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Mein Leben / Leo Koenigsberger

Wien 1877 - 1884

Votivkirche
Seitenansicht der Votivkirche.
Quelle: Die Votivkirche in Wien / Moriz Thausing. - 1879, Ill
UB Heidelberg: 87 B 2999 ML

(Seite 163) Ostern 1877 siedelten wir nach Wien über, bezogen eine sehr schöne, am Platze der Votivkirche gelegene Wohnung(6.1) und suchten uns rasch in die neuen, uns zunächst recht fremdartigen Verhältnisse einzuleben. Große Freude machte mir ein unmittelbar nach unserer Ankunft von meinem alten Schüler Koenig aus Pest erhaltenes Schreiben:

„Da wir hier so glücklich sind, Sie in unserer unmittelbaren Nähe zu wissen, halte ich es für die Pflicht des dankbaren Schülers, Sie in Ihrem neuen Wirkungskreise zu begrüßen und Ihnen mitzutheilen, mit welch' besonderer Befriedigung unser ganzer Kreis Hunyady, Eötvös u. s. w. erfahren, daß Sie den Ruf nach Wien angenommen,“
und Bunsen sendet mir die herzlichsten Glückwünsche und erzählt mir von dem zu seinem Jubiläum veranstalteten Kommers; aber er fühlt sich müde und einsam:
„ich lebe noch ganz in und von den Erinnerungen an die schöne Zeit, die uns hier in treuer Freundschaft verbunden hat und finde in dieser Erinnerung den einzigen Ersatz für Alles, was ich durch Ihren und Kirchhoff's Abgang von hier verloren habe. Sie glauben garnicht, wie einsam ich mich oft in dem (Seite 164) Bewußtsein fühle, von allen alten treuen Freunden getrennt zu leben.“

Ich fand in Oppolzer einen ausgezeichneten, wissenschaftlich hochbedeutenden Kollegen und einen, wenn auch durch reiche Glücksgüter verwöhnten, doch wahrhaft vornehmen und anspruchslosen Freund, dessen hochangesehene Familie uns mit Liebe und Wohlwollen entgegenkam; E. Weyr, ein scharfsinniger Geometer, war mir ein zuvorkommender Kollege, wenn auch sehr bald in dem Verhalten des Czechen dem aus Deutschland berufenen Professor gegenüber ein gewisses Mißtrauen nicht zu verkennen war; meinen durch ausgezeichnete Arbeiten über lineare Differentialgleichungen bekannten Vorgänger Petzval, der noch einige Jahre, jedoch in strengster Zurückgezogenheit lebte, bekam ich nie zu sehen — auch den so hervorragenden Physiker Stefan sprach ich fast nur in Fakultätssitzungen.

Gleich von vornherein aber würdigte mich der berühmte Physiologe Brücke seiner Freundschaft, die er mir bis zu seinem Tode treu bewahrt hat; die Historiker Sickel und Büdinger traten uns recht nahe, die künstlerisch hochveranlagte, feinsinnige Frau Sickel, die Tochter Gottfried Sempers, wurde recht bald die intimste Freundin meiner Frau — kurz das soziale Leben Wiens gestaltete sich für uns in der prächtigen, durch Theater und Kunstschätze uns mächtig anregenden Stadt überaus angenehm. Etwas beschwerlich, weil ungewohnt, war uns die Wiener Sitte, daß Frau und Kinder schon beim Beginn der dort recht früh eintretenden heißen Sommerzeit Landaufenthalt nehmen mußten, während (Seite 165) ich der Vorlesungen wegen nur am Sonnabend oder Sonntag die meinigen in Heiligenstadt, Reichenau oder Ischl besuchen konnte.

Sehr erfreulich entfaltete sich meine akademische Wirksamkeit; eine überaus große Zahl von Zuhörern der Universität und des Polytechnikums(6.2) besuchten meine Vorlesungen mit dem größten Fleiß, und ich hatte auch dort wieder viele ausgezeichnete Schüler unter den deutschen, ungarischen und czechischen Studierenden, die später in der Wissenschaft hervorragendes geleistet haben, wie Otto Biermann, Georg Pick, Gustav Kohn u. a.; ein Unterschied nach Nationalitäten in der mir entgegengebrachten Anhänglichkeit war nie bemerkbar. Trotzdem machten sich mir doch die Nationalitätsstreitigkeiten, welche allmählich ganz Österreich zu bedrohen anfingen, recht fühlbar.

Im richtigen Vorgefühl der kommenden Ereignisse schrieb mir Usener schon im Dezembr 78:

„Leiblich wird Wien sicher Ihrer ganzen Familie wohl bekommen. Auch Ihre geistigen Interessen werden — wenn Sie nicht grade den idealen Maßstab Ihrer Heidelberger Existenz anlegen — genügende Befriedigung finden. Doch das gesamte Wohlbefinden wird jetzt, vermute ich, täglich mehr auf die Probe gestellt. Ich prophezeite schon im August, mit Bosnien triebe sich Österreich einen Keil in's lockere Gefüge, der alles auseinander treiben werde. Schneller und acuter als ich ahnte, vollzieht sich die unheilvolle Wrkung — auch Sie haben vielleicht darunter zu leiden“
und dem war in der Tat so.

(Seite 166) Das Ministerium hatte mir bei meiner Berufung das Recht und die Pflicht zuerkannt, bei den Prüfungen an der Universität und dem Polytechnikum mitzuwirken, an dem außer Winckler, der infolge von Streitigkeiten mit seinem Kollegen Spitzer schon lange Zeit recht verbittert war, und den ich nur einmal gesehen, noch Kolbe dozierte, der mir stets ein freundlicher Kollege geblieben. Da ich nun trotz meiner von den Studierenden stets anerkannten Wirksamkeit an der Universität und deren wiederholt und offen ausgesprochenen Wünschen entgegen länger als ein Jahr hindurch nicht zu den Prüfungen zugezogen worden, richtete ich eine darauf bezügliche Anfrage an den Minister Stremayr in der Überzeugung, daß nationale Beweggründe des slavischen Direktors der Prüfungskommission die Veranlassung dazu bildeten, und erbat meine definitive Entlassung aus beiden Prüfungskommissionen, falls das Ministerium die etwaigen Widerstände nicht beseitigen könne. Darauf erhielt ich sogleich vom Minister das folgende Schreiben:

„Es bedarf wohl keiner neuerlichen Versicherung des hohen Werthes, den ich darein setze, daß Ihre Wirksamkeit so weit als möglich, allen Sphären zu Gute komme, in welche sie sich überhaupt nur erstrecken kann.

Demgemäß vermöchte ich auf Ihre Mitgliedschaft in den Prüfungskommissionen für Lehrer der Mittelschulen keineswegs zu verzichten, selbst dann nicht, wenn dieselbe mit Ihrer Universitätsthätigkeit nur einen mäßigen und nicht wie thatsächlich einen so überaus belangreichen Zusammenhang hätte.

(Seite 167) Der einschlägige Wunsch, welchen Ew. Hochwohlgeboren in dem Schreiben vom 6. d. M. mir gegenüber aussprechen, gründet sich auf die nicht zutreffende Annahme, daß die Voraussetzungen, unter denen Sie Ihre Mitwirkung bei den Prüfungen angeboten und zugesagt haben, sich nicht herbeiführen lassen.

Es ist vielmehr an die Direction der Gymnasial-Prüfungscommission neuerdings eine bestimmte Weisung im Sinne meines früheren Erlasses ergangen.“

Kurze Zeit darauf erfolgte die Demission des Direktors der Prüfungskommission, und erst von dieser Zeit an, fungierte ich abwechselnd mit Weyr als Examinator.

Es begannen eben damals schon die unerquicklichen politischen Zerwürfnisse zwischen Deutschen und Slaven auch in die Fakultätsverhältnisse hineinzuspielen, Slaven wie Stefan und Weyr standen dem „deutschen Ausländer“ kühl gegenüber — mit dieser Titulatur wurde ich sogar von österreichischen Kollegen deutscher Nationalität beehrt. Ich wußte wohl, welche Schwierigkeiten Sickel früher in Österreich hat überwinden müssen, bevor er durch seine Genialität und Energie seine Position unter den dortigen Historikern zu einer beherrschenden gemacht hatte, und wenn ich meinem hochverehrten Freunde Brücke mein Leid klagte, mußte ich oft von ihm seine Leidensgeschichte im Verkehr mit Hyrtl hören, die er stets mit den Worten schloß: „Seien Sie erst 30 Jahre hier wie ich, und Sie werden sich auch daran gewöhnen.“

(Seite 168) Brücke war mir, wenn auch nicht persönlich, so doch bereits seit vielen Jahren nicht nur als hervorragender Naturforscher, sondern auch als politisch und kirchlich freidenkender und charakterfester Mann wohl bekannt; er war es vor allen, welcher 30 Jahre früher, mit Richelot vereint, gegen die Macchinationen und Intrigen der reaktionären Regierung in Preußen die Berufung Jacobis nach Wien durchsetzte, als dieser wegen seiner offen bekundeten liberalen Gesinnung in Berlin gemaßregelt und infolge dessen durch finanzielle Sorgen genötigt wurde, seine Familie nach Gotha übersiedeln zu lassen; erst die definitive Berufung nach Wien rüttelte die Berliner Gelehrtenwelt auf, beim Ministerium Schritte zu tun, um Jacobis Verbleiben an der Berliner Universität — wenn auch unter demütigenden Bedingungen — zu ermöglichen.

Der Umgang mit diesem berühmten Forscher, dem Jugendgenossen und intimen Freunde von Helmholtz, E. du-Bois und K. Ludwig entschädigte mich für vieles; lag ihm auch die mathematische Wissenschaft fern, so gestattete er mir doch einen Einblick in alle seine physikalisch-optischen Untersuchungen, in die wichtigen physiologischen Arbeiten und die so hochinteressanten Exkurse in das Gebiet der Malerei und Bildhauerkunst, teils vor, teils nach dem Drucke in den Schriften der Wiener Akademie; seine berühmte im Jahre 70 gehaltene Rede begeisterte mich derart, daß ich sie sogleich meinem Freunde Kühne, dem Fachgenossen Brücke's und ebenso ausgezeichneten Kunstkenner übersandte, der mir schon nach wenigen Tagen schrieb:

(Seite 169) „Offenbar hast Du mir Deine Begeisterung gleich und auf kürzest wirksamen Wege mittheilen wollen, was Dir auch vollständig gelungen ist. Wie das klassische Alterthum selbst steht er da, der Redner, der es wagt, in dem katholischen Staate der Kirche gänzlich zu geschweigen und den Urquell aller Gesittung in der Bildung allein zu zeigen. Das ist groß, ist wie von Goethe gedacht und in eine Form gegossen, deren nur ein vollendeter Kenner auch der modernen Sprachen, besonders der englischen fähig ist. .....“

Auch unsere Familien standen stets mit einander in regem Verkehr. Ebenso waren meine Beziehungen zu dem auch mathematisch ausgezeichnet durchgebildeten Astronomen Oppolzer sehr rege. Der als Mathematiker und Physiker hervorragende Kollege Stefan lebte ganz isoliert und einsam, jedem näheren persönlichen Verkehr unzugänglich — nur einmal, als zur Zeit der elektrischen Ausstellung im Jahre 1881 Helmholtz und Lord Kelvin einen Tag in unserm Hause zubrachten, kam auch der in seinem Benehmen vornehme, aber sehr zurückhaltende Kollege zu mir, um mit jenen großen Meistern in Gesellschaft von Brücke, Oppolzer und vielen anderen einen Nachmittag angenehm und anregend zu verplaudern. Auch Weyr lebte völlig zurückgezogen in engen Verhältnissen, immer von einem gewissen Mißtrauen gegen mich beherrscht, bis er sich bei meinem Abgange von Wien gelegentlich der Unterstützung eines Gesuches bei dem Minister von meiner freundlichen und kollegialen Gesinnung gegen ihn überzeugte.

(Seite 170) Im Jahre 1883 hatte ich in dem nach Wien berufenen deutschen Kliniker Nothnagel einen intimen Freund gewonnen, der mir bis zu seinem unter so tragischen Umständen erfolgten Tode seine Zuneigung erhalten hat; auch seine Schwester, die sein Haus führte, und seine Kinder, die mit den meinigen in unserm Hause gemeinsamen Unterricht genossen, standen meiner Familie sehr nahe. Im übrigen brachte es die große Stadt mit sich, daß wir den Verkehr mit Freunden und Bekannten wie Billroths, Büdingers, Littrows u. a. sehr einschränken mußten, da der dazu nötige Aufwand an Zeit und Geld dies verlangten.

Trotz aller Schwierigkeiten waren aber die Wiener Jahre für uns im höchsten Grade geistig anregend, und die letzten derselben für mich wohl die wissenschaftlich fruchtbarsten. Abgesehen von einer größeren Reihe von Journalarbeiten(6.3) veröffentlichte ich im Jahre 78 meine „Theorie der hyperelliptischen Integrale“, an die sich wieder eine längere Korrespondenz mit Weierstraß knüpfte, aus der ich hier nur die eine Stelle hervorhebe:

„Daß für die hyperelliptischen Integrale, wenn ρ > 2, eine allgemeine Transformaton bei beliebigen Moduln unmöglich ist, habe ich daraus bewiesen, daß die Bedingungen, welche die ϑ(o, o, ... o)λ erfüllen müssen, damit die ϑ(v1, v2, ... v5)λ auf hyperelliptische Integrale führen, bei beliebigen ταβ nicht mehr erfüllt sind, wenn man die ϑ-Funktionen transformiert. Ich sehe auch, daß dies algebraisch wird nachweisbar sein; gemacht ist es wohl noch nicht.“
(Seite 171) und sodann verfaßte ich während eines Ferienaufenthaltes in Reichenau bei Wien, der mich einige Wochen mit dem kenntnisreichen, damals schon alten Mathematiker Burg zusammenführte, eine kleinere Schrift „Zur Geschichte der Theorie der elliptischen Functionen“(6.4) zum 50jährigen Jubiläum der Jacobischen fundamenta. Im Jahre 79 hatte mir Weierstraß geschrieben:
„Sorgen Sie dafür, daß der hunderjährige Geburtstag Abel's und Jacobi's würdig begangen werde und gedenken Sie dann auch derer, die als die ersten es als ihre Lebensaufgabe betrachtet haben, die Arbeiten dieser Männer fortzusetzen. Das Jubiläuum der Fundamenta sollte allerdings auf das Würdigste durch eine neue, auf das sorgfältigste revidirte und schönausgestattete Ausgabe derselben gefeiert werden — doch haben sich die Vorarbeiten dazu leider verzögert.“

In heiterer Erinnerung ist mir noch die zur Zeit der Ausarbeitung meiner kleinen Schrift von dem alten Burg an mich gerichtete Frage, ob ich nicht etwas über einen jungen Mann namens Abel wüßte, der ihn in den zwanziger Jahren besuchte, was aus ihm geworden und ob die Zeitschrift, die er damals plante, zustande gekommmen sei.

Während sich in den ersten 5 Jahren meiner Wiener Tätigkeit die rege Korrespondenz mit Weierstraß meist auf die Transformation der Abelschen Funktionen, die nicht differentierbaren Funktionen und zuletzt auf die Frage der Gemeinsamkeit der Lösungen einer irreduktibeln algebraischen Gleichung (Seite 172) mit einer Potenzreihe bezog, wandte sie sich dann nach Erscheinen meiner Arbeiten über die Verallgemeinerung des Abelschen Theorems auf lineare Differentialgleichungen dieser Fragen, und nachdem ich im Jahre 82 mein Buch „Allgemeine Untersuchungen aus der Theorie der Differentialgleichungen“(6.5) veröffentlicht hatte, den Irreduktibilitätsfragen für allgemeine algebraische Differentialgleichungen zu.

Unmittelbar nach dem Erscheinen dieses Buches schrieb mir Prym am 31. Dezember 82:

„Zum Lesen bin ich leider noch nicht gekommen, es soll dies aber bald geschehen, wenigstens in Bezug auf Kapitel 3, das mich sehr interssiert, insofern als bei den von mir gefundenen Functionen, die beim Übrschreiten der Querschnitte in lineare Ausdrücke von sich selbst übergehen, ein dem Abelschen Theorem ganz analoges existirt, während andererseits diese Functionen ebenfalls durch Differentialgleichungen, mit individuellem Gepräge freilich, definirt werden können.“

Häufig erfreute mich König durch ausführliche Mitteilungen aus seinen vielseitigen und tiefen Untersuchungen. Nachdem er sich zunächst der Algebra zugewandt, teilt er mir als Verallgemeinerung des Fundamentalsatzes der Invariantentheorie den Satz mit:

„wenn Ri(u1, ... un) n rationale Functionen von u bedeuten, deren Functionaldeterminante nicht verschwindet, dann lassen sich in Bezug auf dieses „Fundamentalsystem“ alle rationalen Functionen von u in eine endliche Anzahl von Klassen eintheilen; (Seite 173) jede Klasse ist so beschaffen, daß jede der in ihr enthaltenen Functionen durch irgend eine beliebige (aus derselben Klasse) und die Functionen des Fundamentalsystems rational ausdrückbar ist.“

In weiteren Briefen wendet er sich mit außerordentlichem Scharfsinn einigen meiner Arbeiten über die Unveränderlichkeit der Beziehungen zwischen Integralen verschiedener Differentialgleichungen zu und hofft auf eine baldige mündliche Aussprache über diese Probleme, die er auch auf partielle Differentialgleichungen auszudehnen beabsichtigt.

Die Korrespondenz mit meinen Heidelberger Freunden wurde nun aber immer reger, und ich kann nicht leugnen, daß ihre Beschreibungen von der Feier des 70. Geburtstages von Bunsen ein gewisses Heimnweh in mir wachriefen. Er selbst schrieb mir am 13. April:

„Haben Sie herzlichen Dank, mein lieber theurer K. für Ihre und Ihrer Frau Gemahlin freundliche Wünsche, die mir so liebe Erinnerungen an die schönen Zeiten unseres Zusammenseins wachgerufen haben. Wenn man wie ich den Lebensabschnitt überschritten, von wo man nach aller menschlichen Voraussicht dem raschen Verfalle körperlicher und geistiger Kräfte entgegengeht, bietet so treu bewährte Freundschaft den einzigen Ersatz für Alles, was man in der Vereinsamung des Alters missen muß.“

Unsere Kinder wuchsen heran, mein Sohn besuchte bereits das Gymnasium in Wien, Brücke wurde sichtlich älter, und sein Rücktritt nahe bevorstehend, Oppolzer verstimmt durch die ihm widerfahrene Zurücksetzung bei der Wahl des Nachfolgers (Seite 174) von Littrow; Sickel war als Direktor des österreichischen Instituts für mittelalterliche Geschichte nach Rom versetzt und fühlte sich, wie wir uns später durch einen Besuch in Rom selbst davon überzeugten, dort sehr glücklich, so daß er von einer Rückkehr nach Wien gar nichts hören wollte — war es da zu verwundern, daß sich hin und wieder im Hinblick auf die Zukunft meiner Kinder sowie die drohende Verschärfung der nationalen Gegensätze in Österreich in uns der Wunsch regte, wieder nach Deutschland zurückzukehren?

Schon anfangs 82 war, wie mir Kirchhoff schrieb, die Berufung von Fuchs nach Berlin beschlossen, und nur der Zeitpunkt war noch nicht definitiv festgestellt. Es tauchte naturgemäß in der Korrespondenz zwischen Fuchs und mir wiederholt die Frage auf, ob ich wieder nach Heidelberg zurückkehren sollte, nachdem mit der Zeit die alten unerquicklichen Verhältnisse dort geschwunden, während so liebe, mir engverbundene Freunde wie Bunsen Kühne, Kopp, Fischer, Bekker, Karlowa,unser treuer Hausarzt Oppenheimer u. a. der Universität noch angehörten — vor allen drängten nun außer Fuchs noch Bunsen, Bekker und Kühne in mich, daß ich einen etwaigen Rufe nach Heidelberg folgen solle, und setzten auch nach Beseitigung mancher Bedenken durch, daß ich unico loco von der Fakultät vorgeschlagen wurde. So schrieb mir Bekker:

„Äußerlich würdest Du Bunsen gealtert finden, Herz und Kopf wie früher; wie in vielen Sachen teilen wir, er und ich, auch hier dieselben Anschauungen; (Seite 175) nicht eine nennenswerte Differenz trat heraus; ihm ist es Herzenssache, Dich wieder hier zu haben, er opfert eine der liebsten Hoffnungen, wenn er jetzt definitiv darauf verzichten muß. Auch ich weiß in der Welt niemand (alle Facultäten durch), der mir hier lieber wäre als Du.“

Während nun die österreichische Regierung für den Fall, daß ich in Wien bliebe, mir Ehrenbezeugungen und eine ganz ungewöhnliche Gehaltszulage in Aussicht stellte, suchte die Wiener Fakultät vor allem durch Oppolzer und den mir befreundeten hochgeschätzten Philologen und späteren Unterrichtsminister Hartel durch das Anerbieten, frühere Versäumnisse vollauf wieder gut zu machen, auf mich einzuwirken, eine Berufung nach Heidelberg abzulehnen.

Am 19. März 84 erhielt ich von dem Unterrichtsminister Conrad-Eybesfeld das folgende Schreiben:

„Es ist zu meiner Kenntnis gelangt, daß Eure Hochwohlgeboren in jüngster Zeit einen Ruf an eine ausländische Hochschule erhalten haben. Ich würde es auf das Lebhafteste bedauern, wenn sich Eure Hochwohlgeboren veranlaßt finden würden, Ihre bisherige Stellung an der Wiener Universität, an welcher Sie seit einer Reihe von Jahren in hervorragendster Weise als akademischer Lehrer und wissenschaftlicher Forscher thätig sind, aufzugeben. Ich beeile mich daher, Eure Hochwohlgeboren zu ersuchen, mich baldgefälligst in Kenntniß zu setzen, ob Sie einen diesbezüglichen Entschluß bereits gefaßt haben, und mir eventuell bekannt zu geben, ob und (Seite 176) in welcher Weise Sie mir die Möglichkeit bieten würden, Ihre ausgezeichnete Wirksamkeit, auf deren Fortsetzung ich besonderen Werth lege, der Wiener Universität auch fernerhin zu erhalten.“

Wiewohl aber der badische Staat, der zwar in seinen Anerbietungen weit über Erwarten hinausging, in keiner Weise mit den mir von Österreich gebotenen finanziellen Bedingungen konkurrieren konnte, so überwog doch bei meiner Frau und mir der Wunsch, wieder in Deutschland leben zu können; ich nahm den Ruf nach Heidelberg an und schlug Escherich als meine Nachfolger vor.

„Was sind Sie doch für ein glücklicher Mensch — schrieb mir Kirchhoff — daß Sie wieder nach Heidelberg und zu Bunsen zurückkehren können“,
nur Kronecker schien wegen der „Vertauschung der dortigen bedeutenden Stellung gegen die in Heidelberg“ seine Bedenken zu haben.

Ich erhielt durch den Minister Nokk die Mitteilung von meiner am 17. April 84 erfolgten Ernennung.

Noch in der letzten Zeit meiner Wiener Tätigkeit reisten wir mit unsern beiden Kindern zum Besuche meiner Schwiegermutter und meiner in Rußland verheirateten Schwägerin Anio nach Charkow, wo ich im Hause des Mathematikers Delarue in Gesellschaft von Andrejew und Imschenetzky, dessen Arbeiten über partielle Differentialgleichung mir wohl bekannt waren, einen interessanten Abend verbrachte, und besuchten von dort aus die Krim, um uns 14 Tage in dem herrlichen Seebad Jalta zu erholen.

(Seite 177) Da von nun an Personen und Begebenheiten, kurz mein gesamtes soziales und wissenschaftliches Leben noch der Jetztzeit zu nahe liegen, so muß ich mich im folgenden auf die wichtigsten Ereignisse in meinem eignen ferneren Leben beschränken und jede subjektive Beurteilung von Personen und Ereignissen, sowie die Korrespondenz mit sovielen noch lebenden lieben Freunden und Fachgenossen völlig ausschalten.


Text: Leo Koenigsberger, 1919
Anmerkungen und Personenregister: Gabriele Dörflinger, 2004-2014

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