche natürlich nur von der logischen Analogie — wie vor 100 Jahren durch Kant's dynamische Naturlehre: Die Auflösung der Substanzen in Functionen und Bewegungen! Aber welch' ein Unterschied, wenn man die Argumente jenes Dynamismus mit dem Apparat der heutigen Mechanik vergleicht! Grade Ihre Übersicht über die gewaltige Reihe der Helmholtz'schen Untersuchungen bringt mir das zum lebendigen Bewußtsein, zugleich aber auch die beschämende Frage, ob es gelingen kann, durch diese gehäuftesten Schwierigkeiten hindurch den Weg zu ihrer philosophischen Bearbeitung zu finden. So wenig ich das hoffen kann, so herzlich dankbar bin ich Ihnen dafür, daß Sie mir mit so glücklich formuliertem Material und so lebhaftem Stachel eine Anregung von großer Energie gegeben haben.“

Die Bearbeitung der Biographie war mir freilich nicht leicht geworden, da ich mich zunächst in vielen, zum Teil mir ganz fern liegenden Gebieten orientieren mußte, aber ich wurde auch reichlich durch die nachsichtige (Seite 199) Beurteilung meines Werkes von seiten hervorragender Mathmatiker und Naturforscher in öffentlichen Besprechungen und privaten Briefen dafür belohnt. Ich darf es mir nicht versagen, den freundlichen Zeilen zweier hervorragender Vertreter der Natur- und Geisteswissenschaften hier eine Stelle zu geben.

Der bekannte Astronom und langjährige Sekretär der Berliner Akademie Auwers schrieb mir am 30. November 1902 nach dem Erscheinen des ersten Bandes:

„..... Seitdem habe ich den Band auch gelesen und fühle mich nunmehr gedrungen, Ihnen auch noch persönlich tief empfundenen Dank auszusprechen für Ihre großartige Schilderung dieses wunderbaren Lebens, durch die Sie alle Verehrer unseres großen Meisters zu wahrhafter Dankbarkeit verpflichtet haben. Sie haben den ungeheuren Stoff so übersichtlich geordnet und trotz seiner für unsere Zeit beispiellos gewordenen Mannigfaltigkeit von jeder Seite her so anschaulich geschildert, daß ein auch für die nicht speciellen Fachgenossen überall, wenn nicht jedem in allen Details verständliches, doch überall begreifbares Bild entstanden ist, welches von der Größe des Mannes eine klare und wahre Anschauung hervorbringt, und in dessen überall ansprechende Züge mich zu versenken mir eine Freude und ein Genuß gewesen ist, wie ich dergleichen lange nicht gehabt habe. .....“,
und der 90jährige Zeller schreibt mir nach dem Erscheinen des 3. Bandes am 6. April 1903:
„..... Ich bewundere die Arbeitskraft, die es Ihnen möglich machte, ein so großes und schönes (Seite 200) Werk in so kurzer Zeit fertig zu bringen, ich wünsche Ihnen Glück zur Vollendung dieses monumentum aere perennius, das Sie nicht bloß unserm großen Freunde sondern auch seinem Biographen gesetzt haben. Nur Eines habe ich, wie so oft, auch jetzt wieder bei Ihren Analysen der Helmholtz'schen Schriften schmerzlich empfunden, daß ich viel zu unwissend bin, um alle die Fragen, mit denen sie sich beschäftigen, und die Art, wie Helmholtz sie beantwortet, so vollständig, wie ich wünschte, zu verstehen. Aber dem läßt sich bei einem so alten und eingerosteten Kopfe nicht mehr abhelfen. Den vollen Eindruck von der Bedeutung dieser Forschungen erhält zum Glück auch der Laie, vollends wenn er ihrem Urheber persönlich so nahe gestanden hat.“

1911 erschien die „Gekürzte Volksausgabe“ meiner Biographie von Helmholtz, und nicht lange darauf mit einem von Lord Kelvin verfaßten Vorwort eine Übersetzung derselben ins Englische, in welcher diejenigen Kapitel weggelassen wurden, welche speziell nur den deutschen Leser interessierenden Verhältnissen gewidmet waren.

Ich benutze die Gelegenheit der Veröffentlichung meiner „Lebenserinnerungen“, um eine Stelle meiner Helmholtz-Biographie durch eine Bemerkung von allgemeinerem politischen Interesse zu ergänzen. Als ich den ersten Band derselben unserm Großherzog überreichte und dieser mir eine Reihe interessanter Details über Bismarck aus der Versailler Zeit erzählte, kam ich auf die Stelle meiner Biographie zusprechen, in welcher bei Gelegenheit der Berufung Helmholtzs von Bonn nach Heidelberg (Seite 201) eines Briefes von Helmholtz an Donders vom 21. Juni 1858 gedacht wird, in dem dieser schreibt:

„Der Prinz von Preußen, welcher gegenwärtig die Regierung führt, hatte sich schon bei einigen Gelegenheiten sehr mißbilligend über die Art geäußert, wie in der Verwaltung der preußischen Universitäten die wissenschaftlichen Rücksichten den kirchlichen und politischen nachgesetzt worden sind, als ihm mein Entlassungsgesuch vorgelegt wurde. Er nahm die Gelegenheit wahr, sich noch einmal darüber gegen den Minister zu expectoriren und bot an, die Sache durch seine eigne Vermittlung beim Großherzog von Baden rückgängig zu machen. ......“

Ich sagte dem Großherzog, daß in den Akten des Ministeriums nicht festzustellen sei, ob Alexander v. Humboldt oder andere als Gegner des reaktionären Ministers v. Raumer bekannte hervorragende Männer die hierauf bezüglichen Reskripte veranlaßt haben. Darauf erwiderte mir der Großherzog im Abschluß an einige vorausgegangene Bemerkungen über Bismarcks „Gedanken und Erinnerungen“: „Wissen Sie, auf wessen Initiative diese Reskripte ergangen sind? auf die Initiative der jetzt so viel geschmähten Kaiserin Augusta“. Und als ich ihn fragte, ob ich von dieser Mitteilung Gebrauch machen dürfe, antwortete er mir: „Ich bitte Sie sogar darum.“

Dem Andenken meines unvergeßlichen Landesherren bin ich diese Veröffentlichung schuldig.

Das Ende des Jahrhunderts sollte mir durch das körperliche Zusammenbrechen Bunsens noch traurige Wochen bringen. Kirchhoff war uns schon (Seite 202) im Oktober 87 entrissen worden, nachdem Bunsen und ich ihn noch einmal in Baden-Baden aufgesucht und von seinem körperlichen und geistigen Verfall den schmerzlichsten Eindruck mitgenommen — und nun sollte noch der letzte der drei großen Naturforscher seinem Ende entgegengehen. In den letzten Jahren hatte Bunsen mich häufig zu Spazierfahrten abgeholt, ich war fast täglich bei ihm, und wenn auch nicht zu verkennen war, daß die körperliche Spannkraft nachließ, so war doch eine Abnahme der geistigen Kräfte durchaus nicht wahrzunehmen; freilich hatte der frühe Tod Kirchhoffs, der nur 63 Jahre alt geworden, ihn tief ergriffen, und das tragische Ende des ihm so sympatischen und von ihm hochgeschätzten Schülers und Nachfolgers Victor Meyer war ihm sehr nahe gegangen — aber die Zeit half ihm auch darüber hinweg, bis er im Jahre 98 schwer zu leiden anfing und sein Ende sichtlich bevorstand. Erst ungefähr 4 Wochen vor seinem Tode umdüsterte sich auch sein Geist, und Wahnvorstellungen der verschiedensten Art verfolgten ihn, von denen er jedoch sehr bald durch einen sanften Tod im März 99, 88 Jahre alt, erlöst wurde.

Im Jahre 1900 reiste ich zur 200jährigen Jubelfeier der Akademie nach Berlin, um zugleich Fuchs und meine Mutter wiederzusehen, welche nach dem Tode meines Vaters zu meinen beiden verheiraten Schwestern nach Berlin gezogen war, — es war das letztemal! meine Mutter starb schon wenige Monate darauf in ihrem 84 Lebensjahr, nachdem ihr mein Vater 74 Jahre alt schon im Jahre 81 vorausgegangen; Fuchs starb 68 Jahre alt im Jahre 1902.

(Seite 203) Ich traf in Berlin viele alte Schüler und Kollegen, wie Eötvös, Lipschitz, Noether, Gordan u. a., auch einen meiner ältesten Greifswalder Freunde, Usener in unveränderter und unverwüstlicher Frische; nur wenige Jahre vorher schrieb er mir an seinem 60. Geburtstage:

„Ich habe die Schwelle des Greisenalters überschritten und demgemäß begonnen, mich zum Abmarsch zu rüsten, indem ich mich entschlossen habe, mein Korn, soweit es mir noch möglich sein wird, vor dem Abend in die Scheune zu bringen. Meine unselige Natur verlangt den Zwang des Preßbengels, so schreibe ich Kapitel um Kapitel für den Setzer. Langsam genug geht es, aber im Frühjahr hoffe ich doch, mit dem Bande, der zuerst preisgegeben werden soll, hervortreten zu können. Es ist das der Versuch einer Lehre von der religiösen Begriffsbildung, durch den ich für Mythologie und Religionsgeschichte solidere, aus der Analysis der Erfahrung gewonnene Grundlagen zu schaffen suche. Es wird Rumor genug geben. Das soll mich nicht anfechten, wenn es mir wirklich gelungen sein sollte, wie ich hoffe, ex fumo dare lucem“,
und es war ihm in der Tat gelungen nach dem Urteil der größten deutschen Philologen.

Von Berlin aus besuchte ich in Posen die Gräber meines Vaters und meiner Geschwister.

Im Jahre 1902 veröffentlichte ich mein Buch „Die Principien der Mechanik“(7.9), welches eine zusammenhängende Darstellung der Ausdehnung der klassischen Mechanik auf Kräfte höherer Art als der Newtonschen lieferte, und es war mir interessant, (Seite 204) unmittelbar nach dem Erscheinen desselben von Lipschitz, dem ausgezeichneten Forscher auf dem Gebiete der analytischen Mechanik, das nachfolgende Schreiben zu erhalten:

„Daß Sie Ihr Werk dem Andenken von Helmholtz gewidmet haben, hat mich sehr sympatisch berührt. Wenn ich nicht irre, ist es F. Neumann gewesen, der mir vor vielen Jahren erzählt hat, daß Jacobi in Königsberg bei einer akademischen Feierlichkeit einen Vortrag gehalten hat, in welchem er den Gedanken entwickelte, daß bei der Definition der Kräfte auch allgemeinere Ausdrücke verwendet werden können, bei denen von den höheren Derivirten der Coordinaten als der zweiten Gebrauch gemacht wird. Ob aber über diesen Vortrag noch ein Document existirt, weiß ich nicht anzugeben. Allerdings kommt es hier nicht allein auf die Benutzung der höheren Derivirten, sondern auch auf den Ausgangspunkt der Betrachtung an, der bei Ihnen von der größten Bedeutung ist.“

Nachdem die Universität im Jahre 1903 die Zentenarfeier der Erneuerung derselben festlich begangen, rüstete sich Heidelberg schon im folgenden Jahre zum Empfang der Gäste des internationalen Mathematikerkongresses, der unter dem Präsidium von Heinrich Weber stattfand, dessen großzügige Eröffnungsrede dem Kongreß sogleich ein streng wissenschaftliches Gepräge gab. Mir selbst wurde die Ehre zuteil, im Auftrage der Deutschen Mathematiker-Vereinigung die Gedächtnisrede zum hundertsten Geburtstag von Jacobi zu halten.(7.10 Viele alte Freunde sah ich bei dieser Gelegenheit wieder, mit (Seite 205) denen ich jedoch in Rücksicht auf meine Gesundheit nicht so oft zusammensein konnte, als ich gewünscht hätte. Die Berliner Akademie ehrte mich für Übernahme der Gedenkrede auf Jacobi dadurch, daß sie mir durch A. Schwarz, den Nachfolger von Weierstraß in Berlin, eine große Photographie des neu hergerichteten Grabes von Jacobi überreichen ließ, und der preußische Minister für meine Helmholtz- und Jacobi-Biographie durch Übersendung der silbernen Plaquette der Berliner Akademie. Von der Familie Jacobi erhielt ich als Dank für meine Jacobi-Rede das Album der Propaganda in Rom, welches Jacobi 1842 von dem Direktor Eickerling zum Geschenk erhalten hatte und in den Besitz seines am 17. April 1900 verstorbenen Sohnes, des Universitätsprofessors Dr. juris Leonard Jacobi übergegangen war.

Große Freude bereiteten mir die Zeilen unseres Kongreßpräsidenten Heinrich Weber vom 18. September 1904:

„Es drängt mich, nachdem ich Ihren „Jacobi“ gelesen habe, Ihnen meinen Dank zu sagen für den Genuß und die Belehrung, die ich darin gefunden habe. Die Lectüre war für mich um so fesselnder, als meine eignen Erinnerungen durch Vermittelung meiner Lehrer Hesse und Richelot in die unmittelbare Jacobische Tradition zurückreichen. Es war besonders Richelot, der eine wahrhaft fanatische Verehrung für Jacobi hatte. Er trug uns damals — es ist 40 Jahre her — die noch wenig bekannten Riemann'schen Anschauungen vor, denen er alle Gerechtigkeit widerfahren ließ, und die er gut kannte, (Seite 206) äußerte aber dann immer, im Grunde hätte Jacobi das alles auch schon gewußt. Das forderte bisweilen die Kritik von uns unerfahreren Studenten heraus. Es spricht sehr für Jacobi, daß er bei allen, die ihm persönlich und besonders wissenschaftlich nahe standen, so sehr hochgeschätzt war, während er ja, wie auch aus Ihrer Darstellung hervorgeht, sonst nicht immer sehr sympatisch beurtheilt wurde. Auch darüber cursirten damals in Königsberg allerhand Schnurren und Anekdoten. Mit Ihrer Würdigung der wissenschaftlichen Stellung Jacobi's bin ich durchaus einverstanden; der „Rückblick“, den Sie am Schlusse geben, giebt darüber ein vortreffliches Bild.“

Ich benutzte die Anwesenheit Hilberts, um ihm nach Rücksprache mit dem Vertreter der Regierung die in Aussicht genommene zweite Professur der Mathematik in Heidelberg anzubieten(7.11), mußte aber, nachdem sich dieser zuerst meinem Wunsche entgegenkommend gezeigt, dem stärkeren Drucke von seiten Kleins weichen, der den Glanz der Göttinger Schule hochhaltend, den alle anderen überragenden Mathematiker — und ich glaube mit Recht — keiner anderen Universität gönnen wollte.

Von dieser Zeit an gestaltete sich unser Leben immer ruhiger und regelmäßiger; im Semester meist in völliger Zurückgezogenheit reisten wir alljährlich im Frühjahr nach Alassio an der Riviera, im Herbst in die Schweiz, und zwar in den letzten Jahren meist nach Saas-Fée. Meine Dozententätigkeit, 8 Stunden Vorlesungen wöchentlich und 2 Stunden Seminar, habe ich in ihrem ganze Umfange noch bis Ostern 1914 ausgeübt; die Zahl der Zuhörer war (Seite 207) entsprechend der allgemeinen Zunahme der Mathematik-Studierenden in Deutschland ständig gewachsen.

Am 15. Oktober 1907 feierte ich meinen 70. Geburtstag, am 22. Mai 1910 mein 50jähriges Doktorjubiläum(7.12). Inzwischen war auf meinen dringenden Wunsch die zweite ordentliche Professur der Mathematik an unserer Universität bewilligt worden(7.13) und, nachdem Landau in Göttingen den Ruf abgelehnt, Staeckel aus Karlsruhe berufen, der Ostern 1913 sein Amt übernahm und dem allein alle Neueinrichtungen des mathematischen instituts und Seminars zu danken sind. Da ich nun wegen meiner immer mehr zunehmenden Sehschwäche(7.14) meine Stellung nicht länger bekleiden konnte, suchte ich für Ostern 1914 meine Entlassung nach, worauf die Fakultät Perron auf meine Stelle berief. Zugleich mit meinem Entlassungsgesuch hatte ich an das Ministerium die Bitte gerichtet, mir für die Zukunft ohne weitere Verpflichtung das Recht zuzuerteilen, hin und wieder eine kleinere Vorlesung zu halten, um dadurch noch mit der akademischen Jugend in Verbindung zu bleiben; darauf erfolgte meine Ernennung zum ordentlichen Honorarprofessor.

Ich hoffte meine akademische Tätigkeit mit meinem 50jährigen Professorenjubiläum(7.15) Ostern 1914 beschließen zu können, das Dank der Liebe und dem Wohlwollen meiner Freunde, Schüler und Kollegen, an deren Spitze Lenard und Staeckel, die mir ein gütiges Schicksal noch am Ende meines langen Lebens als Kollegen zugeführt, durch Überreichung einer von (Seite 208) dem hervorragenden Künstler Volz in Karlsruhe angefertigten Plaquette(7.16) eine besondere Weihe erhielt. Als ich die große Zahl derer, die mir ihre Anhänglichkeit an diesem Festtage bezeugen wollten, um mich versammelt sah, und mehrere ihrer Redner meine Gemeinschaft mit Helmholtz, Bunsen und Kirchhoff betonten, da kam mir wieder die Richtigkeit des Ausspruches von Helmholtz zum Bewußtsein, den er im Hinblick auf seinen verehrten Lehrer Johannes Müller getan: „Es gibt kein größeres Glück als auf seinem Lebenswege einem wirklich großen Menschen zu begegnen und des Umganges mit ihm gewürdigt zu werden,“ und als meine Freunde und Fachgenossen in ihren Anreden nicht nur meine ausgedehnte Dozententätigkeit betonten, sondern auch viel zu nachsichtige und wohlwollende Worte meinen wissenschaftlichen Leistungen zuteil werden ließen, die ich wahr und aufrichtig während meines ganzen Lebens gegenüber den Forschungen so vieler meiner lebenden Fachgenossen als gering und unbedeutend eingeschätzt habe, da fielen mir die Worte des großen französischen Mathematikers Henri Poincaré ein, der kurz zuvor in seiner letzten Rede in Wien den schönen und wahren Ausspruch getan: „Der Mathematiker muß etwas vom Dichter haben“, und in prüfender Selbsterkenntnis meinen Blick auf die Plaquette gerichtet, welche wegen der Ähnlichkeit mein ästhetisches Empfinden stark herausforderte, schloß ich, der mäßige Mathematiker und schlechte Dichter, meine Antwort auf all die Anreden, welche Liebe, Anhänglichkeit und Wohlwollen meinen Freunden eingegeben, mit den Worten:

(Seite 209) Bin weder ein lumen, noch bin ich schön
Durfte auch ohne Plaquette in's Jenseits gehen.

Aber ich sollte hiermit noch nicht von meiner Vergangenheit endgültig Abschied genommen haben; wenige Monate später mußte ich in Vertretung meiner zur Armee beorderten Kollegen meine Vorlesungen wieder aufnehmen und noch drei Jahre durchführen, bis erst wiederholte Staroperationen mich nötigten, Ostern 1918 meine Dozententätigkeit vollends aufzugeben.

Zu meinem 80. Geburtstage lehnte ich alle persönlichen Glückwünsche ab; es wäre sinnlos gewesen, das lange Leben eines körperlich und geistig alternden Greises feiern zu lassen, während draußen auf den Schlachtfeldern die Blüte unserer Nation hingemordet wurde.

Aber noch eines Ereignisses muß ich am Schlusse dieser Aufzeichnungen gedenken, das meinem durch das Schicksal begünstigten Leben einen harmonischen Abschluß gab:

Als ich vor dem großen Heidelberger Universitätsjubiläum unserm allverehrten Großherzog die von mir verfaßte Festschrift überreichte, teilte er mir mit, daß er beabsichtige, der Universität eine Jubiläumsgabe zur Gründung einer Badischen Akademie der Wissenschaften, die ihren Sitz abwechselnd in Heidelberg, Freiburg und Karlsruhe haben sollte, überreichen zu lassen, und ersuchte mich, ihm die Statuten der Göttinger und Münchener Akademie zur Einsicht vorzulegen.

Bei einer weiteren Besprechung zeigte es sich sehr bald, daß der wechselnde Sitz der Akademie in (Seite 210) Wirklichkeit kaum durchführbar sei, und der Großherzog neigte sich der Ansicht zu, daß Heidelberg, zu dessen Jubiläum die Akademie ins Leben treten sollte, auch der feste Sitz dieser Körperschaft sein sollte. Die Akademie würde wohl am besten zur Vermeidung von Reibereien unter den Mitgliedern selbst keinen Präsidenten erhalten, sondern die Leitung der Geschäfte der mathematisch-naturwissenschaftlichen und philosophisch-historischen Klasse zwei Sekretären übertragen werden, welche mit Ausnahme der beiden ersten vom Großherzog zu ernennenden für eine von der Akademie festzustellende Anzahl von Jahren von den einzelnen Klassen selbst gewählt und vom Großherzog bestätigt würden.

Leider scheiterte der Plan an Schwierigkeiten, deren Beseitigung leicht die Freude der Jubiläumsstimmung hätte beeinträchtigen können. Als sich nun im Frühjahr 1909 durch die Freigebigkeit der schon durch so viele humane und weittragende Stiftungen bekannten Familie Lanz in Mannheim und durch kräftiges Eintreten für die Interessen der Universität von seiten unseres juristischen Kollegen Endemann für die Heidelberger Gelehrten die Gelegenheit bot, die Frage der Gründung einer Akademie wieder aufzunehmen, da brauchte man nur, um die Zustimmung des nunmehr regierenden Landesherren zu gewinnen, an die früher gehegte Absicht des verstorbenen Großherzogs anzuknüpfen, und so gelang es, ganz ohne Schwierigkeiten, die erste Festsitzung der neu gegründeten Akademie der Wissenschaften noch im Sommer desselben Jahres abzuhalten, für welche ich als erster Vorsitzende derselben (Seite 211) mit der Festrede(7.17) beauftragt wurde. Möge es mir gestattet sein, nach eingeholter Erlaubnis an dieser Stelle den für die Geschichte unserer Akademie bedeutungsvollen Teil des Schreibens zu veröffentlichen, dessen mich die Großherzogin Witwe Luise am 27. Juli 1909 gewürdigt hat:

„Erst hier auf der durch das Andenken unseres theuren heimgegangenen Großherzogs geweihten Mainau war es mir möglich, die herrlichen Worte mir vorlesen zu lassen, mit welchen Sie die neue Akademie in Heidelberg eröffnet und begründet haben. Die hochherzige Stiftung derselben ist allerdings eine Gründung dieser bedeutungsvollen wissenschaftlichen Anstalt. Aber die Begründung derselben und ihr Entstehen war Ihnen allein vorbehalten. Mit wahrhaft großer innerer Erhebung bin ich Ihrer unvergleichlichen Rede gefolgt und zugleich mit tiefer Herzensbewegung. Beides ist nun in meinem vereinsamten Leben unzertrennlich. Denn die erhebendsten Eindrücke mit demjenigen theilen zu dürfen, der mich über 50 Jahre daran theilnehmen ließ, und das Entbehren dieser Geistesgemeinschaft führt zu der schmerzlichen Wehmut, die nach Gottes Willen mein Leben nunmehr begleitet. Um so dankbarer war ich für die herrlichen Worte der Erinnerung, die Sie dem Entschlafenen gewidmet haben. Um so dankbarer als jene Besprechungen mit Ihnen, an welche sich große Hoffnungen und Wünsche anschlossen, mir sehr gegenwärtig sind. War es dem Verklärten nicht vergönnt, diese Wünsche und Hoffnungen sich erfüllen zu sehen, so haben Sie dennoch in herrlicher Weise sein Andenken mit der (Seite 212) Thatsache der Entstehung unserer neuen Heidelberger Akademie zu verbinden gewußt. Ihnen dafür zu danken ist mir Herzensbedürfnis.

Der Eindruck, den Ihre Rede hervorgerufen hat, ist mir von meinem geliebten Sohne in lebhafter Weise geschildert worden. Ich freue mich, daß es ihm vergönnt war, bei jener Feier ein neues geistiges Erbtheil seines in Gott ruhenden Vaters, dem er in allen Dingen so treu folgt, empfangen zu dürfen.“

In den ersten sieben Jahren des Bestehens der Akademie führten Windelband den Vorsitz in der philosophisch-historischen, ich den in der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse.

Meine zweite akademische Festrede(7.18) im Jahre 1911 war dem Andenken an Jacob Friedrich Fries gewidmet, der genau vor 100 Jahren als eine Zierde der Heidelberger Hochschule ihr Prorektor gewesen, welcher aber wegen seiner liberalen Gesinnung von der Reaktion verfolgt 1816 die Heidelberger Universität verlassen mußte, um sich in Jena unter dem Schutze von Karl August als Gelehrter und Lehrer der Philosophie und Mathematik frei entwickeln zu können; als er sich aber dort rasch die Zuneigung der zur Burschenschaft vereinigten Studierenden erworben und zum Wartburgfest nach Eisenach ging, da konnte auch Karl August dem Druck des zu erneutem Aufblühen gelangten Metternichschen Systems nicht widerstehen, und der schwergeprüfte Mann, der seiner Stellung enthoben wurde, mußte traurige Jahre verleben. Erst spät wurde er in Jena in seiner wahren Bedeutung (Seite 213) gewürdigt, und die Universität ehrte sich durch seine Wahl zum Prorektor; er starb noch in demselben Jahre.

Seitdem ich meine Rede gehalten, ist wieder ein Dezennium dahingegangen, und heute nimmt Fries in der Geschichte der deutschen Philosophie und der philosophischen Entwicklung der mathematischen Begriffe und Anschauungen neben Kant eine hervorragende Stelle ein. Es ist unzweifelhaft, daß das Fortschreiten unseres kulturellen Lebens, die Vertiefung in die moralischen und ethischen Probleme der Menschheit, die Erkenntnis, daß „die Philosophie nicht sowohl die Wahrheit selbst zu suchen hat als vielmehr die im Innern der Vernunft gegebene philosophische Wahrheit des Notwendigen, Guten und Schönen an das Licht des Bewußtseins hervorzuführen, welches seine Ausbildung erlangt durch Denken und Reflexion“, mehr und mehr die Friessche Philosophie zum Fundament unseres Denkens und Fühlens machen werden. Und wenn er für uns Mathematiker Zeit und Raum als Anschauungsformen zur Ordnung der Mannigfaltigkeiten der Erscheinungen auffaßt und sie damit aus der Reihe der Verstandesbegriffe in die Erkenntnisvermögen der Vernunft verweist, sie ebenso wie die Zahl, Stetigkeit und Unendlichkeit als dem menschlichen Geiste anhaftende Beschränkungen seiner Grunderkenntnisse betrachtet, die nur einer menschlichen Vorstellungsweise von den Dingen angehören, ohne mit deren Wesen etwas zu tun zu haben, so darf es uns nicht wundern, daß Gauß, der größte Meister exakter Wissenschaft im vorigen Jahrhundert und einer der tiefsten Denker (Seite 214) auf dem Gebiete erkenntnistheoretischer Fragen ihm in Rücksicht auf seine philosophischen Forschungen seine Verehrung und zugleich das Bedauern ausspricht, nicht aus der mündlichen Unterhaltung mit ihm ebensoviel Vergnügen als Belehrung schöpfen zu können: „Namentlich haben mich die Schriften mehrerer vielgenannter (vielleicht besser sogenannter) Philosophen, die seit Kant aufgetreten sind, an das Sieb des Bockmelkers erinnert, oder an Münchhausens Zopf, an dem er sich selbst aus dem Wasser zog. Der Dilettant würde nicht wagen, vor dem Meister ein solches Bekenntnis abzulegen, wäre es ihm nicht so vorgekommen, als wenn dieser nicht viel anders über jene Verdienste urteilte.“

Und Gauß machte kein Hehl aus seiner Verehrung für Fries; so soll er, wie Schleiden erzählt, einem Studenten, der sich darüber wunderte, die 1822 erschienene „Mathematische Naturphilosophie“ von Fries in Gauß' Händen zu sehen, geantwortet haben: „Junger Mann, wenn Sie es nach dreijährigem angestrengten Studium dahin gebracht haben, daß Sie dieses Buch verstehen und würdigen können, so dürfen Sie die Universität mit der Überzeugung verlassen, daß Sie Ihre Zeit besser angewandt haben als die meisten Ihrer Kommilitonen.“

Heute steht dank den Bemühungen einiger hervorragender junger Philosophen in den letzten zwei Dezennien die Friessche Philosophie neben der Kantschen in Deutschland hochangesehen da, und daß auch ältere Forscher die Bedeutung jenes Mannes erkannt haben, mögen die nachstehenden (Seite 215) Zeilen eines unserer bedeutendsten Philosophen und hervorragendsten Kenner der Geschichte seiner Wissenschaft Eucken, beweisen, die er am 26. April 1911 an mich zu richten die Freundlichkeit hatte:

„Empfangen Sie meinen verbindlichsten Dank für die gütige Mittheilung Ihrer Rede über Fries. Diese Rede zu lesen ist zugleich eine Freude und eine Förderung, und als Jenenser ist man besonders dankbar für diese ebenso tiefdringende wie lichtvolle Würdigung des mit der großen Vegangenheit unserer Universität so eng verbundenen Mannes. Die unwürdigen Angriffe, die Hegel gegen ihn richtete, erregen noch immer meinen Zorn, und ich gebe ihm in meinen Vorlesungen einen kräftigen Ausdruck. Daß Fries an Trendelenburgs, meines verehrten Lehrers, Auftreten sympatischen Antheil nahm, ersehe ich mit Freude aus Ihrer Rede; seinerseits hat sich Trendelenburg gegen unsern vor kurzem verstorbenen Curator Eggeling (wie mir dieser erzählte) einmal dahin geäußert, Fries sei die harmonischste ethische Persönlichkeit gewesen, der er überhaupt begegnet sei.“

Meine dritte und letzte akademische Festrede(7.19) beschäftigte sich mit der Frage: „Die Mathematik eine Geistes- oder Naturwissenschaft?“ und spricht die Hoffnung aus, daß, wie die Nationen mit Recht ihre Eigenart bewahren und ihre individuelle materielle und geistige Fortentwicklung pflegen, während sie alle durch das gemeinsame Band, die Kulturentwicklung der gesamten Menschheit, miteinander zusammenhängen, so auch das Charakteristische in den Gebilden der Einzelwissenschaften fortbestehen, (Seite 216) ja sogar sich vertiefen wird, daß aber eine Trennung in Geistes- und Naturwisenschaften wie eine Sonderung von Geist und Natur überhaupt, immer mehr verschwinden, und in dem Individuellen all der Einzelwissenschaften sich nur die verschiedenen Seiten einer großen und umfassenden Kulturwissenschaft offenbaren werden.

Daß diese Ansicht auch von den Vertretern der Philosophie vielfach gutgeheißen wird, zeigte mir unter anderem ein Brief des erst vor kurzem verstorbenen Straßburger Philosophen Theobald Ziegler vom 18. Mai 1913:

„... Zweierlei stand mir immer fest, daß es kein Wissen, also auch kein mathematisches, ohne Erfahrung gebe; jede Synthese muß etwas verknüpfen; und daß die Mathematik nicht ausschließlich zu den Naturwissenschaften zu zählen sei, sondern eine Art Mittelrolle zwischen den beiden Gebieten der Natur und des Geistes zu spielen berufen sei. Daß dies beides von Ihnen als Mathematiker bestätigt und das letztere so echt und tief philosophisch durch „den großen Gedanken von der Einheitlichkeit aller Wissenschaften“ begründet wird, ist mir nicht bloß persönlich wertvoll, sondern ist auch sachlich von großer Bedeutung als ein Brückenschlagen und als eine Mahnung an beide Theile, sich des Zusammenhangs aller Wissenschaften in der Einheitlichkeit unserer geistigen Kräfte bewußt zu bleiben, wofür Ihnen von beiden Seiten Dank gebührt. Daß der feinsinnige Biograph von Helmholtz jenen Nachweis an allerlei biographische Mittheilungen anknüpfen konnte, giebt der Rede noch ihren besondern (Seite 217) Glanz und Schimmer und macht die Lectüre zum ästhetischen Genuß.“

Am Ende meiner Rede wies ich darauf hin, daß im Laufe des letzten Jahrhunderts eine Brücke des Geistes geschlagen worden zwischen all den Nationen, verschieden in Sprache, Sitten und Gebräuchen, und der staunenswerte Fortschritt in Kunst und Wissenschaft in den letzten Dezennien und mit stolzer Befriedigung in Hinblick auf die Vergangenheit, mit berechtigter Hoffnung für die Zukunft erfüllt —

und schon wenige Monate nachher brachen alle diese Hoffnungen zusammen, und ein unseliger Krieg, angefacht durch unerbittliche Rachsucht, durch Neid und Mißgunst, und auf der andern Seite begünstigt und hervorgerufen durch ehrgeiziges Streben nach Macht und Ansehen hat so viele unserer kulturellen Fortschritte wieder zerstört und läßt den Greis, der diese Zeilen geschrieben, nur mit Trauer im Herzen aus dieser Welt scheiden, in der klaren Erkenntnis, daß alle irdischen Hoffnungen trügerisch sind, und nur Vertrauen und Zuversicht zu einer höheren sittlichen und geistigen Macht sowie das Bewußtsein redlicher Pflichterfüllung und treuer Arbeit dem Menschen ein lebenswertes Dasein bereiten können.


Text: Leo Koenigsberger, 1919
Anmerkungen und Personenregister: Gabriele Dörflinger, 2004-2014

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