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Universitätsbibliothek Heidelberg

Rezension zu Cantors Geschichte der Mathematik
von Emil Lampe

aus:
Naturwissenschaftliche Rundschau. - 17, Nr. 23 (1902), S. 128
Signatur UB Heidelberg: O 29-3 Folio::17.1902

Moritz Cantor: Vorlesungen über Geschichte der Mathematik. Dritter Band: Von 1668-1758. Mit 147 in den Text gedruckten Figuren. 2. Aufl. X u. 923 S. gr. 8°. (Leipzig 1901, B. G. Teubner.)

Die zweite Auflage des dritten Bandes von Moritz Cantors ,,Vorlesungen über Geschichte der Mathematik'' ist in drei Abtheilungen ausgegeben worden. Die erste Abtheilung, welche von 1668 bis 1699 reicht, ist bereits im Sommer 1900 erschienen; die zweite, welche den Zeitraum von 1700 bis 1726 umfaßt, wurde zu Anfang des Jahres 1901 versandt, und die dritte Abtheilung über die Periode von 1727 bis 1758 machte im Sommer des verflossenen Jahres den Beschluß des dritten Bandes und damit der zweiten Auflage des ganzen Werkes.

Als Ref. bei der Anzeige der letzten Abtheilung der ersten Auflage (Rdsch. XIV, 1899, 64-65) über den glücklichen Abschluß des umfangreichen Werkes zu berichten hatte, versuchte er in großen Umrissen ein Bild von den Leistungen Cantors als Verf. der monumentalen Vorlesungen über Geschichte der Mathematik zu entwerfen. Damals konnte er noch nicht voraussehen, daß die erste Auflage so rasch vergriffen sein würde. Während es längerer Zeit bedurft hat, bis die Erkenntniß des Werthes der Cantorschen Arbeit allgemein wurde und durch das erhöhte Interesse der Absatz der ersten Bände stieg, haben offenbar die Besitzer der früheren Abtheilungen sich zuletzt beeilt, in den Besitz des Schlusses des Werkes zu gelangen, und somit wurde der Verf. genöthigt, fast unmittelbar nach Beendigung des Druckes die neue Auflage vorzubereiten.

Zur Einführung derselben lassen wir ihn hier selber sprechen: ,,Etwa drei und ein viertel Jahre sind verflossen, seit ich im April 1898 das Vorwort zur ersten Auflage dieses dritten Bandes niederschreibend mit einer Art von schmerzlicher Freude auf die Fortsetzung des Werkes verzichtete, zu welcher ich selbst den Muth nicht mehr habe, für so wünschenswerth ich sie halte. In beiden Beziehungen konnte meine Sinnesmeinung selbstredend keine Aenderung erfahren. War damals mindestens ein IV. Band noch erwünscht, so ist er heute fast zur Notwendigkeit geworden; konnte ich damals mich nicht entschließen, weiter zu arbeiten, so haben die seitdem verflossenen drei Jahre mich jedenfalls nicht jünger gemacht, und trotz mehrseitiger schmeichelhafter Aufforderungen, selbst die Hand ans Werk zu legen, verabschiede ich mich zum zweiten Male von meinem Buche und von meinen Lesern.''

,,Die neue Auflage ist von der ersten in den Hauptpunkten nicht verschieden, wenn es auch, dank dem Aufschwunge, welchen die Wissenschaftsgeschichte aller Orten genommen hat, möglich und nöthig war, an Einzelheiten die bessernde Hand anzulegen. Sogar während des Druckes dieses Bandes ist in dankens werther Weise da und dort eine schöpferische Kritik geübt worden, deren Ergebnisse ich in diesem Vorworte mitzutheilen habe.''

Die schöpferische Kritik, die der verdiente Verf. hier dankbar anerkennt, hat in den letzten beiden Jahren einen Mittelpunkt in der von dem gelehrten Kenner der mathematischen Wissenschaftsgeschichte, G. Eneström, herausgegebenen Bibliotheca Mathematica gefunden, die in jedem Hefte unter dem Titel: ,,Kleine Bemerkungen zur zweiten Auflage von Cantors Vorlesungen über Geschichte der Mathematik'' werthvolle Ergänzungen und Berichtigungen bringt. Hier können wir es unterlassen, derartige Einzelheiten von ganz specieller Art zur Sprache zu bringen. Die betreffenden Fragen beziehen sich immer auf Punkte von geringer Tragweite und bestätigen das Dichterwort: ,,Wenn die Könige baun, haben die Kärrner zu thun.'' Bei dem Rückblicke auf das abermals vollendete Werk müssen wir es bedauern, daß Moritz Cantor nicht den IV. Band seiner Vorlesungen über Geschichte der Mathematik geschrieben hat; wir müssen ihn aber auch bewundern, daß er, obwohl in geistiger Frische stehend, es ablehnt, ihn zu schreiben, weil er nicht mehr eine Verantwortung übernehmen will, die er vielleicht nicht mehr tragen könnte, die sein Leben jedenfalls unruhig gestalten würde. Gönnen wir ihm nach seiner langen Arbeit die Ruhe bei der Betrachtung seines Werkes, von dem Jedermann sagt, daß es gut ist, und über das er mit vollem Rechte sagen darf: Exegi monumentum aere perennius.

E. Lampe.



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