Navigation überspringen
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Universitätsbibliothek

{ Kein Titel! }

Hermann von Helmholtz:
Studienempfehlungen an seinen Sohn Robert

aus:

Anna von Helmholtz : ein Lebensbild in Briefen / hrsg. von Ellen von Siemens-Helmholtz. - Berlin : Verlag für Kulturpolitik
Bd. 1, 1929, S. 248-250

Signatur UB Heidelberg: F 6834-3-44::1


Berlin, 4. Juli 1880

Lieber Robert!

Ich habe nichts dagegen, daß Du noch ein Semester außerhalb bleibst und da scheint mir im Ganzen Heidelberg der geeigneste Aufenthaltsort zu sein; erstens, weil ich überhaupt es nicht für vorteilhaft halte, in jedem Semester eine neue Universität zu beziehen und alle Lehrer zu wechseln; zweitens, weil Du in Heidelberg eine Reihe von Leuten hast, die sich Deiner liebevoll annehmen und im Falle der Not, wo Gott vor sei, Dir ein wenig helfen können. Übrigens würde ich auch gegen Bonn nichts Erhebliches einzuwenden haben. Nur würde das Motiv, welches Dich vielleicht am meisten dazu treibt, der Wunsch nämlich, mit Deinem Freunde Warschauer zusammen zu bleiben, durch dessen Militärdienst und die damit verbundenen Verkehrskreise wohl erheblich gestört werden. So hübsche Umgebung in unmittelbarer Nähe, wie Heidelberg, hat Bonn doch nicht; aber Du würdest im Ganzen ebenso gute Lehrer für die in Betracht kommenden Fächer finden, wie in Heidelberg. In München würde das nicht der Fall sein, abgesehen von der organischen Chemie. Das Klima ist rauh und ob die Studentenwohnungen dort als gesund angesehen werden dürfen, ist mir sehr fraglich. Noch schwächer sieht es aus mit den Lehrern in Genf; es sind wohl für ganz specielle Richtungen und Methoden ein paar hervorragende Männer dort zu finden, die man nach beendetem regelmäßgem Curse aufsuchen und von denen man dann mancherlei lernen kann. Aber die Elemente der Wissenschaft in einem anderen Lande zu suchen, als in dem, in welchem man künftig zu wirken hat, halte ich nicht für ratsam.

Die Chemie kann wohl nur interessieren, wenn man selbst darin Versuche angestellt hat, um lebendige Anschauungen von den Verhältnissen zu haben. Es wäre die Frage, ob Du nicht gut daran tätest im Winter in Bunsens Laboratorium einen Curs über anorganische Analyse zu machen. Schließlich ist ohne einen gewissen Vorrat chemischer Kenntnisse in den Naturwissenschaften kein Grund zu gewinnen. Was die Mathematik betrifft, so hat sich auch bei mir das Interesse daran nur an den Anwendungen, namentlich der mathematischen Physik entwickelt und ich habe Alles, was ich von Mathematik weiß, nur gelegentlich für Zwecke der Anwendung studiert. Das ist aber eine Methode, die sehr viel Zeit kostet und in der man erst spät die nötige Vollständigkeit des Wissens erreicht. Ich rate Dir sorgfältig ein Heft über mathematische Vorlesungen auszuarbeiten, dadurch zwingt man sich, sich Alles klar zu machen. Und suche Dir womöglich Übungsaufgaben aus der Physik - mathematische Physik kannst Du erst später hören, wenn Du Differentialrechnung kennst. Es freut mch, daß Du Interesse an der Philosophie hast; sie aber etwas von vornherein zum Ziel des Studiums zu machen, dagegen kann ich nur warnen. Von 100 Leuten, die sich auf die Philosophie werfen, sind 99 nichts als geistige Bummler, welche hohe Ziele erreichen möchten, ohne Mühe daran zu wenden - sie aber noch nie erreicht haben. Jemand aber, der breite Kenntnisse der Naturwissenschaften hat und wissenschaftlich streng zu arbeiten gelernt hat, der könnte auch schon in der Erkenntnistheorie Vieles thun, freilich zunächst mit wenig Aussicht auf Zustimmung von der Masse der Philosophie-Dilettanten.

Was die Anatomie und Physiologie betrifft, so kann man leider nicht bloß ,,Etwas'' von diesen Wissenschaften hören oder aber es nutzt Einem nicht viel. Sie werden nur in breitester Ausführlichkeit für die Mediziner gelehrt. Erkundige Dich ob Gegenbaur seine Vergleichende Anatomie, in der er Meister ist, so vorträgt, daß Jemand folgen kann, der die menschliche Anatomie nicht gehört hat. Ich sollte meinen, daß es sich machen ließe. Aber er wird sie im Sommer nur lesen und Anatomie muß ernsthaft studiert werden, wenn man die Ordnung in dieser Sündflut von Thatsachen behalten will. Sie läßt sich nicht nur so zum Spaß und für nebensächliche Zwecke treiben. Ob und wie weit Du in die organischen Naturwissenschaften hineingehst, das mußt Du Dir überlegen. Dann müßtest Du auch mit Botanik und Zoologie anfangen. Wir können das in den Ferien besprechen.

Aus Deinen Berichten schließe ich, daß es Dir gut geht und daß Du mit Hessings neuesten Apparaten viel mehr unternehmen kannst, als früher, worüber ich mich sehr gefreut habe. Du wirst wohl früher als ich das Semester abschließen können um nach Ambach zu gehen - denn ich habe auch noch die ganze Optik vorzutragen, gerade wie Quincke und dazu könnte man sehr gut ein volles Semester verwenden.

Beste Grüße

Dein Vater H. H.


Zur Inhaltsübersicht     Hinweis Fachinformation Mathematik     Hinweis Homo Heidelbergensis

zum Seitenanfang