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Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
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Hermann von Helmholtz:
Bericht über die 500-Jahrfeier der Universität Heidelberg

aus:

Anna von Helmholtz : ein Lebensbild in Briefen / hrsg. von Ellen von Siemens-Helmholtz. - Berlin : Verlag für Kulturpolitik
Bd. 1, S. 294-297
Signatur UB Heidelberg: F 6834-3-44::1


Heidelberg, 5. August 1886.

Bisher war die Zeit hier so vollständig besetzt, daß ich nur telegraphisch Dir habe Lebenszeichen senden können. Heute machte ich nun gewaltsam Platz, indem ich den dritten Akademischen Aktus der Fünfhundert Jahr-Feier, die Ehrenpromotionen, aufgegeben habe, sonst wäre ich heute wieder nicht zum Schreiben gekommen - da wir Nachmittag nach Karlsruhe zum Großherzog kommen sollen.

Am Montag war der Festgottesdienst in der sehr schönen Heiligen Geistkirche; sehr guter Gesang von meist Bach'schen Motetten und Chorälen, eine recht gute und passende Predigt von dem jetzigen Universitäts-Prediger Bassermann. Die badischen Herrschaften mit ihren Hofstaaten, der Kronprinz, viele auswärtige Deputierte in allerlei bunten Talaren gaben eine ganz stattliche und feierliche Versammlung. Nachher war man in der Aula, wo der Großherzog als Rektor präsidierte und die Feier mit einer sehr guten Ansprache einleitete, dann Übergabe der Begrüßungsschriften. Zeller sprach für die deutschen Universitäten; wir übergaben nur kurz unsere Adressen. Der Rektor Bekker antwortete sehr passend und schlagfertig.

Dann Mittagessen bei unseren Beckers mit Professor Leber, Generalarzt von Beck aus Karlsruhe und dem Maler Professor Hopf[Hoff], der den Festzug dirigiert.

Gegen Abend mußten wir zum Schlosse hinauf. Die Deputierten waren in das sehr hübsch dekorierte Landhaus[Bandhaus] geladen, wo vorgestellt wurde. Der Kronprinz erkundigte sich ausführlich nach Dir und Eurerem Eisenbahnunglück und trug mir auf, Dich von ihm zu grüßen und es ja nicht zu vergessen. Auch Prinz Karl von Baden verlangte mich zu sehen und unterhielt sich lange mit mir. Wir kamen erst spät in den sehr hübsch beleuchteten, aber mit Menschen überfüllten Schloßhof. Die obere Schloßterrasse gegen den Schloßberg hin, hatte von dem Andrang des städtischen Publikums nicht mehr geschützt werden können. Einen Augenblick schien auch die Erstürmung des Landhauses[Bandhauses] zu drohen vom Schloßhof aus. Der Augenblick als der Großherzog hinaus gekommen war gegen den Englischen Bau hin und nun die Menge in das Landhaus[Bandhaus] eindrang, voll von dem gespendeten Freibierr, war nicht ungefährlich. Nachdem sie hineingedrungen waren, konnten auch wir den Ausgang gegen den Schloßhof und allmählich den Rückweg finden.

Gestern war Kuno Fischers große Festrede in der Kirche. Er gab eine sehr lebendige und geschickt zusammen gestellte Übersicht über die politischen und wissenschaftlichen Geschicke der Universität, welche sehr interessant sein wird zu lesen. Ich saß verhältnismäßig günstig und konnte meist alles verstehen und habe auch mit Spannung zugehört, ohne in den mehr als zwei Stunden müde zu werden; aber der Gedanke an die Ausländer und an die vielen, welche nicht so gut hören konnten, hat mich etwas beunruhigt.

Das Festmahl im Museum, gegeben von der Universität, wo der Großherzog und der Kronprinz präsidierten war sehr gut durchgeführt und durch die Erklärungen des Großherzogs und des Kronprinzen über die Gründung des neuen Kaiserreiches, wie Du in den Zeitungen schon gelesen haben wirst, sehr interssant. Mein Toast auf die Stadt Heidelberg, der mir auferlegt war, wurde der letzte; es gelang mit aber noch, die Gesellschaft zu übertönen, die schon sehr unruhig war und Beifall habe ich schließlich genug dafür gehabt. Der Großherzog kam zu meinem Platz, um mit mir anzustoßen - der Kronprinz forderte mich auf zu ihm zu kommen, um dasselbe zu thun - und Kühne verstieg sich zu dem Paradoxon, die wahre Poesie wohne nur noch bei den Naturforschern. Ich mußte mit Massen meist unbekannter Leute anstoßen, ein Dichter benutzte die Gelegenheit mir ein Gedicht auf Scheffel vorzulesen, den ich zitiert hatte und unser lieber Hausherr Professor Becker erklärte, das Canapé, auf welchem liegend ich diesen Toast komponiert hätte, solle nicht mehr zum alltäglichen Gebrauche dienen.

Nachher machte ich noch einen kleinen Bergspaziergang, nachdem ich Dir telegraphiert hatte und habe den Fackelzug nur mit Becker auf dem Balkon sitzend von Ferne gesehen, während die Damen mit Professor Oppoltzer, der auch hier im Hause wohnt, das Zusammenwerfen der Fackeln in der Universität betrachteten.

Immer mehr bedauere ich, daß Du nicht hier sein kannst. Das Ganze würde Dich doch in höchstem Maße interessiert haben.

H.H.

Heidelberg, 7. August 1886.

Wir hatten vorgestern Nachmittag ein sehr hübsches Gartenfest in Karlsruhe auf der Schloßterrasse, Musik im Park daneben, Büffets oben in den Gemächern, schließlich Männergesangverein mit bengalischer Beleuchtung des weiten Schloßparks. Grüße habe ich Dir von der Frau Großherzogin und Frau Gräfin Rhena zu übermitteln.

Und gestern war der große Festzug bei schönstem Wetter, sehr sorgfältig von Maler Hoff durchgearbeitet, sehr schön in den Farben abgestimmt - Alles machte sich sehr fein und vornehm. Ich habe schon an Robert eine bildliche Darstellung abgesendet, welche unter Hoffs Leitung herausgegeben, sicherlich treu ist; freilich fehlen die Farben. Grete Becker sah als Elsa von Katzenellenbogen famos aus in matt rotem Sammet mit mächtigen goldenen Löwen auf der Schleppe und hohem spitzen Hut. Wir sahen den Zug von Beckers Haus aus zwei Mal vorüberziehen, nachher noch die sehr gut ausstaffierten Pferde allein. Es waren unglaubliche Menschenmengen zusammen geströmt. Ich habe auch an Fritz ein solches Heftchen geschickt, da diese weltliche Pracht doch auch seinen Pfarrer vielleicht amüsieren wird.

Schließlich war ich eine Stunde auf dem großem Kommers, dem wiederum der Großherzog Höchstselbst präsidierte. Interessant war die große Halle mit den vielen Alten Herren in Verbindungsmützen...

Dein getreuer Hermann.

Heidelberg, den 9. August 1886.

Meine liebe Anna!

Der guten Nachrichten habe ich mich sehr gefreut, die heute Morgen angekommen sind und hoffe, daß es nun ohne neuen Anstoß gut weiter geht mit Roberts endgültiger Genesung.

Es waren eine Menge alter Bekannter und Freunde hier, mit denen man gern ein ausführliches Gespräch gehabt hätte: Roscoe, Trotter, Blaserna, Brioschi, Hermite, Holmgren, Bunsen, seit gestern Donders. Aber der Schwarm der Unbekannten und Gleichgültigen, die sich überall vorstellen wollten, war zu groß. Sie unterbrachen jedes vernünftige Gespräch.

Der Schloßbeleuchtung am Sonnabend Abend folgte ein prachtvolles Feuerwerk auf der Brücke und längs des Neckarufers. Am Sonntag Nachmittag war wieder Schloßfest mit den kostümierten Leuten des Festzuges; Großherzog und Großherzogin anwesend, Illumination des Hofes, Musik, Freibier, namentlich für die Bürger berechnet, die am Festzug teilgenommen hatten - sehr bunt und lebhaft. Es gelang mir zu Fuß im schönen Mondschein nach Hause gehen zu können.

Heute Ophthalmologischer Actus in der neuen Aula mit Publikum, unter dem viele Professoren waren. Donders hielt die Hauptrede über Graefe, sehr schön und warmherzig, aber mehr seine persönlichen Beziehungen zu ihm erörternd. Darauf folgte eine furchtbare Lobrede auf mich mit Überreichung der Medaille.

Ich antwortete kurz Aufgeschriebenes, was ich las und was gedruckt werden wird. Ich dankte darin und setzte auseinander, daß eigentlich Einer der großen Ärzte die Medaille hätte erhalten sollen, da ich ihnen nur das Werkzeug für ihre Kunst geliefert habe.

Zum Lunch war Donders hier bei uns und man konnte ihn ausführlich sprechen. Er sieht gut und frisch aus und ist auch lebhaft und ziemlich heiter. Immer wieder wid Deine Abwesenheit beklagt, auch von Donders. Er hatte seine Elogen für mich so schön ausgearbeitet und mit großer Wärme auch so vorgetragen; den Inhalt wirst Du freilich erst später lesen können. Ob Dich nicht aber all das Lob, welches über mich ausgeschüttet worden ist, etwas ungeduldig gemacht haben würde, weiß ich nicht. Es wäre ganz gegen Deine Prinzipien gewesen.

Abends war Diner im Sanatorium Schloß Heidelberg, circa sechzig Augenärzte mit Frauen, auch Heß, Leber, Javal. Es wurde reichlich getrunken mit vielen Toasten bei wunderschönem Mondschein abends auf der Terrasse des Hôtels. Damit sind die hiesigen Genüsse erschöpft, die sich nur zu schnell auf einander drängten.

Nachdem alles gepackt und expediert war ich noch eine Stunde im Ophthalmologischen Congreß, ergriff auch noch eine Gelegenheit, Professor Exner bei seinem Vortrage zu secundieren, so daß meine Anwesenheit noch von Allen bemerkt werden mußte. Dann zog ich mich zurück.

Mit Wünschen für Euer Beider dauerndes Wohl
Dein getreuer Hermann.


Letzte Änderung: 09.01.2004 Gabriele Dörflinger

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