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Universitätsbibliothek Heidelberg

Gustav Robert Kirchhoff

Festrede zur Feier des 301. Gründungstages der
Karl-Franzens-Universität zu Graz
gehalten am 16. November 1887
von Ludwig Boltzmann

Vorwort.

Als ich mich entschlossen hatte, der Aufforderung einiger akademischer Freunde entsprechend, bei dem im Titel erwähnten Anlasse über zu sprechen, wandte ich mich sogleich an mehrere Kollegen mit der Bitte um Daten aus dessen Leben. Für die große Freundlichkeit, mit welcher diese Bitte erfüllt wurde, sage ich hier allen meinen wärmsten Dank, besonders den Hrn. Proff. Königsberger und Quincke in Heidelberg und Krause in Rostock; außerdem noch dem Hrn. Premierleutnant, dem Sohne des Verewigten. Einiges entnehme ich auch einem Artikel Hrn. Otto Neumann Hofers in der Grazer Tagespost. — Der schöne Nekrolog Hrn. Prof. Hofmanns in den Berichten der chemischen Gesellschaft zu Berlin kam mir erst zur Hand, als das vorliegende bereits geschrieben war.

Bei Ausarbeitung meines Vertrags wuchs leider der über Kirchhoffs Arbeiten handelnde Teil so sehr an, daß ich aus Rücksicht auf die disponible Zeit alles Biographische weglassen mußte. Vielleicht ist es jedoch den Lesern meines Vertrags nicht ganz unwillkommen, wenn ich an dieser Stelle einiges vom gesammelten Materiale mitteile, vielfach wörtlich nach den erhaltenen Briefen. Selbstredend wollte ich lediglich das Gedächtnis Kirchhoffs feiern und hatte nie die Absicht einen Nekrolog oder eine Biographie Kirchhoffs zu schreiben; ich wäre sonst, da ich nur einmal vor etwa 17 Jahren ganz flüchtig und vorübergehend mit Kirchhoff verkehrte, in der mißlichen Lage eines Malers, der ein Porträt ganz aus dem Gedächtnisse entwerfen soll; doch mag das folgende immerhin als Vorarbeit nicht ganz ohne Nutzen sein, wenn später von berufener Feder eine Biographie geliefert wird.

Nichts Außergewöhnliches in Kirchhoffs Leben entspricht der Außergewöhnlichkeit seines Genius; seine Laufbahn war vielmehr die gewöhnliche des deutschen Universitätsprofessors. Die großen Ereignisse vollzogen sich bei ihm lediglich im Gehege seines Kopfes. Kirchhoff war zu Königsberg, das sich gerne die Stadt der reinen Vernunft nennen läßt, am 12. März 1824 geboren. Sein Vater, Justizrat daselbst, war ein stiller ernster Mann, seine Mutter, deren er, wie soviele große Geister Deutschlands, stets mit besonderer Pietät gedachte, eine lebhafte, geistig rege Frau. Einer der Brüder Kirchhoffs starb zu Berlin als praktischer Arzt, der andere war daselbst Obertribunalrat und ist jetzt Reichsgerichtsrat in Leipzig. Mit diesen beiden älteren Brüdern besuchte Kirchhoff das Kneiphöfsche Gymnasium in Königsberg., Mit 18 Jahren maturierte er und kam an die Universität seiner Vaterstadt, wo er Franz Neumann, der jetzt der Vater und Nestor der neuen theoretischen Physik genannt werden kann, und den Mathematiker Richelot hörte. Des ersteren Einfluß auf Kirchhoffs Vorlesungen und Forschungen blieb bis in die späteste Zeit bemerkbar, des letzteren Tochter Clara wurde 1857 Kirchhoffs erste Frau. In Neumanns mathematischem Seminare brachte Kirchhoff — 21 Jahre alt — seine erste Arbeit, über den Durchgang der Elektrizität durch Platten. Mit 23 Jahren wurde er promoviert und erhielt ein damals selten gewährtes Stipendium zu einer wissenschaftlichen Reise nach Paris, an deren Ausführung ihn jedoch die politischen Unruhen verhinderten. 1848 habilitierte er sich in Berlin; von dort wurde er 1850 als außerordentlicher Professor nach Breslau berufen, wo Frankenheim Ordinarius für Physik war. Ein günstiges Geschick, welches für Kirchhoffs Leben entscheidend wurde, führte 1851 Bunsen von Marburg nach Breslau, und wenn auch Bunsen schon ein Jahr darauf einem Rufe nach Heidelberg an Gmelins Stelle folgte, so hatte diese Zeit doch ausgereicht, um beide Männer fürs Leben wissenschaftlich und persönlich miteinander zu verbinden, so daß Bunsen, als Jolly 1854 nach München ging, keinen besseren vorzuschlagen wußte als Kirchhoff — und wie sehr hat ihm die Zeit Recht gegeben! Vier Jahre später trat Helmholtz, damals als Professor der Physiologie, und später auch der Mathematiker Königsberger in diesen Kreis. Die ungetrübteste Freundschaft verband diese Männer auch mit Zeller, Kopp, Häußer, von Vangerow u.a.

Kirchhoffs damalige theoretische und experimentelle Vorlesungen zogen Schüler aus allen Ländern herbei, denen er nicht bloß ein verehrter Lehrer und mächtig anregender Berater, sondern auch ein warmer Freund war. Sein Vortrag war ruhig, klar, sorgsam durchdacht, kein Wort zu viel, keines zu wenig, weshalb er in kurzer Zeit ungewöhnlich Vieles und Reichhaltiges bot. Er liebte es, dabei den einen oder andern Zuhörer anzusehen und ihm gewissermaßen an den Augen abzulesen, ob er das Vorgebrachte verstände. Seine experimentellen Demonstrationen waren stets präzise und elegant durchgeführt, oft durch selbsterfundene Apparate z. B. sein Elektrometer gestützt. Kirchhoffs Zeit war strenge eingeteilt; er arbeitete lieber beim Scheine des Tagesgestirns, dessen Kenntnis er so sehr gefördert, selten nach 8 Uhr abends. Sein Leben war äußerst zurückgezogen, doch liebte er heitere ungezwungene Geselligkeit. Im Umgange war er ungemein gefällig und liebenswürdig gegen jedermann, aufopfernd gegen seine Freunde, jedoch stets von einer vornehmen, gegen Fremde etwas zurückhaltenden Bescheidenheit. Es bedurfte einer gewissen Initiative, bis er warm wurde, was am raschesten im wissenschaftlichen Gespräche geschah. Dann aber war er hinreißend; dann sagte er rückhaltlos seine Meinung und ließ es auch an scharfen Urteilen nicht fehlen über das, was ihm widerstrebte. Doch geriet er dabei nie in Zorn, nicht einmal in heftige Erregung; es konnte gewissermaßen nichts seine innere Harmonie stören. Er war so wahrheitsliebend, daß er jeder Behauptung, deren er nicht absolut sicher war, ein ,,vielleicht'' oder ,,wahrscheinlich'' beizufügen pflegte; dafür galt er aber in dem, was er sicher behauptete, allen als Autorität.

1869 starb Kirchhoffs erste Frau und hinterließ ihm zwei Söhne und ebensoviele Töchter. Kirchhoffs ältester Sohn ist jetzt Premierleutnant in Saarlouis, der jüngere Assistent des Chirurgen v. Bergmann in Berlin, die ältere Tochter ist an den Professor der Geologie Branco in Königsberg verheiratet. Schon 1868 hatte sich Kirchhoff durch Übertreten eines Beines ein hartnäckiges Fußleiden zugezogen, welches ihn lange an die Krücke oder in den Rollstuhl zwang, später zwar wieder nachließ, aber nie ganz wich.

Um Weihnachten 1872 verheiratete sich Kirchhoff zum zweiten Male mit Frl. Luise Brömmel aus Goslar, welche zur Zeit die Oberaufsicht in der Augenklinik Prof. Beckers in Heidelberg führte. Diese Ehe war zwar kinderlos aber wieder so glücklich, daß er einmal äußerte, ihm habe des Lebens Mai zweimal geblüht.

Der Zauber der schönen Neckarstadt, der altehrwürdigen Ruperta Carolina und nicht am wenigsten der schönen im Freundeskreise daselbst verlebten Stunden war so mächtig, daß Kirchhoff einen glänzenden Ruf an Magnus Stelle, sowie einen zweiten an die leitende Stelle der inzwischen in Potsdam errichteten Sonnenwarte ausschlug. Erst als ihm zunehmende Kränklichkeit die experimentelle Tätigkeit mehr und mehr verleidete und unter dem Einflüsse gewisser bedauerlicher Vorgänge an der Heidelberger Hochschule, gelang es der Universität der Hauptstadt des neuen deutschen Reiches, Kirchhoff bei der dritten Berufung im Jahre 1875 zu gewinnen, wo sich ihm als Professor der theoretischen Physik eine neue glänzende Laufbahn eröffnete, und wo er fernab vom Experimente sein Leben beschloß. 1884 daselbst zum Rektor gewählt, schlug er wegen Kränklichkeit dieses Ehrenamt aus und mußte bald auf dringendes Anraten seiner Ärzte hin seine Vorlesungen unterbrechen; im Wintersemester 1885/86 nahm er diese unter Aufbietung aller seiner Kräfte noch einmal auf — zum letzten Male. Den Sommer darauf brachte er in Baden und den nächsten in dem schon seit der Heidelbergerzeit von ihm so sehr geliebten Harze in Wernigerode zu, wo er, der stets ein warmer Naturfreund gewesen, im Kreise seiner Familie noch einmal Ausflüge im Rollstuhle machte. Körperlich gebrochen aber noch immer geistig frisch und heiter kehrte er nach Berlin zurück, seine letzten Leiden, wie alle früheren mit der erhabensten Geduld und Sanftmut tragend. Bald erregten, wiederholte Fieberanfälle die Besorgnis seiner Umgehung. Seine Frau, welche die letzten Nächte wachend an seinem Bette zubrachte, ruhte am 17. Oktober d. J. morgens kurze Zeit aus — als sie erwachte, war ein großer und edler Mensch nicht mehr, sanft und friedlich war er entschlafen. Ein schweres, aber schmerzloses Gehirnleiden hatte nach dem Ausspruche der ärzte seinem Leben ein Ende gemacht.

So übergebe ich denn die folgende Rede (mit mehreren Zusätzen und wesentlichen Abänderungen) dem Publikum, zufrieden, wenn sie nur einen kleinen Teil jener Erhebung mitzuteilen vermag, welche mir ihre Abfassung bot.

Graz, im November 1887.

(Ludwig Boltzmann.)



Letzte Änderung: 20.11.2009 Gabriele Dörflinger

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