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Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
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{ Kein Titel! }

Henry E. Roscoe: Hermann von Helmholtz

S. 83-89 aus:
Roscoe, Henry, E.: Ein Leben der Arbeit : Erinnerungen von Sir Henry Roscoe / autorisierte Übersetzung nach der engl. Orig.-Ausgabe von Rose Thesing. Mit einer Einf. von Wilhelm Ostwald. - Leipzig, 1919
Signatur UB Heidelberg: F 2908-4
Wenn ich heute auf mein Leben und meine Interessen in Heidelberg zurückblicke, so will es mir scheinen, daß es dort weder vorher noch nachher je wieder eine solche Zeit gegeben hat, So hervorragende Freunde wie Helmholtz, Bunsen, Kirchhoff, Königsberger und Quincke unter den Naturwissenschaftlern, und Häusser und Vangerow unter den Geisteswissenschaftlern, neben vielen anderen bedeutenden Vertretern ihrer Fächer, werden sich wohl nie wieder zusammenfinden,

Unter allen diesen großen Männern steht die Erscheinung von Helmholtz an erster Stelle, Um. die Worte zu wiederholen, mit denen ich ihn als Präsident der Chemical Society bei seiner Faraday-Vorlesung begrüßte „gleich ausgezeichnet als Anatom, als Physiologe, als Physiker, als Mathematiker und als Philosoph, wollen wir Chemiker ihn nun auch als einen der unseren in Anspruch nehmen“,

Das Thema von Helmholtz' Vorlesung lautete: „Die neuere Entwickelung von Faradays Vorstellungen vom Wesen der Elektrizität“ und man kann wohl sagen, daß sie einen Wendepunkt in der Geschichte des Gegenstandes bildet und die Grundlagen zu unseren heutigen Anschauungen über das Wesen der Elektrolyse gelegt hat,

Die folgenden Briefe von ihm beweisen, welche Mühe er sich mit der Vorlesung gegeben hat,

21. November 1880.

Geehrter Freund!
Ich bin gerne bereit, die Faraday-Vorlesung für das Jahr 1881 zu halten, wenn es eingerichtet werden kann, daß sie zwischen den 15. März und den 22. April gelegt wird. Ich habe in letzter Zeit über Elektrolyse und über Elektrodynamik mehr oder minder in den von Faraday angegebenen Bahnen gearbeitet und will versuchen, wieviel davon ich für Chemiker, ohne allzu abstrakt zu werden, verständlich machen kann,

Unseren alten Freund sah ich im September in Heidelberg, Er war wohl und munter, obgleich er davon spricht, sich zur Ruhe zu setzen,

Meine freundlichsten Grüße an Ihre Frau

Ihr

H. Helmholtz.        

3. Januar 1881.

Geehrter Freund!
Wenn der Vorstand der Chemischen Gesellschaft den Titel meiner Vorlesung bereits bekannt zu machen wünscht, so will ich ihn folgendermaßen fassen „The Modern Development of Faradays Ideas on Electricity“. Oder wissen Sie einen besseren englischen Titel (Die neuere Entwickelung von Faradays Vorstellungen vom Wesen der Elektrizität) ? Wenn ja, dann raten Sie mir bitte. Ich möchte meine Ansprache in englischer Sprache halten, wenn Sie daher so freundlich waren, das Manuskript durchzulesen und sprachlich zu verbessern, wäre ich Ihnen zu großem Danke verbunden. Ich weiß nicht, wie weit ich Experimente heranziehen darf. An fremden Orten und mit fremden Apparaten ist es immer eine riskante Sache. Überdies schreibt mir Professor Tyndall, daß zwischen der vorhergehenden und meiner Vorlesung nur eine einstündige Pause liegt, daß also infolgedessen zu Vorbereitungen wenig Zeit bleiben wird. Die Dinge, die ich bespreche, werden den meisten Chemikern zweifellos bekannt sein, ich brauche wahrscheinlich nur die Apparate auszustellen, um an deren Hand kurz und rasch zu erklären, was ich meine.

Vielen Dank für Ihre freundliche Einladung. Für mich selbst nehme ich sie mit großem Vergnügen an; meine Frau hat sich noch nicht entschlossen, was sie tun will.

Mit den freundlichsten Grüßen an Ihre Frau

Ihr

H. Helmholtz.        

Paris (ohne Datum).

Geehrter Freund!
Ich bin wohlbehalten nach meiner Reise durch England, Irland und Schottland hier gelandet, habe in Dublin meine Vorlesung gehalten, in der Royal Society zu Edinburgh gesprochen und zuletzt bei Sir W. Thomson gewohnt. Jeder Augenblick war während dieser ganzen Zeit so besetzt, daß ich nicht dazu kam, die kurzen Notizen zu schreiben, die nötig sind, um, meine Faraday-Vorlesung druckreif zu machen. Morgen nacht kommen wir nach Berlin und bleiben da bis Montag abend. Inzwischen hat mir der Herausgeber des „Journal of the Chemical Society“ einen Abzug des unveränderten Textes geschickt, mit der Bitte, ihn so schnell wie möglich durchzusehen. Von Berlin aus schicke ich ihn sicher zurück, falls ich nicht schon hier eine ruhige Minute finde, ihn fertigzustellen. Wenn der Aufsatz große Eile hat, falls er noch ins Juniheft kommen soll, so schreiben Sie mir bitte eine Postkarte nach Berlin, Seit meiner Vorlesung an der Royal Institution war meine Zeit so besetzt, teils mit Vorbereitungen für meine nächste Vorlesung, teils mit Besuchen, daß ich noch keine Zeit fand, die Durchsicht vorzunehmen.

Noch einmal vielen und herzlichen Dank von meiner Frau und mir Ihnen beiden für den schönen Aufenthalt bei Ihnen und die großen Zeitopfer, die Sie mir brachten.

In aufrichtiger Freundschaft

Ihr

H. Helmholtz.        

1861 heiratete Helmholtz unsere Freundin Anna v. Mohl. Das Helmholtzsche Haus in Heidelberg wurde nun der Mittelpunkt der vornehmsten und größten Geister nicht bloß der Stadt, sondern der ganzen Welt. Helmholtz war sicher alles in allem genommen der wundervollste Mensch, den ich je gekannt habe; sein Charakter war ebenso einfach und bezaubernd und sein Herz so gut, wie sein Verstand groß war. Er war nicht bloß ein eminenter Gelehrter, sondern auch ein feiner Weltmann, der sich unter Prinzen und Großfürsten ebenso zu Hause fühlte, wie in seinem Laboratorium unter den Studenten, Unsere Familien waren eng befreundet, denn Helmholtzens kamen häufig nach England und wohnten da entweder bei meiner Schwester in London oder bei uns in Manchester, Frau v. Helmholtz war in ihrer Art ebenso reizend wie er in seiner. Sie überlebte ihren Gatten um wenige Jahre und starb am l, Dezember 1899. Kurz nach ihrem Tode widmete ihr Marie v. Bunsen, die Tochter des Staatsmannes, einen wundervollen Nachruf, der folgende Würdigung der Verstorbenen enthält, „Ein Mann hinterläßt ein Wahrzeichen seines Lebens in seinen Werken und seinen Taten, aber eine Frau, die weder in die Öffentlichkeit tritt, noch nach literarischem Ruhm strebt, kann keinen Ruhm erlangen. Dennoch war Anna v. Helmholtz sicherlich eine der hervorragendsten deutschen Frauen,“

Frau v. Helmholtz besaß ein außerordentlich sensitives und aktives Temperament. Ich erinnere mich, wie sie am Morgen des Tages der Faraday-Vorlesung zum Frühstück herunterkam und zu unserer aller Heiterkeit erzählte, sie wäre so aufgeregt, ob die Vorlesung auch Erfolg haben würde, daß sie in der Nacht geglaubt hätte sterben zu müssen. Worauf er in seiner ruhigen gleichmütigen Art bemerkte: „Ach, das geht nicht so schnell!“

Helmholtz führte eine äußerst mäßige Lebensweise, er rauchte nicht, und ich erinnere mich von ihm gehört zu haben, das kleinste Quantum Alkohol vertreibe aus seinem Gehirn „alle guten Ideen“, wie er sich ausdrückte, d, h, wenn er irgendein großes Problem aus dachte, mußte sein Hirn völlig frei von Alkohol sein.   …

Doch zurück zu Helmholtz. Als ich das letztemal in Heidelberg war, hatte ich mit dem bekannten Mathematiker Königsberger über Helmholtz ein interessantes Gespräch, Die beiden hatten sich sehr nahe gestanden. Königsberger hatte soeben die Niederschrift eines sehr wertvollen Nekrologs seines großen Kollegen beendet. In einem Briefe an mich bemerkte er, es sei immer interessant gewesen, zuzuhören, wenn Bunsen und Kirchhoff sich über irgendwelche mathematischen, wissenschaftlichen oder philosophischen Fragen stritten. Am interessantesten aber wäre es gewesen, zu beobachten, wie der unvergleichliche Helmholtz von seiner olympischen Höhe herab ruhig und schweigend den Fortgang der Diskussion mit einem zustimmenden oder bedeutungsvollen Lächeln verfolgte. Er erzählte mir ferner, wie groß die Bewunderung Helmholtz' für Clerk Maxwells Werk gewesen sei, den er als Physiker über sich stellte. Er habe oft ganz begeistert von ihm gesprochen.

Den schlagendsten Beweis seiner Vielseitigkeit lieferte Helmholtz wohl bei der Feier seines siebzigsten Geburtstages. Er empfing an diesem Tage eine Unmenge Deputationen von allen deutschen Universitäten, von wissenschaftlichen und anderen Vereinen und von einer ganzen Reihe ausgezeichneter Persönlichkeiten, vom Kaiser angefangen. Auf alle Ansprachen antwortete er scheinbar mühelos und sicher unvorbereitet in abwechslungsreicher und stets passender Form, wobei er bei jeder Deputation die Dinge zur Sprache brachte, die für sie das größte Interesse besaßen. Auf seine wissenschaftlichen Arbeiten will ich hier nicht eingehen, wer sich dafür interessiert, den verweise ich auf Königsbergers ausgezeichnetes Buch „Hermann von Helmholtz“, erschienen bei Vieweg, und auf die Gedächtnisrede, die mein vortrefflicher und betrauerter Freund Professor Fitzgerald aus Dublin im Januar 1896 vor der Chemical Society gehalten hat.

Helmholtz und seine Frau erlitten einen ähnlichen Verlust wie wir durch den Tod ihres ältesten Sohnes. Robert von Helmholtz kam schon als Krüppel zur Welt, nur dank der sorgfältigsten Pflege und der strengsten ärztlichen und chirurgischen Behandlung überlebte er seine Kindheit. Trotzdem entwickelte er sich zu einem vorzüglichen Mathematiker; ich hörte seinen Vater sagen, daß er die mathematische Begabung seines Sohnes seiner eigenen für überlegen hielte, und daß er noch Großes vollbracht haben würde, wäre er am Leben geblieben. Mit Ehren überhäuft und hochgeachtet von der ganzen Welt starb Helmholtz am 8, September 1894. Ein selten ähnliches Bildnis ziert diese Seiten.


Florenz 1891


Anmerkung: Rose Thesing, * 21.10.1884 als Rosa Löwinger, heiratete in zweiter Ehe 1923 den sozialistischen Theoretiker Rudolf Hilferding. Sie starb am 15.3.1959 in den Vereinigten Staaten.


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