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Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
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Mein Leben / Leo Koenigsberger

Heidelberg 1869 - 75

Alte Bruecke
Alte Brücke. Photographie von Richard Engelbreit

(Seite 85) Wahrhaft beglückt zog ich in Heidelberg(4.1) ein, wo ich, außer dem rühmlich bekannten Historiker der Mathematik Moritz Cantor und dem mathematischen Physiker Friedrich Eisenlohr noch Heinrich Weber und meinen alten Freund du-Bois-Reymond als Extraordinarien antraf, von denen aber du-Bois sehr bald nach Freiburg, Weber nach Zürich berufen wurde, und an deren Stelle schon nach 1½ Jahren der noch junge, aber durch seine ausgezeichneten Arbeiten schon damals hervorragende Noether trat.

Nachdem ich abends die von Kirchhoff für mich gemietete Wohnung (4.2) bezogen, wollte ich am folgenden Tage zunächst Kirchhoff besuchen, wurde aber von dem Laboratoriumsdiener mit der Trauernachricht empfangen, daß Frau Kirchhoff in der Nacht gestorben sei, und als ich dann Bunsen aufsuchte, hörte ich, daß er durch eine Explosium verunglückt sei, welche nach dem Urteil der Ärzte zu den schlimmsten Befürchtungen für sein Sehvermögen Anlaß gäbe(4.3); so machte ich sehr niedergedrückt zunächst meine Besuche bei den meinem Fache fernerstehenden Kollegen meiner und der anderen Fakultäten, vor allem jedoch bei Helmholtz.

Es war die Zeit, in der die Welt der Naturforscher noch ganz unter dem Eindruck der großen Spektraluntersuchungen von Bunsen und Kirchhoff (Seite 86) stand, und es war auch im Jahre 69, daß der alle überragende Helmholtz auf der Naturforscherversammlung in Innsbruck den Ansprüchen Robert Mayers bezüglich des Prinzips von der Erhaltung der Kraft gerecht wurde. 35 Jahre später, als meine Biographie von Helmholtz schon erschienen war, schrieb mir der Direktor der deutschen Seewarte Neumayr:

„Ich wohnte jener Hauptversammlung bei und zwar saß ich auf der Bühne des Theaters, wo auch der Vortragende sprach, und etwa 6 bis 8 Meter von ihm entfernt. Der Vortrag von Helmholtz ist ja längst gedruckt, und es kann jeder die Überzeugung sich erwerben, daß der Vortrag volle Anerkennung den Verdiensten Robert Mayer's zollte. Auch beobachtete ich Mayer und kann nur sagen, daß auch nicht der mindesteste Zug von Mißfallen bei dem an und für sich aufgeregten Manne zu bemerken war. Mayer's Vortrag, der ja ebenfalls gedruckt vorliegt, folgte darauf, und auch darin ist nicht eine Spur von Unbefriedigtheit oder Mißbehagen zu erblicken. Nachdem die Versammlung schon geschlossen war, verblieb Helmholtz noch auf der Bühne, um sein Manuscript zu sammeln, als plötzlich Dr. Friedrich Mohr aus Bonn auf Helmholtz losstürzte und mit erregter Miene den Vorwurf erhob, daß Helmholtz in seinem Vortrage seine, Mohrs, eminente Verdienste um die Feststellung des Gedankens von der Erhaltung der Kraft nicht gewürdigt, nicht einmal hervorgehoben habe. Mit olympischer Gelassenheit und Würde, die ihm so eigen war, erwiederte er „ich habe in meinem (Seite 87) Vortrage nach meinem wissenschaftlichen Gewissen gesprochen, von Ihren Verdiensten um diese Fragen ist mir nichts bekannt,“ und wendete sich einfach zum Weggehen. Es schien mir nicht unwichtig, diesen an und für sich unbedeutenden Vorgang zu Ihrer Kenntnis zu bringen, da durch denselben des Weiteren erhärtet wird, wie vollkommen unhaltbar irgend ein Vorwurf, der den vortrefflichen Menschen und edlen Forscher von Seiten seiner Neider gemacht wird, erscheinen muß.“

Diese drei großen Forscher, welche den Ruhm des damaligen Heidelberg bildeten, kamen mir, dem bei weitem jüngeren Kollegen, in so überaus liebenswüwrdiger Weise entgegen und unterstützten mich nach jeder Richtung hin derart mit Rat und Tat, daß ich mich sehr schnell in die mir fremden Heidelberger Verhältnisse einlebte und mir recht bald eine nicht geringe und mir mit Verständnis und Fleiß entgegenkommende Zuhörerschaft gewann. Dadurch, dass Kirchhoff Witwer, Bunsen und ich unverheiratet waren, kamen wir drei täglich zusammen; Helmholtz beteiligte sich sehr oft an unsern gemeinschaftlichen Spaziergängen, hatte aber zuerst durch seine erdrückende geistige Potenz für mich etwas beängstigendes, er schien mir unnahbar; seine Auseinandersetzungen über den mehrdimensionalen Raum auf einem Spaziergange mit ihm gleich in den ersten Tagen meines Heidelberger Aufenthaltes sind mir durch die Tiefe der Gedanken und die dunkle Form, in die er diese kleidete, lange Jahre in Erinnerung geblieben. Ein Spaziergang mit ihm war für den Mathematiker nie (Seite 88) eine Erholung, die Unterhaltung meist eine wissenschaftliche und anstrengende; beständig warf er Fragen auf, die ihn gerade beschäftigten, und sehr häufig wollte er wissen, wo er das eine oder andere zu seiner Orientierung nachlesen könnte; gab ich ihm aber Nachmittags ein Buch an, in welchem die ihm aufgestoßenen Schwierigkeiten behandelt waren, so teilte er mir meist schon an demselben Abend mit, zu welchen Resultaten er, ohne das Buch noch angesehen zu haben, durch eigene Überlegungen gekommen war. Allmählich gewöhnte ich mich aber an den wissenschaftlichen Verkehr mit Helmholtz, der, wenn er sah, daß seine Auseinandersetzungen dem Zuhörer nicht zum vollem Verständnis gelangt waren, von selbst und gern seine Deduktionen, womöglich in etwas veränderter Form, wiederholte, wodurch die wissenschaftliche Unterhaltung mit ihm stets in hohem Grade lehrreich und anregend war. Er war eben ein überlegener Geist, dessen Umfang und Tiefe mit dem gewöhnlichen Maßstab nicht ergründet werden konnte. Als nach mehr als 30 Jahren, einige Jahre nach seinem Tode, ein ihm befreundeter hervorragender Arzt, den ich in Friedrichsruhe kennen gelernt, mich äußern hörte, daß der Eindruck Bismarcks auf mich ein ganz überwältigender gewesen, und daß ich nur noch einmal in meinem Leben so das Gefühl geistiger Minderwertigkeit und Depression gehabt habe, und zwar als ich zum erstenmal Helmholtz gegenübertrat, da wies er freudig auf eine ähnliche Äußerung hin, die er vor kurzem aus dem Munde Lenbachs vernommen, den das Leben vielfach mit Bismarck (Seite 89) und Helmholtz zusammengeführt hatte. Die Unterhaltung mit Bunsen und Kirchhoff war meist leichterer Natur. Bei Kirchhoff handelte es sich stets und die feste, präzise Prägung mathematischer Einzelfragen, jeder Mangel an Strenge war seiner ganzen wissenschaftlichen Anschauung fremdartig, alles originell, und die Besprechung mathematischer Probleme mit ihm für mich stets lehrreich; er liebte ein streng wissenschaftliches Gespräch, das er mit einer Feinheit, Tiefe und Erfindungsgabe führte, wie ich sie früher nur an Weierstraß bewundert hatte, konnte jedoch auch oft den Übergang zu einer leichteren Unterhaltung finden, so daß in seiner Gesellschaft ein häufiges Ausruhen möglich war — er war der glänzendste Schüler von Jacobi, E. Neumann und Richelot. Ganz anders Bunsen. Dieser kokettierte gern dem Mathematiker gegenüber mit seinen mathematischen Kenntnissen, die er in Göttingen in den Vorlesungen von Thibaut gesammelt und in seinen ersten Arbeiten zu verwerten gesucht hatte; die Elemente der Differentialrechung und einige Kenntnisse aus der elementaren analytischen Geometrie waren in seinem Gedächtnis haften geblieben, und es machte ihm großes Vergnügen, sich von mathematischen Untersuchungen erzählen zu lassen, wenn er auch meist wenig davon verstand. Dieser Versuchung ging freilich Kirchhoff stets mit feiner Ironie aus dem Wege; denn der schneidenden Schärfe dieses großen Physikers war Bunsen in der Mathematik so wenig gewachsen, wie der allbeherrschenden, von mathematischen, physikalischen und allgemeinen naturwissenschaftlichen (Seite 90) Anschauungen getragenen wahrhaft grandiosen Weltanschauung von Helmholtz; er liebte allgemeine Gespräche über wissenschaftliche, kulturelle und politische Fragen, wenn nicht die großen Probleme chemischer und physikalischer Natur, mit denen er sich stets trug, sein Interesse absorbierten.

Es waren kaum zwei Monate in meinem engen Zusammenleben mit Bunsen vergangen, als wir eine gemeinsame Reise nach Italien planten; wahrhaft rührend war es zu sehen, wie er mir, dem jungen, im Reisen noch ganz unerfahreren Manne mit der Überlegenheit des vielgewanderten, durch wissenschaftliche Forschungsreisen hochberühmten Gelehrten für alle Anschaffungen Rat zu erteilen und dabei meine nicht glänzenden finanziellen Verhältnisse zu berücksichtigen suchte. So reisten wir denn am 13. August 69 von Heidelberg ab, und noch heute bilden die Erlebnisse unserer Italienfahrt, über die ich ein genaues Tagebuch geführt, meine schönsten und heitersten Erinnerungen durch die Genüsse der Reise und das freudige Gedenken steten Zusammenseins mit einem durch seine wissenschaftliche Größe, durch seine vornehme Weltanschauung und seine wahrhafte Einfachheit so hervorragenden Manne. Wenn ich nun hier auf Grund meines Tagebuchs einige Vorkommnisse auf dieser Reise näher beschreibe, so geschieht dies, weil all die bekannten Anekdoten und Legenden über Bunsen in keiner Weise seiner wirklichen Natur gerecht werden, und vielleicht nur wenige, aber wahre und charakteristische Einzelheiten den Freunden ein besseres Bild dieses großen Chemikers übermitteln werden.

(Seite 91) Wir reisten über Innsbruck nach Bologna, wo Bunsen die verschiedenen Sammlungen in der Universität besichtigte; als ich ihm mein Befremden darüber äußerte, daß der freilich schon recht alte Professor der Physik, nach den uns gegebenen Erklärungen der physikalischen Apparate zu schließen, kaum den Namen Bunsen zu kennen schien, antwortete er mir: „Ja, ich bin Chemiker, ich kenne auch nicht die Namen aller Physiker.“ Wir wollten nun noch am Abend über Ancona und Foggia direkt nach Neapel reisen, doch wurde uns gesagt, daß die Brücke von Ancona gebrochen sei, und wir mußten infolgedessen eine Stunde auf dem Bahnhof warten, um dann direkt nach Florenz zu fahren. Diese Stunde benutzte Bunsen, um eine für uns beide aufregende Szene wenn auch wider Willen zu provozieren. Da ich mich nur schlecht italienisch ausdrücken konnte, mußte er — und er tat dies auch gern, um mich völlig zu bevormunden — am Schalter die Verhandlungen führen; als er endlich mit den durch sein schlechtes Gehör und seine ebenfalls mäßigen italienischen Sprachkenntnisse erschwerten Geschäften fertig geworden, die Billete umgetauscht hatte, und ich nach Abgabe des Gepäcks in den Vorraum des Bahnhofes zurückkehrte, fand ich ihn von einer Gruppe kreischender italienischer Weiber umringt, die ihm seinen Schirm zu entreißen versuchten; ich drängte mich zu ihm durch und fragte ihn, was los sei; er antwortete mir sehr erregt: „Ich habe dort in diese Ecke meinen Regenschirm gestellt und besorgte die Billete am Schalter, und als ich jetzt hinging, um den Schirm zu holen, (Seite 92) will das Weib mir den Schirm entreißen, weil er der ihrige sei, und diese Horde steht ihr bei.“ Ich kannte den Schirm Bunsens nicht, aber ein richtiger Instinkt gab mir ein, an die andere Ecke des Vorsaales zu eilen, und dort fand ich in der Tat einen Regenschirm, den ich Bunsen brachte, „ja, das ist meiner“, und er gab der Frau ihren Regenschirm zurück; höhnisches Gelächter der italienischen Weiber strafte den entlarvten Dieb.

Nachdem ich auf der Fahrt von Bologna nach Florenz aus Ermüdung bald eingeschlafen war, wurde ich jeden Augenblick von Bunsen geweckt, der beim Genusse von unzähligen Zigarren es nicht über sich gewinnen konnte, mich in dieser herrlichen Mondnacht die vielen Schönheiten der Bahnstrecke verschlafen zu sehen, und so trafen wir ein wenig matt von der durchwachten Nacht am Morgen in Florenz ein, um schon nach eintägigem Aufenthalte, da wir erst auf der Rückreise längere Zeit hier bleiben wollten, direkt über Rom nach Neapel zu reisen. Bei der Gepäckrevision in Terni begrüßte mich Schering aus Göttingen, und ich forderte ihn auf, sich zu Bunsen und mir in unsern Waggon zu setzen; er teilte mir aber mit, daß er mit Sartorius von Waltershausen reise, und bat mich, erst Bunsen zu fragen, ob es ihm recht sei, wenn sie in Rom zu uns kämen. Ich wußte damals noch nicht, was mir jetzt erst Bunsen erzählte, daß er vor seiner Island-Reise mit Sartorius eng befreundet gewesen, daß sie aber durch einen publizistischen Angriff von seiten Sartorius', den Bunsen scharf und unwiderlegbar beantwortet hatte, einander ganz (Seite 93) fremd geworden, daß er jedoch nichts dagegen habe, wenn die beiden Herren sich zu uns setzten. Sartorius begrüßte Bunsen, der im Laufe der verflossenen 20 Jahre der große bewunderte Naturforscher geworden, mit herzlicher Liebe und Verehrung, und Bunsen schüttelte ihm gerührt und mit der wirklich naiven Freude eines Kindes, das eine alte liebe Erscheinung wieder vor sicht sieht, die Hände — und nun blieben wir vier zeitweise auf unserer Reise nach Neapel und Sizilien zusammen. Noch am ersten Abend, als wir im Hotel di Roma abstiegen, machten wir in Neapel einen gemeinsamen Spaziergang über die Chiaja, auf dem Bunsen mich wiederholt ermahnte, die nötige Vorsicht gegen die vielen Taschendiebe zu beobachten, die stets hinter uns herzogen; ich brachte auch wirklich alle meine Habseligkeiten in Sicherheit — aber Bunsen waren, wie wir zu Hause sahen, zwei Taschentücher, ein seidenes Halstuch und ein Federmesser entwendet worden! Was wir in den folgenden Tagen, nachdem Schering und Sartorius nach Sizilien abgereist waren, in Rom und Neapel herrliches und interessantes gesehen, kann hier keine Stelle finden; ich lernte viel aus all den erklärenden Bemerkungen die Bunsen beständig machte, und staunte über die Menge der Zitate aus Cicero, Plinius u. a., mit denen der von Klassizismus durchtränkte Freund meinem Verständnis entgegenkam. Die Tage waren in Neapel den Museen und größeren Ausflügen gewidmet, die Theater ließ er mich abends allein besuchten, da er an dem rechten Genusse derselben durch sein Gehör gehindert war; er vertrieb sich (Seite 94) dann, wie er mir wiederholt erzählte, die Zeit damit, daß er auf dem Sofa liegend in unserm ungewöhnlich niedrigen Zimmer im Kellergeschoß des Hotels die Fliegen an der Decke tot zu treten versuchte. Auf einem herrlichen Ausfluge nach Castellamare und Sorrent wollte mir Bunsen seine Reitkünste beibringen; als aber sein Esel gegen seinen Willen vom Wege abbog, um zu einem Brunnen zu eilen, drehte sich Bunsen, der sah, daß die Wirklichkeit mit seinen Belehrungen in schreiendem Widerspruch stand, mit einem feinem ironischen Lächeln zu mir um und rief mir zu: „Sie müssen die Zügel noch kürzer fassen als ich es getan habe.“ Endlich fand am 21. August der von Bunsen so sehr ersehnte Ausflug auf den Vesuv statt. Um 1 Uhr mittags langten wir, nachdem wir bei schönem Wetter in einem Einspänner durch Portici und Resina an den Fuß des Vesuvs gekommen waren, zu Pferde in Begleitung eines Cicerone an dem Observatorium an, wo uns ein alter Diener die, mit Ausnahme des Erdbebenmessers von Palmieri, schlechten Apparate zeigte und für seine Erklärung derselben in Bunsen einen aufmerksamen Zuhörer fand; als er ihm die „elektrische Kette von Bunsen“ beschrieb, fragte dieser, indem er mit seiner bekannten Geste das rechte Ohr näherte, scheinbar unbefangen: Von wem?, und nach Wiederholung des Namens nickte er mit dem Kopfe, als wenn er diesen Namen zum erstenmal in seinem Leben gehört hätte. Palmieri selbst war nicht anwesend, erschien aber am folgenden Tag im Hotel, da er Bunsens Namen in der Fremdenliste gefunden, und wir lachten noch (Seite 95) viel über die „elektrische Kette von Bunsen“. Vom Observatorium ging es nun weiter bis zum Rande des Kegels und von dort auf einem für den 60jährigen Bunsen schwierigen Wege zwei Stunden zu Fuß weiter. Ein plötzlicher starker Windstoß entführte ihm seinen Hut, und während ich ihn suchte, umhüllte er mit koketter Gebärde sein Haupt mit einem buntfarbigen seidenen Foulard, welches sofort die Habgier des uns begleitenden italienischen Jugend reizte; nun ging es weiter zu einigen prachtvollen Fumarolen, an denen mir Bunsen, nun plötzlich mit dem Ausdruck des Denkers und großen Naturforschers, das nach seinem Freunde Piria benannte Phänomen auseinandersetzte, bis er sich über die Hitze an einer Stelle der Fumarole zu wundern begann, die ich jedoch durchaus nicht empfinden konnte — plötzlich griff er in seine Hosentasche und zog aus derselben die noch glimmende Lunte eines Feuerzeugs hervor, mit der er sich kurz vorher die immer wieder ausgehende Zigarre angezündet. Während sich nun Bunsen vorher durch die Asche von Lazzaroni am Riemen hatte in die Höhe ziehen lassen, was ihm ein unendliches Vergnügen bereitete, sprang er jetzt mit dem Mutwillen eines Jünglings durch die Asche bergab, und so kamen wir wieder über Resina nach Neapel zurück, von wo aus wir an den folgenden Tagen noch mannigfache interessante Ausflüge machten.

Besondere Freude bereitete Bunsen der Ausflug nach Bajae, wo er bei Fackelbeleuchtung sich in die Grotte der Sibylle tragen ließ, und durch ein luxuriöses, von seinem Freunde, dem Apotheker (Seite 96) Berncastel in Neapel vorbereitetes Frühstück in den Bädern des Nero in eine so animierte Stimmung kam, daß er dort mehr als ein Dutzend, in ihren Darstellungen etwas gewagter Gemmen kaufte, von denen er uns — was er selbst nicht glaubte — versicherte, daß es alte, im Schutt der Baureste gefundene seien — er hatte später Mühe, sich ihrer durch Geschenke an Junggesellen zu entledigen, die ihm jedoch versprechen mußten, den Geber nicht zu verraten. Im Hotel zu Bajae ließ er die von ihm auf dem Markte zu Pozzuoli gekauften Muränen braten und konnte sich eine Stunde später in einem nahe gelegenen alten Tempel von der von überaus häßlichen alten Weibern getanzten Tarantella nur schwer trennen.

Nach elftägigem Aufenthalt in Neapel bestiegen wir ein italienisches Schiff, um bei herrlichstem Wetter die Reise nach Sizilien anzutreten. Kaum waren wir auf dem Schiffe, das noch fest vor Anker lag, als ich Bunsen, der seit seiner isländischen Reise, auf der er 6 Wochen seekrank gewesen und sich nur von trockenen Pflaumen genährt hat, eine unüberwindliche Scheu vor Seereisen hatte, schlaff und zusammengekauert dasitzen sah; als sich aber das Schiff in Bewegung setzte, floh er von mir unterstützt in seine Kabine, wo die ihm angeborene glückliche Eigenschaft, zu beliebiger Zeit beliebig lange schlafen zu können, über weitere Fährlichkeiten der Seekrankheit hinweghalf. Erst bei der Ankunft in Messina öffnete er lächelnd und glückstrahlend über die von ihm so gut überstandene Reise die Augen, und kaum wieder auf festem Boden, (Seite 97) so erwachte seine ganze Energie. Schon am folgenden Tage brachen wir nach Catania auf, wo ihm zu seinem Leidwesen einige jüngere italienische Gelehrte, die in demselben Hotel wohnten und seinen Namen erfahren hatten, ihre tiefe Ehrfurcht bezeugten, — was ihn mit dazu veranlaßte, von Catania so schnell als möglich abzureisen — und am 1. September rüsteten wir uns zur Besteigung des Ätna. Erst zu Wagen nach Nicolosi, wo Bunsen den ihm von früher bekannten Mineralogen Gemelaro besuchte, und um 1 Uhr mittag Aufbruch zur Besteigung mit 1 Führer, 1 Treiber und 3 Maultieren; 9 Stunden dauerte der durch mannigfache Zwischenfälle, die auf Bunsens Unmäßigkeit im Genusse schwerer Speisen und eiskalter Getränke zurückzuführen waren, unterbrochene Ritt, bis wir, nachdem wir aus Nicolosi bei einer Hitze von 32° fortgeritten waren, bei 2° Kälte in der casa inglese anlangten. Wir legten uns sogleich in die mit Stroh belegten Kasten, aber die Kälte war derart, daß Bunsen den Führer bat, größere Holzstücke von den Dachsparren abzuschlagen und diese anzuzünden. Die Temperatur wurde erträglicher, aber kaum hatten wir eine halbe Stunde geschlafen, als Bunsen mich weckte. Er war überhaupt etwas ängstlicher Natur, wenn es sich nicht um wissenschaftliche Forschungen handelte, und vor allem war ihm Mißtrauen und Angst vor Menschen eigen, deren Natur und Wesen ihm fremdartig und unsympatisch war. So hatte sich plötzlich die Furcht seiner bemächtigt, daß der Führer uns durch Rauch zu ersticken suche, um uns zu berauben; wir mußten (Seite 98) daher schon um 3 Uhr morgens aufstehen und uns ums Feuer setzen, bis um 5 Uhr der Aufbruch zur Besteigung des Kegels stattfand. Den wunderbaren Sonnenaufgang konnte Bunsen noch genießen, aber kaum begann der Marsch durch die kniehohe Asche, als er in einen so bedenklichen Schwächezustand verfiel, daß er von einem der Träger in die casa zurückgebracht werden mußte, während ich mit dem Führer den 1½stündigen recht schwierigen Marsch, auf dem mich auch eine starke Ohnmacht befiel, auf den Gipfel machte. Noch an demselben Tage langten wir nach 6stündigem Ritt wieder in Nicolosi an.

Nachdem sich Bunsen noch zu meiner Freude an demselben Abend bei herrlichstem Nachthimmel in einem unbedeckten Theater an den etwas freien Produktionen einer Kunstreitergesellschaft ergötzt hatte, reisten wir am folgenden Tage auf der Eisenbahn nach Lentini — Taormina konnte man wegen der großen Unsicherheit der Wege nicht besuchen — und von dort in einem Wagen nach Syracus — Bunsen stets den Revolver in der Hand, aus Angst vor einer Beraubung, weil der Kutscher sich einen fratello auf den Bock genommen und in aller Unschuld nur deshalb jeden Augenblick stehen blieb, damit sein Genosse in Ruhe Orangen aus den herrlichen Gärten stehlen konnte. Wir besuchten die Latomien und die Totenstadt, schickten von dort aus einen telegraphischen Gruß an Kirchhoff nach Königsberg, und fuhren sodann, ohne uns in Neapel aufzuhalten, nach Rom, wo mir Bunsen, der schon mehreremal dort gewesen, ein herrlicher Führer im (Seite 99) Vatikan war; von dort aus machten wir viele genußreiche Ausflüge nach Tivoli und ins Albanergebirge und fuhren dann nach einem mehrtägigen Besuche von Florenz und Venedig über Bozen und München nach Heidelberg zurück.

Nachdem ich Michalis 69 eine an der Anlage(4.4) gelegene Parterrewohnung im Hause von Gervinus bezogen, wodurch es meinen verehrten Freunden leicht gemacht wurde, durch ein Klopfen am Fenster mich zu ihrer Begleitung abzuholen, wurde der Rest der Herbstferien sowie das folgende Winter- und Sommersemester intensiver wissenschaftlicher Arbeit und angestrengter Dozententätigkeit in Vorlesungen und Seminaren gewidmet; nur einmal in der Woche fanden sich Bunsen und Kirchhoff in meiner Wohnung zu einem l'hombre-Kränzchen ein, wenn man unser Zusammensein, bei welchem fast nie eine Partie zu Ende gespielt wurde, so nennen darf — denn jede halbe Stunde warf Bunsen seinen Pelz über, lief von meiner Wohnung in sein nahegelegenes Laboratorium(4.5), um zu sehen, welche Angaben sein damals von ihm konstruierter Calorimeter machte, und kam dann außer Atem wieder zurück, mit seinen Gedanken noch ganz im Laboratorium, und eine jedesmal von Kirchhoff teils scherzweise teils ernsthaft bezüglich seines Calorimeters gerichtete Frage führte sogleich die Unterhaltung ganz abseits von Karten und leichter Plauderei, die Bunsen nur dann unterbrach, wenn der vom Hoten Schrieder(4.6) ganz in seinem Sinne und Geschmack angerichtete Herings- oder Kartoffelsalat seiner Feinschmeckerei ein Feld der Betätigung bot.

(Seite 100) Im übrigen bot das gesellige Leben in diesem Winter mancherlei Anregung, verlangte keinen allzu großen Zeitaufwand und trug damals noch den Charakter der Einfachheit, wie wir sie von früher aus den Berliner Professorenkreisen gewöhnt waren. Mit Freude und Dankbarkeit erinnere ich mich noch heute der schönen Sonntage, an denen ich als einziger Gast mit Helmholtz und Frau speisen durfte; um den materiellen Genuß nicht beeinträchtigen zu lassen, wurde durch die verehrte Hausfrau mit strenger Liebenswürdigkeit jeder mathematische Gedanke, dem Helmholtz Ausdruck geben wollte, schon im Entstehen verscheucht, und erst, nachdem meine regelmäßig von ihr selbst bereitete Lieblingsspeise des zu Spiralen gewundenen Kastaniencremes aufgetragen war, gab sie die Zügel der Unterhaltung aus ihrer Hand. Unmittelbar nach Tisch ging ich mit ihr in das Balkonzimmer, während Helmholtz sich für eine Viertelstunde zum Ausruhen niederlegte, und Frau Helmholtz, mit der Bereitung des Kaffee und einer häuslichen Näharbeit beschäftigt, den jungen Professor in die Mysterien des Heidelberger Professorenlebens einweihte. Nach Ablauf der Viertelstunde weckte sie Helmholtz, der, die Kravatte in der Hand, sofort eintrat, stutzte ihn zurecht, und nun befreite sie unsere Unterhaltung von jeder Fessel, hörte andächtig der Formelsprache zu und schlug nur dann und wann mit Andacht ihren bewundernden Blick zu dem innig verehrten und geliebten Gatten auf.

Ich hatte das Glück, eine stattliche Reihe ausgezeichneter junger Mathematiker in den Jahren (Seite 101) 69 - 74 um mich zu versammeln, welche zumal am Anfange Kirchhoffs und Helmholtz's Name nach Heidelberg gezogen und die sämtlich alle unsere Vorlesungen hörten; es war ein Hand in Hand arbeiten zwischen Kirchhoff und mir, so daß wir bisweilen beide in demselben Semester vor denselben Zuhörern Mechanik lasen, er mehr vom physikalischen, ich vom rein mathematischen Gesichtspunkte aus und täglich den Gegenstand der nächstfolgenden Vorlesung mit einander besprachen. Es war mir eine unbeschreibliche Freude, ein so reges wissenschaftliches Leben sich entfalten zu sehen, das einer meiner Schüler, der seit mehr als 40 Jahren zu den hervorragendsten Förderern unserer Wissenschaft gehört, in launiger Weise bei meinem Abschiedskommers(4.7) geschildert hat:

„Auch ich bin in Arkadien geboren,
Auch mir hat Heidelberg
Gelächelt, einst als seinen Professoren
Kirchhoff und Koenigsberger meine Ohren
Von früh bis spät gelauscht beim ernsten Werk.

Von zehn bis eilf lernt' ich Funktionen schwingen,
Und als mir ward bewußt
Daß um Unstetigkeiten zu bezwingen
Man nur darum braucht kleine Kreise schlingen,
Da wurden sie mir zu erwünschter Lust.

Mit Riemanns Flächen lernt' ich umzuspringen,
die Sache ging merkwürdig glatt:
Wenn n- und mehrfach sie zusammenhingen,
Sie zu zerschneiden mußt' mir doch gelingen,
Daß selbst kein Säugling kam ins falsche Blatt.

(Seite 102) Von eilf bis zwölf verändert' sich die Szene
Da ward mein Studium die Natur,
Und wie Odysseus einst die Cantilene
So lockt auch mich zum Hörsaal die Sirene
Von Savard und Cagniard la Tour.

Von zwölf bis eins mit Algebra zu ringen,
Erschien als Gipfel mir des Glücks;
Was ek'lig, in kanon'sche Formen zwingen,
Was mir nicht paßte, zum Verschwinden bringen,
bis schließlich eruiert das störr'ge x.

Und kam ich dann gesättigt von Dinertisch,
War abermals der Friedrichsbau mein Ziel:
Da trieb ich die Physik erst theoretisch,
Klein z partiell nach x ward mir zum Fetisch,
Zum goldnen Kalb das Massen-Molekül.

So lernte ich allda exaktes Wissen
An Kirchhoffs und an Koenigsbergers Hand,
Und muß ich jetzo beide lang schon missen,
So ist gewißlich doch noch nicht zerrissen
Was mich an jene Männer band.

Bin ich auch heute leider nicht zur Stelle
Zu zeigen wie ich sie verehr',
So werf ich von mir Liouville und Crelle,
Schleich' dann zur Kneipe hin aus meiner Zelle,
Und commercire singulär.

Ich setz' mich nieder und bestelle
Mir Bier als ächter Musensohn,
Und trinke dann n Factorielle
Von Seideln auf das Spezielle
Der theuren Lehrer-Binion.

Berlin 12./2. 75.

(Seite 103) Ich hebe aus der Zahl dieser hochbegabten und für ihre Wisenschaft begeisterten jungen Männer, welche in kürzester Zeit zu den hervorragendsten Vertretern der Mathematik und Mechanik gezählt wurden, nur die Namen der leider schon früh dahin gegangenen Julius Koenig, Enno Jürgens, Ludwig Boltzmann, Sophie v. Kowalevsky, und der noch lebenden Alfred Pringsheim, Martin Krause, Otto Rausenberger, M. Réthy, O. Eötvös, G. Lippmann (Paris) u. a. hervor, an denen nun nach 50 Jahren noch meine Erinnerungen haften.

Schon in August 70 erhielt ich von einem meiner scharfsinnigsten Zuhörer J. Koenig, der im Sommer 70 mit der Dissertation „Zur Theorie der Modulargleichungen der elliptischen Funktionen“ in Heidelberg promoviert wurde, die folgende Mitteilung aus Raab:

„Nachdem ich unter Ihrem Einflusse, wie ich es nie vergessen werden, mich nach und nach völlig der Mathematik zugewendet habe, werde ich, durch meine Geburt als Ungar begünstigt, in der Lage sein, auch eine spätere Zeit schon ins Auge fassen und mich dem Minister Eötvös vorstellen zu dürfen. .... Ich fahre fort, mich mit den zahlentheoretischen und algebraischen Anwendungen der Modulargleichungen zu beschäftigen, insbesondere scheint durch die Reihenentwicklung der Wurzeln eine zusammenhängende und allgemeine Theorie der Modulargleichungen möglich zu werden. .....“
und 1872, als er sich bereits in Pest habilitiert hatte, schreibt er:
(Seite 104) „ es war der Wunsch nach den für mich so bedeutungsvollen 2 Jahren in Heidelberg diese Betrachtungen zu einer Arbeit von etwas größeren Dimensionen zu verwerthen. Und grade diese, die so ganz die Frucht des letzten bei Ihnen gehörten Collegs über Functionentheorie ist, schien mir dazu die geeigenste. Der Gegenstand und die Methode sind, wie ich glaube, ziemlich fruchtbar. Ich würde mich unendlich freuen, wenn ich so glücklich wäre, in einigen Zeilen ein Urtheil von Ihnen zu erhalten, um so mehr, da ich dasselbe dann noch in der Fortführung der bezüglichen Arbeit benutzen könnte. .... ich habe mich insbesondere auch mit der s. g. Theorie n-facher Mannigfaltigkeiten beschäftigt und glaube diese Arbeiten bald zu einem Abschluß zu bringen, der auch für eine Erweiterung der Functionentheorie nicht ohne Interesse ist.“
Abhandlungen und größere Werke von ihm, auf die ich hier nicht näher eingehen kann, da sie dem Gegenstande seiner Heidelberger Studien ferner lagen, folgten dann in rascher Reihenfolge. Meine Korrespondenz mit ihm setzte sich bis in meine Wiener Zeit hinein fort, doch habe ich ihn im Laufe meines Lebens nur noch zweimal wiedergesehen; während der Zeit meiner Tätigkeit in Wien brachte er mir die Einladung meiner ungarischen Schüler zu einem Feste, das mir in Pest gegeben werden sollte, der ich aber zu folgen verhindert war, und das letztemal sprach ich ihn auf dem Mathematikerkongreß in Heidelberg. Er hat in seinen letzten Lebensjahren als Ministerialrat im ungarischen Unterrichtsministerium in dankenswerter Weise für den Ausbau der (Seite 105) mathematischen und physikalischen Studien in Ungarn gewirkt.

Von Natur aus ruhiger und weniger temperamentvoll war Enno Jürgens, der später eine ordentliche Professur der Mathematik an der technischen Hochschule in Aachen bekleidete. Seine Dissertation, welche einen direkten Beweis von der Eindeutigkeit der Integrale gewisser linearer homogener Differentialgleichungen erbrachte, war aus einem Seminarvortrage hervorgegangen, und die Ausdehnung der Fuchsschen Untersuchungen auf lineare homogene Differentialgleichungen mit algebraisch vieldeutigen Koeffizienten und die Verknüpfung derselben mit den Thoméschen Arbeiten beschäftigten ihn dann weiter, nachdem er 1873 seine Studien in Berlin beendet hatte.

Bezüglich Boltzmann ist mir noch eine Seminarstunde in Erinnerung, in welcher ich eine Variationsaufgabe behandeln lassen wollte, die aber keiner meiner vortrefflichen Seminaristen zweckmäßig anzugreifen wußte; auf meine Frage, wer von den Herren uns helfen wolle, erhob sich auf der letzten Bank ein hagerer, etwas älter als die übrigen Studierenden aussehender Zuhörer, trat an die Tafel und entwickelte in geschickter Weise, aber in so krassem österreichischem Dialekt, daß die Zuhörer sich eines Lächelns nicht erwehren konnte, die Lösung der Aufgabe. Da er sich vorher bei mir nicht gemeldet hatte, fragte ich ihn nach seinem Namen — die Antwort war: „Dr. Boltzmann aus Wien,“ von dem mir schon einige, von seinem Lehrer Stefan vorgelegte kleinere Noten aus den Mitteilungen (Seite 106) der Wiener Akademie bekannt waren. Noch am Nachmittage desselben Tages kam er zu mir, um sich für eine demnächst erscheinende Wärmearbeit in betreff einiger algebraischer Probleme meinen Rat zu erbitten, und ich fragte ihn bei dieser Gelegenheit, ob er Kirchhoff schon persönlich kennen gelernt habe. Als er meine Frage ein wenig verlegen verneinend beantwortete, drückte ich ihm mein Erstaunen darüber aus, da er schon seit einigen Wochen in Heidelberg sich aufhielt, bis er mir endlich seine Befürchtung gestand, daß die Unterhaltung dann wohl sehr bald auf Kirchhoffs letzte Arbeit über die Bewegung von zwei Ringen in einer Flüssigkeit kommen könnte — es ist dies die fundamentale Untersuchung über die Parallelität der durch den hydrodynamischen Druck und elektrische Ringströmung hervorgebrachten Bewegung — und daß es ihm dann unangenehm wäre, Kirchhoff zu sagen, daß die Arbeit einen mathematischen Fehler enthielte. Als er mir das Nähere auseinandergesetzt, und ich ihm versicherte, daß Kirchhoff, wenn er seinen, übrigens das Resultat der Untersuchung nicht in Frage stellenden Irrtum eingesehen, ihm dann erst recht mit größter Liebenswürdigkeit entgegenkommen würde, entschloß er sich, ihn sogleich zu besuchen. Einige Stunden später kam Kirchhoff zu mir und erzählte mir, daß Boltzmann gleich bei seiner Vorstellung ganz unvermittelt ihm mitgeteilt habe, daß er einen Fehler in jener Arbeit gemacht, und ich konnte an der Erregtheit von Kirchhoff, der bei seiner feinen, aber etwas formellen Art, sich zu geben, auch eine bescheidene und vorsichtige Rücksichtnahme (Seite 107) von anderen verlangte, wohl erkennen, daß die Art der Mitteilung ihn Boltzmann gegenüber ein wenig stutzig gemacht hatte, — sehr bald wurde ihr Verhältnis aber ein recht gutes, getragen von der gegenseitigen Hochachtung ihrer wissenschaftlichen Bedeutung. Im Jahre 1887 schrieb mir Boltzmann aus Graz:

„Von hiesigen akademischen Kreisen wurde ich aufgefordert, bei einer am 13. November stattfindenden Festfeier, ein Bild der Wirksamkeit Kirchhoff's zu entwerfen, dem ich gern auch eine kurze Charakterschilderung anschließen würde. Aus der Zeit meines schönen, leider zu kurzen Heidelberger Aufenthaltes weiß ich zur Genüge, wie innig befreundet Sie mit Kirchhoff grade in der Blüthezeit seiner Kraft waren. Sie würden mir nun einen unendlichen Gefallen erweisen, wenn es Ihnen möglich wäre, mit einige charakteristische Züge, Begebnisse, Anekdoten, welche Kirchhoff's Charakter, seine akademische Thätigkeit, die Geschichte seiner Entdeckungen etc. betreffen, brieflich mitteilen könnten. Ich möchte so gern mit dergleichen meinen Vortrag schmücken.“
Die in seinem später veröffentlichten Vortrage enthaltenen Bemerkungen über die Entdeckung der Spektralanalyse(4.8) ist mir damals für ihn von Bunsen selbst diktiert worden.

Meine Korrespondenz mit Boltzmann begann im Jahre 1878 mit der von ihm gestellten Frage nach dem Werte der Summe

Σ 1aw1 2aw2 3aw3 .... n! / (w1! w2! w3! ...) ,
(Seite 108) wenn w1, w2, w3, .... alle möglichen ganzen positiven Zahlenwerte einschließlich Null zu erteilen sind, welche den beiden Bedingungen genügen
w1 + w2 + w3 + ... = n
1 w1 + 2 w2 + 3 w3 + ... = λ ;
dabei sind n und λ gegebene positive ganze Zahlen; a ist eine ganze oder gebrochene Zahl, und hierauf bezüglich schreibt er mir im Jahre 82:
„Ich erlaube mir, Ihnen einen Separatabdruck einer Abhandlung zu schicken. Sie haben mir vor längerer Zeit gütige Auskunft über eine Formal erteilt, welche hier S. 6 verwerthet ist und wofür ich nochmals danke. Der Gegenstand ist gerade nicht von besonderer Bedeutung, viel Mathematik ist eben nicht darin; er dürfte aber doch seine interessanten Seiten haben; schon insofern hier ein physikalisch nicht unwichtiges Problem vorliegt, welches sich leicht in einem Raume von 2 und von 4 Dimensionen lösen läßt, woraus dann erst auf Umwegen die Lösung für 3 Dimensionen erschlossen werden kann. Es scheint mir dies eine gute Illustration der Nützlichkeit der so oft mißverstandenen 4. Dimension.“

Unsere weitere Korrespondenz bezog sich auf meine Prorektoratsrede vom Jahr 1895 „Über Helmholtz's Prinzipien der Mathematik und Mechanik“(4.9) und auf meine Helmholtz-Biographie(4.10) vom Jahr 1903, und ich glaube, da ich bisher keine Gelegenheit gefunden, die für den so hervorragenden Physiker Boltzmann charakteristischen Bemerkungen weiter bekannt zu geben, ihnen hier eine Stelle (Seite 109) einräumen zu dürfen. In bezug auf meinen Vortrag schreibt er mir:

„Da Sie so freundlich sind, mich aufzufordern, ob ich nicht über Ihre ausgezeichnete Rede auf Helmholtz, die mir besonders werthvoll ist, weil sie Helmholtz grade von der mathematischen Seite beleuchtet, irgend welche Bemerkungen hätte, so erlaube ich mir allerdings deren zwei. Die erste betrifft mich selbst. Sie sind allerdings so liebenswürdig mich als Fortentwickler der physikalischen Bedeutung des Princips der kleinsten Wirkung zu nennen. Ich glaube aber wirklich nicht unwahres zu behaupten, wenn ich mich als Entdecker und Helmholtz als Fortentwickler bezeichne. Ich wurde, als Loschmidt 1867 zum erstenmal zu uns kam, von Stefan vorgestellt als „Boltzmann, der Entdecker der physikalischen Bedeutung des Princips der kleinsten Wirkung.“ Die zweite betrifft die Stelle, wo Sie Helmholtz's Ansicht, daß seine Theorie der Elektrodynamik für k=0 in die Maxwell'sche übergeht erwähnen. Ich glaube, daß sich Helmholtz da geirrt hat.“

Die erste Bemerkung benutzte ich in meiner Biographie von Helmholtz zur Richtigstellung der Tatsache und erhielt von Boltzmann die folgenden darauf bezüglichen Zeilen:

„Meinen besten Dank für die freundlichen Worte, die Sie nun meiner Jugendarbeit widmen und mit denen ich natürlich sehr einverstanden bin. Seien Sie überzeugt, daß ich nicht zu den Prioritätsfriedensstörern gehöre und die Sache überhaupt garnicht erwähnt hätte, wenn Sie mir nicht zuerst so (Seite 110) liebenswürdig geschrieben hätten. Noch weniger kann ich es Ihnen verübeln, daß Sie diese wenig bekannte in der Wiener Akademie versteckte Arbeit übersehen haben, was schon mehreren (z. B. Clausius) passirte, deren specielles Arbeitsgebiet gerade dieses war.“

Als ich im Jahre 1902 bei der Ausarbeitung meiner Helmholtz-Biographie ihn um einen Brief von Helmholtz bat, auf den ich seine Antwort in dessen Nachlaß gefunden, antwortete er mir:

„Leider habe ich die correspondirenden Briefe von Helmholtz nicbt aufbewahrt. Ich bedaure dies jetzt selbst, u. a. würde dann ein komisches Intermezzo aufbewahrt. Ich hatte in Helmholtz's Laboratorium die Versuche über Dielectricitätsconstanten angestellt, um die jetzt so berühmt gewordenen Maxwell'sche elektromagnetische Lichttheorie zu prüfen. Helmholtz, der die Formel nicht genau im Kopfe hatte, sagte mir gesprächsweise, nach Maxwell müßte der Brechungsquotient n gleich der Dielectricitätskonstanten D sein. Da meine Versuche dies nicht ergaben, schrieb ich in der festen Überzeugung von Berlin, Maxwell gänzlich widerlegt zu haben, und war schon im Begriff, das drucken zu lassen, als ich plötzlich auf die Idee kam, mir Maxwell's Formel noch einmal anzusehen, und da die gut übereinstimmende n = √D fand. Davon handelte mein Brief vom 1. November 1872. Mir ist sehr leid, daß ich Helmholtz's Briefe nicht aufbewahrt habe, ja es ist mir jetzt ganz unbegreiflich; aber damals war ich ein junger Brausekopf und da (Seite 111) denkt man nicht an die Zukunft. Es wäre manches, auch wissenschaftlich nicht ganz uninteressantes in denselben enthalten gewesen, und Helmholtz's ganze Art sich zu geben war darin sehr charakteristisch ausgeprägt.“

Persönlich begenete ich Boltzmann nur noch einmal auf der Naturforscher-Versammlung in Wien, wo ich einen hochinteressanten Abend in seinem Hause zubrachte.

Von großem Interesse war für mich, wie für die ganze naturwissenschaftliche Fakultät Heidelbergs das Erscheinen der Frau v. Kowalevsky unter den Studierenden unserer Hochschule. Als ich mich eines Tages im Direktorzimmer des mathematischen Instituts befand in Gesellschaft des Physikers Tyndall und des Geometers Hirst, die einigen meiner Vorlesungen beiwohnen wollten, trat eine junge, äußerst anmutige Dame ein wenig schüchtern in das Zimmer, stellte sich mir als Frau Sophie v. Kowalevsky vor und bat mich um die Erlaubnis, meine Vorlesungen hören zu dürfen. Damals war ein solches Gesuch ein unerhörtes novum; auf meine Frage, ob sie denn schon Mathematik getrieben habe, orientierte sie mich ein wenig über ihre Privatstudien. Als ich nun einen Augenblick unschlüssig dastand, da ich nicht wußte, wie Fakultät und Senat über diese Frage denken würden, nahm mich Tyndall, ein Freund weiblicher Schönheit, bei Seite, und meinte, über meinen philiströsen Rigorismus spottend, „wie kann man denn einer so schönen Dame etwas abschlagen wollen?“ Dies genügte mir momentan, um ihr die erbetene Erlaubnis zu erteilen, und so traten (Seite 112) wir denn alle vier zum Erstaunen der jungen Studierenden in das Auditorium ein — wie die Schwester der Frau v. Kowalevsky in einer deutschen Zeitschrift es später schilderte — was ich jedoch als aktiver Teilnehmer aus eigener Anschauung weder bestätigen noch bestreiten kann — in einem feierlichen Zuge, höchst würdevoll, erst ich, dann Tyndall und Hirst, und endlich die junge Russin. Aber so einfach wie jetzt wurden damals an deutschen Universitäten solch fundamentale Fragen nicht erledigt. Als das formale Gesuch der Frau v. Kowalevsky an die Fakultät gelangte, in welchem angegeben war, daß sie seit kurzer Zeit verheiratet sei, da regten sich Zweifel und Bedenken, ob dem wirklich so sei, weniger bei Bunsen, Kirchhoff und mir, als bei den Wächtern akademischer Ehre, wie bei dem verehrten Freunde, aber strengen Sittenrichter Kopp und anderen, und ich glaube, es war unser Freund Wattenbach, der halb im Scherz, halb im Ernst den sogleich von den Kollegen akzeptierten Vorschlag machte, daß Kirchhoff und ich zu dem Hofrat Schliephake sich begeben sollten, bei welchem die Dame mit ihrem Manne wohnte(4.11), um festzustellen, ob das Ehepaar auch polizeilich als solches gemeldet sei. Als Schliephake dies bejahte, erklärte sich die Fakultät zunächst befriedigt und gab die Erlaubnis zur Zulassung, ohne jedoch wirklich überzeugt zu sein, daß der Begleiter der Dame, welcher hier mineralogische Vorlesungen hörte, auch wirklich ihr angetrauter Mann sei; selbst Helmholtz gab seinem Zweifel oft dadurch Ausdruck, daß er mich mit der Bemerkung neckte: „Sie heiraten sie doch.“ (Seite 113) Eine völlig genügende Aufklärung erhielt ich aber erst durch den russischen Grafen Adelung aus Stuttgart, der mir seinen, nach dem Urteil der Lehrer mit ganz ungewöhnlichem mathematischen Talente begabten Sohn, welchen er, was auch später geschah, in russische Ingenieurdienste stellen wollte, zur Prüfung brachte und bei dieser Gelegenheit erzählte, daß die auffällige mathematische Begabung in seiner Familie von dem Großvater des Knaben, dem russischen Astronomen Schubert, herrühre, und daß diese mit Überspringung der ersten Generation ganz und gar auf die zweite übergegangen sei, wie dies ja auch seine Nichte, die Frau v. Kowalevsky beweise — und nun war mir unmittelbar die Möglichkeit gegeben festzustellen, daß meine Zuhörerin wirklich verheiratet und rite getraut worden sei! Daß dieser Graf Adelung wenige Jahre später eine wichtige Rolle in meinem eigenen Leben spielen würde, indem er den russischen Geistlichen in Baden-Baden durch Einwirkung von hoher Stelle vermochte, die Trauung mit meiner Frau, einer geborenen Russin, zu vollziehen, trotzdem schwer zu überwindende, in den gesetzlichen russischen Bestimmungen begründete Hindernisse dem entgegenstanden, habe ich damals nicht vermutet.

Frau v. Kowalevsky arbeitete sich ungewöhnlich schnell in die höheren Teile der Analysis ein und trug auch im Seminar die Arbeiten von Gauß über die hypergeometrische Reihe mit großer Klarheit und völliger Beherrschung des Stoffes vor. Nicht so leicht glückte es ihr in Berlin, wohin sie sich von Heidelberg aus zur Vollendung ihrer Studien (Seite 114) begab, als Zuhörerin zugelassen zu werden. Am 25. Oktober 70 schrieb mir Weierstraß:

„Ihre großartigen Reisepläne sind, wie ich vernommen ebenso zu Wasser geworden, wie meine bescheideneren; doch haben Sie, wie ich von Fuchs höre, wenigstens Ihre Heimath besuchen können, während ich sowie alle meine näheren Bekannten nicht aus Berlin herausgekommen bin. Hoffentlich wird das kommende Jahr uns friedfertigen Leuten wenigstens den ungestörten Genuß der Ferien gewähren, dessen wir nach den Aufregungen der Gegenwart doppelt benöthigt sein werden. An der Universität werden wir den Einfluß der kriegerischen Zeit wahrscheinlich sehr stark empfinden. Ich habe heute meine Vorlesung über elliptische Functionen vor 20 Zuhörern begonnen, während vor 2 Jahren deren 50 vorhanden waren. Kummer und Kronecker wollen deswegen auch erst am 1. November anfangen. Um so schwerer trifft es uns, daß der — bis jetzt — unbeugsame Wille des hohen Senats uns nicht einmal den Ersatz gönnen mag, der uns aus Ihren Händen in der Person Ihres bisherigen weiblichen Zuhörers geboten wird, und — mit dem gehörigen Gewichts-Coeffizienten versehen — vielleicht ein recht werthvoller sein möchte. Sie würden mich übrigens verpflichten, wenn Sie mir über die Dame und deren Befähigung zu tieferen mathematischen Studien Ihre Ansicht mittheilen wollten. Dies würde mir um so mehr erwünscht sein, als in der nächsten Senats-Sitzung — heute über 8 Tage — das Gesuch derselben um Zulassung zu den mathematischen Vorlesungen nochmals zur Sprache kommen (Seite 115) wird, und ich dies Gesuch befürworten würde, wenn ich, auf Ihr Urtheil mich stützend, meine Überzeugung dahin aussprechen könnte, daß die Dame wirklich wissenschaftlichen Beruf habe. Wie sie mir sagt, hat sie mehrere Semester bei Ihnen Vorlesungen gehört, namentlich auch elliptische Functionen und möchte nun gern weiter gehen. Könnte ich erwarten, daß sie dazu befähigt sei, wäre sie z. B. im Stande, wenn ich ihr Ausarbeitungen über elliptische Functionen gäbe, mit meiner Unterstützung sich darin zurecht zu finden, so würde ich gern bereit sein, ihre Bestrebungen auf alle Weise zu fördern. Sie werden es aber begreiflich finden, daß ich nicht gern etwas anfangen möchte, was sich vielleicht nicht durchführen läßt.

Daß die Persönlichkeit der Dame die erforderlichen Garantieen bietet — ein Punkt, auf den es bei der Verhandlung im Senat ebenfalls ankommen wird, — darf ich, da sie längere Zeit an Ihrer Universität studirt hat, wohl voraussetzen, doch würde mir eine ausdrückliche Versicherung hierüber gleichfalls willkommen sein, da man sich hier in eine so ungewöhnliche Erscheinung, daß eine junge Dame Mathematik studiren soll, und sich nicht scheut, ein Local, wie unser Auditorium 14 es ist, zu betreten, gar nicht recht finden kann.“

So wurde sie nun sehr bald die spezielle Schülerin von Weiserstraß, verkehrte viel im Hause von Helmholtz, Kronecker, Borchardt und anderen hervorragenden Gelehrten, und war überhaupt ein beliebtes Aushängeschild für die besten Gesellschaftskreise Berlins. Sehr bald wurde sie in Göttingen (Seite 116) in absentia mit der allen Mathematikern so wohlbekannten ausgezeichneten Dissertation „Zur Theorie der partiellen Differentialgleichungen“ promoviert und verfaßte mehrere Arbeiten funktionentheoretischen und mathematisch-astronomischen Inhalts, woraufhin sie eine Professur der Mathematik in Stockholm erhielt. Ihre ferneren Schicksale sind auch weiteren Kreisen aus der Biographie bekannt, welche ihre Freundin mit so großer Liebe verfaßt hat.

Ich sah Frau v. Kowalevsky nur noch einmal nach mehr als 20 Jahren wieder, als ich nach meiner Rückberufung von Wien nach Heidelberg von ihr auf der Rückreise von Petersburg nach Stockholm besucht wurde, auf der sie sich die schwere Erkältung zuzog, welcher sie nicht lange darauf, 41 Jahre alt, erlag. Als ich von einem Spaziergange zurückkehrte, fand ich im Salon eine Dame bei meiner Frau, die mir mit den Worten entgegentrat „wie bin ich glücklich, Sie wiederzusehen, Herr Professor.“ Als ich sie ein wenig verlegen begrüßte, sah sie wohl, daß ich sie nicht mehr erkannte — in der Tat war ihre jugendliche Anmut völlig dahin; sie ließ mich raten, aber als ich durch den russischen Akzent in der Sprache verführt, immer vergeblich unter den Verwandten meiner Frau in meinem Gedächtnis herumsuchte, gab sie sich mir endlich zu erkennen. Ich bat sie mit mir in mein Arbeitszimmer zu kommen, und es entwickelte sich natürlich recht bald eine wissenschaftliche Unterhaltung, die sie aber mit einer gewissen Müdigkeit führte — es war eben ein bewegtes, durch viele Schicksalsschläge getrübtes Leben an ihr vorübergegangen. Als ich ihr, durch einzelne Bemerkungen (Seite 117) von ihrer Seite veranlaßt, aus vollster Überzeugung meine Meinung aussprach, daß sie doch mit Stolz und Befriedigung auf ihr Leben zurückblicken könne — sie kam eben aus Petersburg, wo die Akademie sie hoch gefeiert hatte — da gab sie mir trübe gestimmt die Antwort, die mir viel zu denken gab und später bei manchen Entschließungen meine Handlung beeinflußt hat, „eine Frau ist nur glücklich, wenn ihr die Männer zu Füßen liegen; vielleicht wäre ich glücklicher geworden, wenn ich Novellistin geblieben wäre!“

So viel über einige meiner ausgezeichneten, bereits verstorbenen Heidelberger Schüler; von den noch lebenden zu reden ziemt mir nicht; ich darf heute nach 50 Jahren nur die Bitte aussprechen, daß sie mir in Zukunft ein wohlwollenden Andenken bewahren mögen!

Am Ende des Wintersemesters 1869/70 stieg die erste Wolke am naturwissenschaftlichen Himmel Heidelbergs auf — Magnus in Berlin war gestorben, und nach manchem Dissens in der Berliner philosophischen Fakultät, ob Helmholtz, der damals noch den Lehrstuhl für Physiologie in Heidelberg inne hatte, oder Kirchhoff an dessen Stelle berufen werden sollte, entschied sich diese sowie die Regierung für letzteren. Emil du-Bois-Reymond kam im Sommer 1870 als Rektor der Universität und Abgesandter der preußischen Regierung nach Heidelberg, um Kirchhoff den Ruf zu überbringen; Bunsen und ich wußten bereits, daß dieser den Ruf ablehnen würde, und in der Tat waren alle Bemühungen du-Bois', den Entschluß Kirchhoffs wankend (Seite 118) zu machen, vergeblich; trotz der schwungvollen und eindringlichen Rede, die er bei einem kleinen Diner, zu dem er nur Kirchhoff, Bunsen, Helmholtz und mich eingeladen hatte, an Kirchhoff richtete, mußte er noch an demselben Abend seinen Minister von der Erfolglosigkeit seiner Bemühungen in Kenntnis setzen, und zugleich die Ermächtigung einholen, Verhandlungen mit Helmholtz anzuknüpfen, die — wenn auch erst für Ostern 71 — sehr bald zu einem für die Berliner Universität günstigen Resultate führten — hatte dieser doch längst den Wunsch gehegt, den Lehrstuhl der Physiologie mit einem der Physik vertauschen zu können. Der eine der großen Naturforscher war nun aus unserer Mitte genommen, und wir würden gewiß den unersetzlichen Verlust, den wir und die gesamte Universität dadurch erlitten, noch viel stärker empfunden haben, wenn nicht gerade um diese Zeit Angst und Besorgnis wegen der Gefahr, welche Deutschland bedrohte, uns alle ergriffen hätte. Die mit Bunsen und Gervinus geplante große Reise nach Griechenland, für welche die griechische Regierung Bunsen einen kleinen Dampfer zum Besuche der griechischen Inseln zur Disposition gestellt hatte, mußte von uns aufgegeben werden, wir waren alle, soweit es unsere Vorlesungen gestatteten, auf den Bahnhöfen und in Lazaretten mit der Aufnahme der Verwundeten, ihrer Korrespondenz mit Eltern und Geschwistern und ähnlichen Dienstleistungen beschäftigt. Das Semester wurde früh geschlossen, ich verbrachte einen Teil der Sommerferien bei meinen Eltern in Posen, kehrte aber schon (Seite 119) im Anfange des Oktober nach Heidelberg zurück, um, nachdem all' die großen Siege erfochten und der Ausgang des Krieges nicht mehr zweifelhaft geworden, mich wieder in Ruhe der Arbeit hinzugeben und mit meinen Freunden nach all' den Erregungen das gewohnte Dasein wieder fortzuführen — in Wirklichkeit brachte uns aber erst der Friedensschluß im Frühjahr 71 die ersehnte Ruhe, und die Freude an dem, was die Gesamtheit errungen, stählte die Kraft zur Arbeit in einem jeden von uns.

Ich muß hier noch eines Vorkommnisses gedenken, das damals für mich von höchstem Interesse war. Am 20. August des Jahres 70 besuchte mich der Freund Bekkers, der Philologe Studemund aus Greifswald in Begleitung eines Herren, den er mir als einen hohen preußischen Militär vorstellte, und erzählte mir, daß es der Wunsch des preußischen auswärtigen Amtes sei, daß bei der drohenden Zwitterstellung Italiens dem Unterrichtsminister Mancini, der von der Gelehrtenwelt auch außerhalb Italiens hochgeschätzt war, von deutscher Seite eine Aufmerksamkeit erwiesen werden möge; eine Ehrenpromotion von einer juristischen Fakultät wäre wohl zu diesem Zwecke am geeignetsten. Bekker und der Neffe von Bismarck, der Legationsrat C. v. Bismarck, mit dem ich schon im Jahre 68 durch Bekker bekannt geworden, hätten ihm nun geraten, eine solche Ehrenpromotion in Heidelberg zu erbitten, und sich zu dem Zwecke an mich zu wenden, damit ich ihn über die Professoren der juristischen Fakultät orientiere. Ich tat selbstverständlich alles darauf bezügliche nach besten Kräften, (Seite 120) und wies sie an Bluntschli, den eigentlichen Politiker in dieser Fakultät; in der Tat nahm die Angelegenheit noch an demselben Tage den erwünschten Verlauf, und das Ehrendiplom Mancinis wurde am 23. August ausgefertigt. Über den Erfolg des Besuches bei Bluntschli wollten mich die Herren noch an demselben Abend bei einer Zusammenkunft im Hotel Schrieder in Kenntnis setzen. Dies geschah, und wir hatten eben angefangen, die möglichen politischen Folgen dieser Ehrenbezeugung zu besprechen, als Bunsen in den Saal trat; ich stellte ihm Studemund und den preußischen General vor, ohne den Namen des letzteren zu nennen, und nun begann eine kurze etwas gezwungene Unterhaltung, bis ich mich mit Bunsen entfernte — kaum waren wir auf der Straße, als dieser mich schlau anblickend zu mir sagte: „Koenigsberger, da steckt etwas dahinter“ — ich war gezwungen, dies abzuleugnen.

Die beiden Abgesandten hatten außerdem einen eigenhändigen Brief des deutschen Kronprinzen an den italienischen zu überbringen. Nach einiger Zeit schrieb mir Studemund, daß all' die Liebesmühe von seiten Deutschlands Italien gegenüber vergeblich gewesen wäre, wenn nicht inzwischen die Schlacht bei Gravelotte das Schicksal des Krieges entschieden hätte. Und heute nach 50 Jahren?!

In den Kreis meiner näheren Freunde war nun auch Gervinus getreten, in dessen Hause ich wohnte, und mit dem ich sehr häufig nachmittags oder abends zusammenkam. Es war die Zeit des Krieges eine für den großen Gelehrten und vornehmen, aber unbeugsamen Charakter eine recht trübe — die (Seite 121) Politik Bismarcks war ihm verhaßt gewesen in der Zeit des Militärkonflikts, und unsympathisch geblieben trotz aller Großtaten Deutschlands im österreichischen und französischen Kriege; als er zur Feier der Schlacht bei Sedan auf seinem Balkon die Lämpchen zur Illumination selbst anzündete, fragte ich ihn, weshalb er denn das nicht seinem Diener überlasse: „damit die Leute sehen, daß ich mich über den Sieg und wenigstens für jetzt erlangte Einheit Deutschlands freue,“ war seine wehmütige Antwort. All die widerstrebenden Gefühle zehrten an ihm, und ich zweifelte nicht daran, daß er, der einst, einer der „Göttinger Sieben“, für die Freiheit und Einheit Deutschlands seine Dozententätigkeit und Existenz eingesetzt hatte, und jetzt von all den politischen Schwätzern unter den Gebildeten und Ungebildeten verlacht und verspottet wurde, sehr bald daran zugrunde gehen würde. Schon im März 71 zeigte mir Kirchhoff den Tod von Gervinus nach Posen hin an: „Sie, Bunsen und Kopp werden durch diesen Trauerfall sehr erschreckt sein; freilich sagte mir Frau Gervinus, Sie hätten vor längerer Zeit schon zu einer Dame geäußert, Gervinus würde diesen Krieg nicht überleben.“

Nachdem einige Jahre später auch Frau Gervinus gestorben, geriet in Heidelberg der Name des einst so hochangesehenen Gelehrten ganz in Vergessenheit. An seinem 100. Geburtstage ging mir von seiner Familie in Württemberg der Auftrag zu, einen Kranz an seinem Grabe(4.12) niederzulegen — ich fand an diesem Tage dort nur eine Dame, die Tochter des berühmten Tübinger Theologen F. Baur, die (Seite 122) im Namen ihres Schwagers, des Philosophen Zeller, des intimen Freundes von Gervinus, einen Kranz überbrachte — zu meinem Bedauern muß ich hinzufügen, daß auch unsere Universität, der Gervinus früher angehörte, jede Feier dieses Tages ablehnte.

Im Herbst 1871 unternahmen Bunsen und ich eine Reise zu den Oberammergauer Spielen und in das Salzkammergut. Die Reise führte uns zunächst nach München, wo wir sogleich nach unserer Ankunft Hesse besuchten, den Bunsen als Kollegen sehr geschätzt hatte, und den ich als den großen Geometer verehrte und als meinen Vorgänger in Heidelberg kennen zu lernen wünschte. Wir trafen ihn nicht zu Hause an, seine Frau, die uns nicht empfangen konnte, ließ uns aber sagen, daß wir ihn sicher in dem Bierlokal des Oberpollinger treffen würden. Wir fanden ihn um 6 Uhr nachmittags in der Tat dort; seine Begrüßung mit Bunsen war eine sehr herzliche, und als ich ihm vorgesteltt wurde, umarmte und küßte er mich, indem er wiederholt unter Tränen ausrief: „Wäre ich doch in Heidelberg geblieben!“ Wir merkten sogleich, daß er schon einige Zeit in der Bieratmosphäre geweilt habe, erklärten, daß wir nicht länger bleiben könnten und baten ihn, uns am folgenden Tage in unserm Hotel in den Frühstunden zu besuchen. Leider wußte ich nicht, daß Bunsen, wie er dies bisweilen tat, damit niemand von seiner Anwesenheit etwas erfahre, für uns beide unleserliche Namen in das Fremdenbuch eingetragen hatte, und als Hesse, wie wir später hörten, am folgenden Tage in das Hotel kam, wurde (Seite 123) ihm gesagt, daß wir dort nicht wohnten. Der verehrte Mann, der sich seines Zustandes vom vorigen Tage wohl bewußt war, glaubte nun, daß wir ihm absichtlich eine falsche Wohnung angegeben, und ließ nach langem Grolle sich erst später von unserer Schuldlosigkeit überzeugen. Nur einmal habe ich Hesse gesehen — und zwar im Sarge; er hatte angeordnet, daß er in Heidelberg begraben werde. (4.13) Es war gerade in der Zeit, in der ich mit der sächsischen Regierung wegen Übernahme der Dresdner Professur verhandelte; ich stand am Grabe Hesses zwischen Kirchhoff und Bunsen, und ersterer flüsterte mir zu: „Sehen Sie, selbst im Grabe sehnt man sich nach Heidelberg zurück“; trotzdem entschied mein Schicksal und dann auch sein eignes anders!

Aber auch heitere Erfahrungen machte ich an dem Tage unseres Münchener Aufenthaltes. Bunsen wollte noch Liebig besuchen, freilich mit dem geheimen Wunsche, dort nur eine Karte abgeben zu dürfen, denn jeder formelle Besuch war ihm stets eine Last. Nachdem er sich zu diesem Zwecke schon Abends zuvor ein frisches Oberhemd mit großem gesteiften Kragen angezogen, um „am Morgen schneller fertig zu werden,“ nahm er am Vormittag um die Visite recht feierlich zu machen, ganz gegen seine Gewohnheit Handschuhe, freilich, wie ich erst später sah, nur einen, und ich begleitete ihn bis zum Hause Liebigs. Unterwegs war mir aufgefallen, daß sein Handschuh völlig steife Finger hatte, und auf meine Frage, woher dies komme, antwortete er mir mit jenem kindlich naiven und zugleich schlauen Gesichtsausdruck, den Kirchhoff (Seite 124) so täuschend nachahmen konnte, daß Bunsen selbst darüber herzlich lachen mußte, „ich habe Sie noch nicht in alle Schlauheiten eines praktischen Reisenden eingeweiht; auf Reisen kommt es darauf an, alles, auf das bequemste eingerichtet, bei sich zu führen,“ und nun zeigte er mir, daß in jedem Finger des Handschuh ein notwendiges Reiserequisit, wie Zahnbürste, Kamm usw. untergebracht sei. Mit diesem Handschuh ausgerüstet suchte er Liebig auf, kehrte aber scheinbar sehr betrübt gleich wieder zurück, da er ihn nicht zu Hause getroffen. Wir reisten noch an demselben Abend von München ab.

Nachdem wir in Oberammergau eine peinvolle Nacht in einem überfüllten Gasthof, zum Teil am Tisch des Eßzimmers sitzend, zum Teil auf Strohsäcken zugebracht, wobei Bunsen zum Entsetzen aller durch unbändiges Schnarchen den Reisenden die Nachtruhe völlig raubte, genossen wir am folgenden Tage die herrlichen Spiele und fuhren sodann nach Bad Kreuth, wo durch Umschlagen unseres Wagens Bunsen in Lebensgefahr geriet. Beim Bergabfahren ging das Pferd unseres Einspänners durch, der Wagen fiel um und wir wurden auf dem Boden einige Minuten lang geschleift, indem ich unten und Bunsen auf mir zu liegen kam; glücklicherweise zerschellte der Wagen an einem Brückenpfeiler, Pferd und Kutscher rasten weiter. Ich war weniger verletzt als Bunsen, auf den ich, seinetwegen ängstlich geworden, in dem kritischsten Augenblicke fragend hinblickte; aber er antwortete sogleich lächelnd, die Zigarre noch im Munde, „nur die Beine etwas geschunden“; wir mußten wieder mit unserm Handgepäck (Seite 125) ins Hotel zurückkehren, wo er von einem Arzte sogleich verbunden, die Erlaubnis erhielt, schon nach zwei Tagen wieder abzureisen — als wir aber einige Tage später der Verabredung gemäß mit Roscoe, seinem liebsten Schüler und Mitarbeiter, zusammentrafen und gemeinsam im Einspänner von Gastein aus verschiedene Ausflüge machten, hielt Bunsen stets das eine Bein außerhalb des Wagens in der Furcht, ein ähnliches Abenteuer wieder zu erleben.

Der Winter 1871/72 war ganz der Arbeit gewidmet, die sich zum Teil noch auf dem Gebiete der Abelschen Transzendenten gewegte, aber auch schon die Vorarbeiten zu meinem Lehrbuch der elliptischen Funktionen(4.14) lieferte. Damals wurde gerade der große Fortschrift der Riemannschen Untersuchungen über die Abelschen Funktionen gegen die Weierstraßschen Arbeiten über die Umkehrung der hyperelliptischen Integrale den Mathematikern immer sichtbarer. Als mir Prym, der hervorragende Schüler Riemanns, im Februar 72 seine Berufung nach Straßburg anzeigte, schreibt er:

„..... Insofern wäre es mir ungemein interessant, wenn Sie mir mittheilen wollten 1) ob Herr Weiserstraß in seinen weiteren Untersuchungen die gestellte Bedingung, daß die a0, a1, ... a2n reell sind, fallen gelassen hat, 2) ob Ihnen etwas durch die Vorlesung von Weierstraß oder durch mündliche Mittheilung Ihres Lehrers darüber bekannt geworden, wie er die Zulässigkeit des gemachten Überganges vom Systeme u1, u2, ... un zum Systeme v1, v2, ... vn nachgewiesen, wozu ja der Nachweis (Seite 126) erforderlich, daß die Determinante Σ±k11. k22..... knn nicht verschwindet,“
und ich konnte nur antworten, daß mir die etwa weitergehenden Untersuchungen von Weierstraß nicht bekannt seien.

Meine freundschaftlichen Beziehungen zu Kirchhoff waren immer enger geworden, jeder teilte dem anderen alles, was ihn persönlich berührte oder wissenschaftlich beschäftigte, frei und rückhaltlos mit. Jede Seite seiner bereits begonnenen Ausarbeitung der „Vorlesungen über Mechanik“ wurde von uns ausführlich durchgesprochen — seine berühmte Einleitung über die Aufgabe der mathematischen Physik wurde 5-6 mal neu geformt, und erst am 16. Januar 1876 schickte er sie mir in der letzten Bearbeitung nach Dresden mit den Worten: „so eben habe ich in der Correctur die Vorrede zu meiner Mechanik erhalten, ich lege sie Ihnen bei, weil ich wohl wissen möchte, ob Sie dieselbe billigen“, und so setzte auch ich ihn von dem Inhalte meiner „Vorlesungen über die Theorie der elliptischen Funktionen nebst einer Einleitung in die allgemeine Functionentheorie“ in Kenntnis, mit deren endgültiger Ausarbeitung ich mich schon damals zu beschäftigen begann. Es war ein wissenschaftliches Zusammenleben, wie es schöner und für mich nutzbringender nicht gedacht werden konnte.

Im Herbst 72 führten wir, ein wenig ermüdet durch die angestrengte Arbeit, die schon seit einigen Monaten geplante Reise nach Berlin aus, von der Bunsen aus der ihn stets beherrschenden Angst vor dem großen Berlin noch im letzten Momente zurücktrat; (Seite 127) wir wollten dort, da Kirchhoff seines Fußleidens wegen nicht leicht beweglich war, um völlige Ruhe zu genießen, keinen unserer Bekannten aufsuchen, sondern nur inkognito das uns damals neue Berlin kennen lernen. Nur einmal, und zwar gleich am ersten Tage, wurde Kirchhoff an seinen Krücken von einem befreundeten Berliner Physiker erkannt, im übrigen gestaltete sich unser Aufenthalt ganz unserm Plane gemäß. Vom Rathauskeller ging es zu Schubert am Gendarmenmarkt, von Pankow nach Charlottenburg, vom Schauspielhaus ins Friedrich-Wilhelmstädtische Theater; hier aber machten wir beide die Bemerkung, daß Helmerding, Reusche und die Schramm, welche uns in jüngeren Jahren enthusiasmierten, weder durch ihr Spiel noch durch ihre Couplets einen erheblichen Eindruck auf uns machten — es lag eben ein ganzes Stück Leben hinter uns voll von großen politischen Ereignissen und ausgefüllt durch anstrengende wissenschaftliche Arbeit, wir waren ernster und kälter geworden. Nach wenigen Tagen schon kehrten wir nach Heidelberg zurück.

Der ideal sich gestaltende Freundeskreis gab unserm Leben Freude und Befriedigung; der als Nachfolger von Helmholtz im Jahre 71 von Amsterdam berufene, in der physiologischen Welt rühmlichst bekannte Kühne wurde sogleich ein anregendes Mitglied unserer durch Bunsen, Ladenburg und einen liebenswürdigen Juristen aus Leipzig belebten Tafelrunde, die noch Ostern 72 durch die Berufung meines alten Greifswalder Freundes Karlowa in harmonischster Weise vervollständigt wurde, und (Seite 128) keiner von all den ausgezeichneten Gelehrten der verschiedenen Fakultäten Heidelbergs schien willens, unsere Universität mit einer anderen zu vertauschen — aber unsere Zuversicht sollte nicht lange dauern.

Mancherlei Ereignisse, Zwistigkeiten und Reibungen an der Universität warfen bereits ihre Schatten voraus und verkleinerten den Kreis der Kollegen, mit denen wir sonst öfter gesellig zusammenkamen. Zeller hatte nach längerem Zögern wiewohl schon 60 Jahre alt, durch den Einfluß von Helmholtz den Ruf nach Berlin angenommen, und dies war mir besonders schmerzlich und für meine Zukunft verhängnisvoll. Denn unmittelbar vor der Zeit, in welcher durch Meinungsverschiedenheit über geringfügige und unbedeutende Dinge, Platzstreitigkeiten bei den Sitzungen der Ökonomie-Kommission, Mißhelligkeiten unter den Professoren(4.15) entstanden waren, hatten unsere Kollegen, auf Betreiben von Helmholtz, Zeller und mich in den engeren Senat gewählt, in welchem wir beide die Vertreter der Majorität des großen Senats waren; naturgemäß richtete sich die gereizte Stimmung der Minorität gegen uns, wiewohl wir beide — ich darf dies heute ohne weiter auf diese Dinge einzugehen, offen und unbefangen aussprechen — die ruhigsten und sachlichsten Mitglieder des Engeren Senats waren, wie man dies wohl auch von einem Manne wie Zeller von vornherein hätte annehmen müssen. Leider machte man nun in Karlsruhe in Unkenntnis der Verhältnisse keine erheblichen Anstrengungen, um Zeller in Heidelberg zu halten, und so verloren wir diesen hervorragenden Gelehrten, der (Seite 129) noch 30 Jahre hindurch die Zierde der Berliner Universität und Akademie gebildet hat. Aber für mich wenigstens eröffnete sich, wenn auch nur für wenige Tage die freudige Aussicht, diesen Verlust durch die Berufung Useners auf die frei gewordene Stelle des hiesigen Oberbibliothekars einigermaßen ausgeglichen zu sehen; im November 73 sprach er mir in einem Briefe den Wunsch aus, in Rücksicht auf den immer größer werdenden Umfang seiner religionswissenschaftlichen Arbeiten von einer so großen Dozententätigkeit, wie Bonn sie erfordere, entbunden zu werden und sich neben der Verwaltung einer Bibliothek nur rein wissenschaftlichen Arbeiten widmen zu dürfen — aber er besann sich bald eines anderen, und ich glaube, zu seinem Glück.

So fingen ohne ersichtlichen und vernünftigen Grund die Verhältnisse in Heidelberg an, ein wenig unbehaglich zu werden, als noch vor Beginn des Wintersemesters 1872/73 eine an sich erfreuliche, aber doch nicht unbedeutende Änderung in unserm Zusammenleben eintrat. Als Kirchhoff und ich eines Tages nach einem kleinen Diner im Hause Kühnes, der im Sommer 72 die Tochter unseres Mineralogen Blum geheiratet hatte, noch ein wenig auf der Anlage promenierten, wandte sich mein Freund plötzlich mit den Worten zu mir: „Koenigsberger, Sie müssen heiraten.“ Diese Äußerung frappierte mich einen Augenblick, da unser enges Zusammenleben zum Teil wenigstens darauf basierte, daß er Witwer und ich Junggeselle war, und ich erwiderte ihm sogleich: „Kirchhoff, Sie wollen wieder heiraten.“ Nun kam er mit einem Geständnis heraus, (Seite 130) und bat mich, bei Fräulein Brömmel, der Oberin in der Augenklinik von Otto Becker, den Freiwerber zu machen, und zwar, wenn irgend möglich noch an demselben Abend. Ich tat dies, wenn auch bedenklich und mit Zagen, und ging, nachdem ich das Jawort der Dame erhalten, welche im letzten Jahre häufig mit Kirchhoff im Beckerschen Hause zusammengetroffen war, sogleich zu meinem Freunde, den ich in fieberhafter Erwartung meiner Antwort anzutreffen vermutete. Aber er schrieb an seiner Mechanik wie an jedem andern Abend und nahm meine Antwort, wenn auch mit großer Befriedigung und Freude, so doch mit besonnener Ruhe auf. Bunsen, dem ich schon am folgenden Tage von der Verlobung Kirchhoffs Mitteilung machte, schüttelte zuerst bedenklich den Kopf, wiewohl er einsah, daß die 4 unmündigen Kinder Kirchhoffs der Liebe und Pflege einer Mutter bedürfen — und in der Tat war damit das Glück seines ganzen folgenden Lebens begründet — jetzt wo die Erde all die lieben und mir so teuren Menschen deckt, ist es wohl kein Verstoß gegen Sitte und Gesetz, all dies zu erzählen! Noch im Winter 72/73 fand die Hochzeit statt; das Hochzeitsmahl vereinigte nur wenige Gäste, unter diesen Bunsen und mich. Das junge Paar entfernte sich sehr bald, um noch an demselben Abend die Hochzeitsreise anzutreten, Bunsen und ich fühlten sich sehr vereinsamt. Am andern Morgen klopft es an meiner Tür und herein tritt Kirchhoff, den ich, vor Überraschung fast sprachlos, nicht ohne Aufregung begrüßte; auf meine Frage, was passiert sei, daß er die Reise nicht (Seite 131) angetreten, antwortete er mit seiner gewohnten Ruhe und Liebenswürdigkeit: „Wir sind schon von unserer Hochzeitsreise zurück, wir waren nur in Frankfurt.“(4.16)

Nun erst trat auch mir der Gedanke näher, daß es für mich, den 36jährigen, Zeit sei, an meine Zukunft zu denken; ich hatte hin und wieder im Hause des Professor Laur verkehrt, in dem sich für einige Zeit die Stiefschwester seiner Frau, Fräulein Sophie Kappel aus Charkov in Rußland aufhielt, zu der ich sehr bald eine Zuneigung gefaßt hatte. Im Frühjahr 73 verlobte ich mich, am 13. August fand die Hochzeit statt, nachdem ich zuerst civiliter in Heidelberg, dann griechisch-katholisch — und zwar dank der Vermittlung des Grafen Adelung, ohne Revers, meine Kinder griechisch-katholisch werden zu lassen — in Baden-Baden(4.17) getraut worden; der Sitte gemäß mußten beim Vollzug der Trauung die Zeugen Kirchhoff und Bunsen, über unsern Köpfen je eine Krone haltend, dreimal mit uns den Altar umkreisen, was Bunsen mit vollendeter Grazie vollbrachte.

Schon nach meiner Verlobung erhielt ich von Weierstraß die folgenden Zeilen vom 20. Juli 73:

„Mein lieber Freund und College
Zürnen Sie mir nicht, daß ich — durch allerlei Umstände, mit deren Aufzählung ich Sie nicht belästigen mag, abgehalten — erst jetzt Ihnen meinen aufrichtigsten und herzllichsten Glückwunsch zu Ihrer Verlobung ausspreche. Komme ich auch später als Viele, so hoffe ich doch, Sie sind überzeugt, daß Sie (Seite 132) nur wenige Freunde haben, die an Ihrem Ergehen so innigen Antheil nehmen wie ich. Möge das neue Leben, das sich Ihnen eröffnet, so reich und schön sich gestalten, wie Sie es nach so manchen Entbehrungen und der wahrlich nicht leichten Arbeit, die Sie während Ihrer Jugendjahre und eines Theiles Ihres Mannesalters zu tragen und durchzuführen gehabt, im vollsten Maße verdienen.

Aber das muß ich sagen, Sie verstehen es, Ihre Freunde zu überraschen. Wir haben uns den Kopf darüber zerbrochen, wie Sie mitten im Semester ins südliche Rußland gerathen oder dieses zu Ihnen — bis uns College Zeller darüber aufklärte. Doch was sagen die elliptischen Functionen zu Ihrem raschen Entschluß? Ich könnte, so lieb ich sie habe, in Ihrer Lage mich nicht anhaltend mit ihnen beschäftigen. Indessen Ihnen traue ich manches zu, was andere nicht vermögen, und dann denke ich mir, Sie sind kein Freund von unvollständigen Lösungen bedeutender Aufgaben und werden deshalb die Lebensfragem die jetzt an Sie herangetreten ist, baldigst einen befriedigenden Abschluß entgegenzuführen sich beeilen. Hoffentlich wird es mir einmal vergönnt sein, mich durch Augenschein davon zu überzeugen, daß Sie dieselbe ebenso vortrefflich gelöst haben, wie die übrigen, mit denen Sie es bisher zu thun gehabt. Wollen Sie indessen Ihrer künftigen Lebensgefährtin schon jetzt mich freundlichst empfehlen, als Ihren alten Lehrer und wahren Freund, so werde ich Ihnen dankbar dafür sein.“,

und Zeller schrieb mir aus Berlin:
(Seite 133) „και συ τεκνον ! [auch Du Kind!] wird Bunsen ausgerufen haben, als nach allen Eheverschwörern schließlich auch Sie kamen, um ihm den Dolch in's Herz zu stoßen. Meine Frau und ich bitten Sie, uns das Wohlwollen, welches Sie uns bisher geschenkt haben, auch in Zukunft zu bewahren. Mit der gemeinschaftlichen Reise nach Rom wird es für mich nun freilich vorbei sein. ......“

Möge es mir endlich gestattet sein, um mein Verhältnis zu Fuchs zu kennzeichnen, seinem Briefe an meine Braut hier eine Stelle zu geben; er schreibt aus Greifswald am 28. Juni 73:

„Geehrtes Fräulein!

Sollte Sie das Schreiben des Ihnen Unbekannten befremden, dann bitte ich Sie sich bei Ihrem lieben Bräutigam und meinem Freunde, darüber Auskunft zu verschaffen, kraft welcher Rechte ich mir gestatten darf, an Sie zu schreiben und Sie zu begrüßen. Da ich seit 20 Jahren an allem, was meinen Freund Leo angeht Antheil nehme mehr als ein Bruder — so lange ist es her, seitdem ein Band uns verknüpft, welches nur schwach mit dem landläufigen Namen der Freundschaft bezeichnet wird, da ich mir einbilde, daß ich in dem Herzen Ihres Bräutigams bisher nächst seinen Eltern und Geschwistern den ersten Rang eingenommen habe — ist es da nicht natürlich, daß ich Ihnen, da Sie mich aus diesem Platze verdrängt, und mich um viele Plätze heruntergedrückt, mit besonders warmen Dankgefühl entgegentrete? Vielleicht sagen Sie, daß das Gegentheil natürlich wäre. Sie werden mir jedoch (Seite 134) Recht geben, wenn Sie sich erinnern, daß es ein Freundschaftsband ist, welches mich mit unserm Leo verknüpft. Zwar sollte man einer acht Tage alten Braut gegenüber die Liebe nicht schmähen. Aber was hilft es, ich bin zu sehr Mathematiker, um von einem Beweismittel aus irgend welcher Rücksicht Abstand zu nehmen. Nun Freundschaft unterscheidet sich von Liebe durch die Abwesenheit der Selbstsucht, welche ein wesentlicher Bestandteil der letzteren ist. Und so freue ich mich darüber, daß mein Freund ein Wesen gefunden, welches seiner Seele näher steht als irgend ein anderer Mensch, und welches ihm durch absolute Gemeinsamkeit der Interessen eine Stütze für das innere und äußere Leben gewähren wird, wie sie kein Freund, der kraft des Naturgesetzes auf Selbsterhaltung zu achten hat, gewähren kann. Wie bin ich hocherfreut, daß mein Freund so glücklich ist! Ihm war stets das Glück hold. Indem Sie Ihr Schicksal an das seinige geknüpft, haben Sie sich einem vom Himmel begünstigten Lootsen anvertraut. Möge Ihr gemeinsames Schiff stets unter heiterem Himmel und auf glatter Fläche dahingleiten.

Ich komme nun auch als ein Bittender. Möge Sie die Liebe zu meinem Freunde zur Theilhaberin an unserer Freundschaft machen, vorläufig blindlings durch die Sicherheit, daß Ihrem Bräutigam nicht ein Unwürdiger so nahe stehen könnte, bis ein gütiges Geschick mir Gelegenheit giebt, Sie zu sehen.

Viele Grüße sende ich Ihnen und meinem Leo. Sie sind warm trotz des nordischen Himmels, unter (Seite 135) welchem ich weile. Auch meine Frau schickt die ihrigen ebenso herzlich mit.

Ihr ergebener L. Fuchs.“

Ich machte mit meiner jungen Frau die Hochzeitsreise über Wien nach Charkov zum Besuche meiner Schwiegermutter, und sodann über Moskau und Petersburg zu meinen Eltern nach Posen. Ende September kehrten wir nach Heidelberg zurück, wo wir eine schöne, an der Anlage gelegene Wohnung(4.18) bezogen.

Leider hatte inzwischen die gegenseitige Gereiztheit der Professoren noch nicht nachgelassen, wiewohl das ursprüngliche Streitobjekt längst vergessen war; neu eingetretene hervorragende Kollegen hatten für und wider Partei genommen, und es wurde viel Zeit und viel Kraft von all den ausgezeichneten Männern an diesen nichtigen Dingen vergeudet.

Für die am Ende des Jahres 73 stattfindende Prorektorwahl war von der einen Partei der Professor Windscheid, von der andern ich aufgestellt, wiewohl ich von Anfang an, als meine Kandidatur zur Sprache kam, meine Freunde gebeten hatte, mich nicht dem so weit älteren Kollegen und berühmten Juristen entgegenzustellen — aber mein Freund Otto Becker, in dessen Hause ich viel verkehrte, wollte alle meine Gründe nicht gelten lassen und bestimmte meine Freunde zum Festhalten an meiner Kandidatur. Die Wahl vollzog sich, während Windscheid und ich in freundschaftlicher Unterhaltung auf dem Korridor promenierten, in gewohnter Weise durch Aufschreiben des Namens des Kandidaten auf (Seite 136) einem Zettel und des Abstimmenden auf dem Kuvert. Da hielt der Himmel seine schützende Hand über mich und verwirrte die Gedanken eines mir befreundeten, in hohem Alter stehenden Kollegen, der aus Irrtum auch auf den Zettel seinen Namen verzeichnete. So siegte Windscheid mit einer Stimme Majorität, während sonst das Los hätte entscheiden müssen. Es war zu meinem größten Glück, denn ich wäre dann immer mehr in die kleinlichen und geistestötenden Streitigkeiten verwickelt worden und hätte meine Arbeitsfreudigkeit verloren. Windscheid trat sein Prorektorat an, zögerte aber nicht, schon von Anfang an durch all die Zänkereien unangenehm berührt, bereits nach einem halben Jahr dem an ihn ergangenen Ruf nach Leipzig zu folgen.

Aber diese Zeit war auch reich an für mich freudigen Ereignissen.

Kirchhoff hatte einen glänzenden Ruf als Präsident der durch den Kronprinzen auf Betreiben Schellbachs neu gegründeten Sonnenwarte in Potsdam abgelehnt, und wir hatten uns bei einem kleinen Mittagessen in unserm Hause, an dem nur Bunsen, Kirchhoff und Gegenbaur teilnahmen, gelobt, auch in Zukunft treu zusammenzuhalten; zu alle dem hatte noch mein alter Freund Bekker am Ende des Sommersemesters 74 mit großer Freude das Anbieten der Badischen Regierung angenommen, den Lehrstuhl Windscheids einzunehmen.

Am 7. Mai 74 wurde mir mein Sohn Hans geboren — und der erste, der mir gratulierte, war mein Freund Usener, der auf seiner Durchreise nach Bonn mich gerade in dem kritischsten Augenblicke (Seite 137) besuchen wollte; als ich 20 Jahre später in seiner Gegenwart gelegentlich äußerte, ich hätte, soviel ich mich erinnere, noch nie eine Vorlesung ausgesetzt, da strafte er mich Lügen: „Nur damals als wir bei der Geburt Deines Hans den Anschlag in den Friedrichsbau brachten.“

Nachdem ich eben den ersten Band meiner „Vorlesungen über die Theorie der elliptischen Functionen“(4.19) veröffentlicht hatte, erhielt ich im Juli 74 von Aronhold aus Berlin die folgende Mitteilung:

Zeuner, welcher bekanntlich das Directoriat an der Polytechnischen Schule in Dresden übernommen hat, wünscht mit derselben nach Schloemilch's Abgang, welcher October dieses Jahres stattfindet, eine Art mathematischer Facultät zu verbinden, welche eine Pflanzschule für diese Wissenschaft im höchsten Sinne werden soll. Er sucht hierzu zunächst einen Mathematiker, der die Leitung übernimmt und auf dessen Vorschläge weitere Engagements und Einrichtungen zu treffen sind. Er hat mir unter sehr günstigen Bedingungen einen Ruf zugesendet, und ich wäre darauf eingegangen, wenn man mich nicht unter noch günstigeren Bedingungen hier gehalten hätte. Wenn er einen älteren Mathematiker von Ruf bekommen kann, so stehen ihm ansehnliche Mittel zu Gebot,“

und bald darauf erhielt ich ein längeres Schreiben des mir später so eng befreundeten Zeuner, der mich im Auftrage des sächsischen Ministers v. Nostiz anfragte, ob ich geneigt wäre, die durch den Abgang von Schloemilch erledigte Professur anzunehmen (Seite 138) und an der Neugestaltung der Hochschule bei der Berufung neuer Lehrkräfte mitzuwirken. Im ersten Augenblicke schien es mir unmöglich, mich trotz der für die damaligen Verhältnisse glänzenden Bedingungen mich von meinen Freunden und Schülern zu trennen, und ich wollte ohne weiteres die Berufung dankend ablehnen, wurde aber durch meine Frau bestimmt, die Angelegenheit wenigstens mit Kirchhoff und Bunsen zu besprechen, welche dann beide entschieden der Ansicht waren, daß ich dem Badischen Ministerium davon Mitteilung mache und Wünsche bezüglich meines Verbleibens ausspreche. Zugleich schickte die Fakultät den Dekan in Begleitung von Kirchhoff zu Nokk; dem Referenten im Unterrichtsministerium nach Karlsruhe, um demselben in einer für mich sehr ehrenvollen Weise den dringenden Wunsch der Fakultät auszusprechen, mein Verbleiben an der Universität Heidelberg zu ermöglichen. Wenn aber auch bald darauf der Unterrichtsminister Jolly selbst in einem sehr freundlich gehaltenen Schreiben eben diesem Wunsche von seiten der Regierung Ausdruck gab, so war doch in demselben eine wesentliche Verbesserung meiner Stellung nicht in Aussicht gestellt, und überhaupt eine etwas kühle Stimmung, die noch aus der Konfliktzeit der Universität herstammte, nicht zu verkennen. Da ich aber durch meine Verheiratung gezwungen war, eine Verbesserung meiner Verhältnisse dringend ins Auge zu fassen, und die Anerbietungen von seiten des sächsischen Ministeriums immer entgegenkommender wurden, so nahm ich den Ruf nach Dresden für Ostern 75 an, wenn auch schweren Herzens, denn (Seite 139) eine Trennung von Kirchhoff und Bunsen sowie von manchen andern liebgewordenen Freunden und Kollegen wie Kühne, Bekker u. a. erschien mir wie ein Bruch mit meiner ganzen Vergangenheit — und doch sollte die Versetzung aus der in Heidelberg durch die Universitätsstreitigkeiten für mich drückend gewordenen Atmosphäre in völlig neue Verhältnisse nur zu meinem Glück sein.

Sogleich nach meiner Annahme des Rufes nach Dresden ersuchte mich Kirchhoff, seinem und Helmholtzs alten Freunde, dem Vertrauensmanne des preußischen Ministers Emil du-Bois Reymond mitzuteilen, daß, wenn man jetzt in Berlin damit umginge, eine Professur für mathematische Physik zu kreieren, er unter weiter zu vereinbarenden, im übrigen recht bescheidenen Bedingungen bereit sein würde, einem Rufe dorthin zu folgen. Nun kamen für Bunsen traurige Tage; eine Trennung von Kirchhoff, mit dem er schon in Breslau zusammen gewesen und den er dann nach Heidelberg geholt hatte, schien ihm unmöglich, und ich bereute es, — wenn auch schuldlos — durch mein Fortgehen das Band, das die beiden großen Naturforscher umschlang, gelockert zu haben — er gab sich freilich zunächst noch immer der Hoffnung hin, daß sich die Verhandlungen mit Berlin in die Länge ziehen und schließlich scheitern würden. Aber meine Mitteilung hatte nicht nur du-Bois sondern auch Helmholtz und die ganze naturwissenschaftliche Sektion der Berliner Fakultät in große Aufregung versetzt, und rascher, als wir es vermuteten, war durch Zusammenwirken der Akademie und Universität der Gehalt (Seite 140) aufgebracht, den Kirchhoff fordern mußte, um mit seiner Familie nach Berlin übersiedeln zu können.

So verließen denn Kirchhoff und ich Ostern 1875 Heidelberg, und Bunsen blieb tief traurig und vereinsamt dort zurück; — „wenn mich alten Mann noch eine Universität haben wollte, ich ginge sofort“, antwortete er einem Vertrauensmann seines Landesherrn, der voll Sorge für das Wohl der Heidelberger Hochschule und in berechtigtem Stolz auf den Ruhm eines Helmholtz, Bunsen und Kirchhoff über die wahren Gründe des Abganges Kirchhoffs und die dadurch erfolgte schwere Schädigung der Interessen der Heidelberger Universität informiert sein wollte.

Unmittelbar nach meiner Abreise schrieb mir Bunsen am 21. April 75:

„Mein theuerster Koenigsberger!
Von der Reise zurückgekehrt lasse ich es meine erste Sorge sein, Ihren freundlichen Brief zu erwiedern, der mir in Neapel große Freude bereitet. ... Der Großherzog scheint nachgrade zum Bewußtsein zu kommen, was er von dem Beamtenklatsch zu halten hat. Wie die Sachen stehen, kann das freilich für die hiesigen Verhältnisse nur höchst gleichgültig sein, aber doch den intriganten Maßnahmen ein heilsames Ende bereiten helfen; was mich anbelangt, so werde ich nicht aufhören, so lange ich noch hier bin, dem Karlsruher Treiben die schroffste Haltung entgegenzusetzen. .... Ich kann mich noch nicht an Ihre und Kirchhoffs Abwesenheit gewöhnen (Seite 141) und sehe dem kommenden Semester mit Unlust und Unmuth entgegen. ......“,

und Zeller schreibt mir im August 74:

„..... das hätte ich doch nicht für möglich gehalten, so viel ich auch der Regierung an brutaler Mißachtung der Universität und ihrer Interessen zugetraut hatte. Wie leid es mir für unser Heidelberg und den dortigen Freundeskreis thut, darf ich Ihnen nicht erst sagen. .....“

Aber auch die historische Schule Heidelbergs, welche schon durch Schlosser und Haeußer zu großer Berühmtheit gelangt war, hatte in den beiden letzten Jahren schwere Verluste zu beklagen. Wattenbach, der ausgezeichnete Historiker des Mittelalters, war wenn auch zögernd einem Rufe nach Berlin gefolgt. Er hatte mit mir im Hause von Gervinus gewohnt, und mit Freude erinnere ich mich der vielen schönen Winterabende der Jahre 69 und 70, die wir zusammen bei Gervinus verbrachten, und an denen wir unter Anleitung des verehrten Haushernn von den Erscheinungen der modernen Literatur Kenntnis nahmen. Der ausgezeichnete Historiker der Neuzeit und unerreichte politische Redner Treitschke wurde schon im folgenden Jahre 74 nach Berlin berufen und war in der Hoffnung, dort nicht bloß auf dem Katheder der Universität, sondern auch auf der politischen Arena eine einflußreiche Stellung einzunehmen, dem Rufe gern gefolgt. Es drängt mich, dem mir trotz aller Universitätsstreitigkeiten in seiner Freundschaft treu gebliebenen Kollegen an dieser Stelle ein Wort des (Seite 142) Dankes und der Verehrung zu widmen. Gewiß, er stand in dem leidigen Konflikt nicht auf seiten der Naturforscher, ja er trat sogar bisweilen mit übergroßer Schärfe gegen uns auf, aber, wie es einem großen Historiker zukommt, der hinter den momentanen Streitigkeiten der Menschen, hinter den örtlichen und zeitlichen Wandlungen der Personen und Verhältnisse nie das bleibende moralische und ethische Moment, das alle diese Dinge weit überragt, aus dem Auge verliert, er übertrug sachliche Meinungsverschiedenheiten nie auf die persönliche Beziehungen der handelnden Personen. Noch Ostern 72 besuchte er mich in Posen, wohin er zum Studium der polnischen Verhältnisse geschickt worden, im Hause meiner Eltern, und es ist mir heute noch die Rede in lebendiger Erinnerung, die er auf dem Fort Gneisenau der Posener Festung, wohin ich ihn begleitete, in aufflammender Begeisterung vor wenigen Zuhörern gehalten. Als er nach meiner Rückkehr von Wien nach Heidelberg in verzweifelter Stimmung hierher kam, da bei seiner völligen Taubheit noch die Gefahr, blind zu werden, über ihm schwebte, da besuchte er mich, den alten Kollegen, dem er sein Herz ausschütten konnte, und wir verbrachten, nachdem ihn Leber seiner Augen wegen beruhigt hatte, noch einen heiteren, nicht mehr durch die Erinnerung an die kleinlichen Zwistigkeiten getrübten Abend im Hause seines Nachfolgers Erdmannsdörffer

Und nun drohte auch noch Heidelberg die Gefahr, Kuno Fischer zu verlieren. Aber schon im Mai 75 schrieb er mir, daß er den so überaus ehrenvollen (Seite 143) Ruf nach Leipzig abgelehnt habe, und macht zugleich auf meine Anfrage, wen wir als Philosophen in die Lehrerabteilung nach Dresden berufen sollten, den Vorschlag, Fritz Schultze diese Stelle zu übertragen — was in der Tat geschehen und sich zu unserer aller Zufriedenheit ausgezeichnet bewährt hat. In der Zeit meiner Dresdener Tätigkeit hatte ich nur noch einmal eine Korrespondenz mit Fischer, der im Jahre 75-76 Prorektor der Heidelberger Universität war. Er hatte mir die im November 75 von ihm gehaltene Prorektoratsrede über die Freiheit des Willens geschickt und dankte mir für meine ziemlich eingehende Beurteilung derselben in folgendem Schreiben:

„Hochverehrter Freund und College!
Einen so überaus liebenswüwrdigen Brief, wie den Ihrigen von gestern, muß ich sogleich beantworten und Ihnen sagen, wie lebhaft und dankbar mich die Anerkennung meiner Rede aus Ihrem Munde und grade diese Art der Billigung erfreut. Sie haben genau den Punkt bezeichnet, in den ich alles Gewicht gelegt haben wollte; die Reduction (nicht die Lösung) des Problems auf die Frage des Gewissens. Ich wollte dem Determinismus in alle Wege folgen, die er mit Sicherheit geht, auf denen die ordinäre Freiheitslehre herumstolpert, ungeschickt und ohne Menschenkenntniß; ich wollte aber auch den Punkt bezeichnen, wo dem Determinismus mit seinen tiefsten Gedanken die Menschenkenntniß ausgeht. Ich wünsche der menschlichen Natur adäquat geurtheilt zu haben. Ich wünsche mir darum nichts besseres als die Anerkennung solcher Denker, (Seite 144) die Natur haben. Ihr Urtheil und Ihre Befriedigung, wehrter Freund, gelten mir darum tausendmal mehr als das sog. philosophischer Fachmänner. Die Natur ist kein Fach oder sie ist wenigstens heut zu Tage nicht das Fach dieser Leute. ....... Nehmen Sie meine Zeilen so vertraulich wie ein Gespräch, das mit Ihnen zu führen mir stets zur Erquickung gereicht hat. Leben Sie recht wohl, mein verehrter Freund, und bleiben Sie mir gut. Die herzlichsten Empfehlungen und Grüße von Haus zu Haus. Ganz der Ihrige
K. Fischer.“

Von 1884 an war ich mit ihm in Heidelberg bis zu seinem Tode dauernd zusammen und eng befreundet.

Die Frage, wer mein Nachfolger in Heidelberg werden sollte, machte viele und schwierige Verhandlungen nötig. Nachdem Aronhold, wie er mir im November 74 schrieb, einen von der Badischen Regierung mit einem hohen Gehalt an ihn ergangenen Ruf abgelehnt, schlug ich der Fakultät Fuchs, P. Gordan und A. Mayer in der bezeichneten Reihenfolge vor; die Fakultät akzeptierte meine Vorschläge und bezeichnete die Berufung von Fuchs auf mein Andringen als besonders wünschenswert. Die Verhandlungen mit demselben gestalteten sich aber sehr schwierig, teils durch die ihm angeborene Unentschlossenheit, teils durch eine zu weitgehende Rücksichtnahme auf die finanziellen Verhältnisse seiner Familie. Am 3. Januar 75 erhielt ich von Weierstraß folgendes Schreiben:

„So eben erhalte ich von Herrn Göppert die durch Verschulden der Post verspätete Benachrichtigung, (Seite 145) daß er noch am 31., nachdem auch er von Fuchs eine telegraphische Anfrage erhalten, darauf telegraphisch geantwortet und zugleich an den Curator der Göttinger Universität geschrieben habe. Seitdem sei er ohne Nachricht. Hieraus ziehe ich den Schluß, daß Fuchs wirklich, wie er mir schrieb, am 1. nach Karlsruhe abgereist ist, weswegen ich es vorziehe, Ihnen diese Mittheilung zukommen zu lassen. Ich hatte Fuchs gebeten, daß, wenn er einen Ruf nach Heidelberg erhalten sollte, mich davon sofort in Kenntniß setzen zu wollen. Er hat dies nicht gethan; ich habe daher kein Recht, ihm in dieser Angelegenheit einen Rat zu geben. Da er aber weiß, welch lebhaftes Interesse ich stets an allem, was ihn betraf, genommen habe, so wird er es mir nicht übel deuten, wenn ich ihn bitte, doch bedenken zu wollen — falls es nicht zu spät ist — daß er sich, wenn er die so eben erst angetretene ehrenvolle Stelle und die Mitgliedschaft einer altberühmten Societät um einer Differenz von 100 Thaler willen aufgiebt, er sich dadurch die Rückkehr nach Preußen, die ihm doch früher oder später einmal wünschenswert erscheinen kann, auf das Wesentlichste erschwert. Sie haben sich in Ihrem Falle mit vollem Recht gekränkt gefühlt, daß Ihr Minister auf die Anzeige von dem erhaltenen Rufe nach Dresden Ihnen in keiner Weise zu erkennen gegeben habe, daß er auf Ihr Verbleiben in Heidelberg Werth lege und Sie haben mir gesagt, daß Sie nach einer derartigen Erklärung geblieben sein würden auch ohne Gehaltsaufbesserung. Nun Fuchs hat eine solche Erklärung sofort erhalten und außerdem (Seite 146) das Anerbieten einer Gehaltsverbesserung, durch welche er finanziell besser gestellt worden wäre, als irgend ein mathematischer Docent auf den übrigen Preußischen Universitäten. Daß unter diesen Umständen sein Zögern, eine bestimmte Erklärung abzugeben, und seine Abreise nach Karlsruhe, die als erfolgt angesehen wird, ohne die binnen wenigen Tagen in Aussicht stehende Entscheidung des Ministers abzuwarten, hier einen üblen Eindruck gemacht, werden Sie begreiflich finden.“

Da ich aber wußte, daß Heidelberg mit all seinen Lebensbedingungen den Anschauungen und Wünschen von Fuchs weit besser behage als der Aufenthalt in Göttingen, und daß es nicht sein Ehrgeiz sei, eine große Schule heranzubilden, wie es dann den ausgezeichneten Göttinger Mathematikern gelungen, so mußte ich ihm trotzdem zureden, den Ruf nach Heidelberg anzunehmen und wandte mich persönlich zum Zwecke der Förderung der Angelegenheit nach Karlsruhe. So wurde Fuchs mein Nachfolger in Heidelberg(4.20), wo er, wie er häufig äußerte, die glücklichsten Jahre seines Lebens verbracht hat. Noch im Jahre 86 schrieb er mir aus Berlin:

„Ich kann Dir die Versicherung geben, daß ich noch jetzt fast täglich mit einem gewissen Heimweh an Heidelberg zurückdenke. Wo ist die schöne Zeit hin, wo ich noch in der Lage war, ruhig zu arbeiten, ruhig einen Gedankenfaden für längere Zeit abzuspinnen! Wo soll ich jetzt meine Grillen lassen, die ich sonst in alle Winde zerstreuen konnte, wenn ich die ersten 1000 Fuß Höhe passirt hatte!“

(Seite 147) Im letzten Jahre meiner Tätigkeit in Heidelberg hat meine rege wissenschaftliche Korrespondenz mit Cayley und vor allem mit dem großen französischen Mathematiker Hermite begonnen, die bis zu seinem Tode währte. Nach dem Erscheinen des ersten Teiles meiner „Vorlesungen über die Theorie der elliptischen Functionen“ schreibt er mir:

„Je regrette seulement, que la difficulté de langue soit un serieux obstacle, quand le sujet ne m'est point parfaitement connu et c'est ce qui m'a empêcheé jusqu'ici de me rendre compte d'une manière suffisament approfondue de la partie de vortre livre, consacré à l'étude générale des fonctions d'après les principes de Riemann.“

Es folgt nun eine Reihe von Fragen bezüglich der Riemannschen Prinzipien zum Beweise des Satzes, daß der Koeffizient von i in dem Quotienten Ω' / Ω immer positiv sein muß, über die Beweise der Beziehung ϑ3 = √ (Ω / 2π), usw. Er schließt seinen Brief mit eingen Bemerkungen, die für mich in dem Augenblicke der Trennung von meinen Schülern in Heidelberg von großem Interesse waren; an die Worte:

En vous demandant tout d'abord la plus grande indulgence pour la rédaction de mes leçons, qui est l'oeuvre des mes élèves“
schließt sich die Hervorhebung der Vorlesungen, welche der Studiendirektor als weniger wichtig gestrichen, und welche von der Zerschneidung der Riemannschen Flächen und von den Anwendungen (Seite 148) der elliptischen Funktionen auf Zahlentheorie handelten, und endet mit den Worten:
„Des étudiants allemands vous donneraient plus de satisfaction sur ces matiéres, et c'est en vous souhaitant bien sincèrement un complet succès dans l'importante mission à laquelle vous êtes appelé à Dresde,“
und in der sehr ausgedehnten Korrespondenz über algebraische Probleme und die Theorie der elliptischen und hyperelliptischen Integrale und Funktionen, die sich zum Teil an meine Arbeiten über hyperelliptische Integrale anschloß, kehrt immer die Klage wieder, daß ihm auf der École polytechnique nicht die freie Wahl über die in den Vorlesungen zu behandelnde Materie zustehe.

Dadurch trat mir stets von neuem vor die Seele, was ich aufgegeben, und die Frage quälte mich oft, werde ich dies auch in Dresden wiederfinden?

Und kaum in Dresden angekommen, wurde ich noch durch zahlreiche Briefe von meinen Freunden an das „verlorene Paradies“, wie Kirchhoff in einem späteren Briefe aus Berlin unser Heidelberg nannte, erinnert.

„Dein Brief — schreibt Kühne — klingt so vergnüglich, so hoffnungsfroh und anmutend, wie es nur bei guten Eindrücken möglich ist, daß wir in recht guter Stimmung an Euch denken. Das ist die beste Art über die Erregung der Trennung hinwegzukommen und den Gedanken an die traurige Leere zu verlieren,“
(Seite 149) und Bekker, dem ich es dringend ans Herz gelegt, sich Bunsens anzunehmen, schreibt schon am 27. April 75:
„Mit Bunsen bin ich viel zusammengekommen; Achtung und Zuneigung sind gewachsen bei mir, beinahe bis zur Verehrung; es ist wirklich ein Mensch, größer als der gewöhnliche Schlag, taktvoll und wohlwollend und klug dabei. Daß es Dir so wohl geht, freut mich sehr, hatte aber daran auch eigentlich nie gezweifelt.“


Text: Leo Koenigsberger, 1919
Anmerkungen und Personenregister: Gabriele Dörflinger, 2004-2014

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