Gustav Robert Kirchhoff
Festrede zur Feier des 301. Gründungstages derKarl-Franzens-Universität zu Graz
gehalten am 16. November 1887
von Ludwig Boltzmann
Die Feier, welche voriges Jahr in diesen Räumen unsere Herzen höher schlagen machte, sie ist verrauscht; war sie auch nicht mit dem Prunkgewande äußeren Pompes angetan, das geistige Prunkgewand edler Erhebung, es hat ihr nicht gefehlt. Wie Kinder zu ihrer geliebten Mutter, so blickten wir Söhne unserer Alma Mater mit warmer Begeisterung und treuer Liebe zu ihr auf an ihrem Ehrentage, und wir wußten warum.
Mir fällt nun heute die Aufgabe zu, wieder einzulenken in das Einerlei des Alltagslebens, das, gleichwie beim Baue durch Menschenhand Stein auf Stein zusammengefügt wird; Jahr an Jahr reiht — ich bin dessen sicher —, zu neuem Ruhme unsrer Alma Mater, bis in fernen Zeiten ein später Nachfolger wieder einen gleichen Festtag verkündet.
Und doch ist auch der Eintritt ins dreihundert erste Jahr des Daseins nicht ohne Anlaß zu ernsten Betrachtungen.
Fordert der dreihundertjährige Jubeltag auf zum Rückblicke in die Vergangenheit, zur Freude an dem, was unsere Universität gewesen und geworden, so ladet der heutige Tag ein zum Blicke in die Zukunft, in den heute sich auftuenden, noch undurchmessenen Raum des vierten Jahrhunderts. Da betrachte ich es als einen glücklichen Zufall, daß die Aufgabe diesen Blick zu tun, gerade einem Vertreter der Naturwissenschaft zufiel, einem Vertreter der Physik, der Mutter aller übrigen Naturwissenschaften, welche den mathematischen Disziplinen die Nahrung, den speziellen Naturwissenschaften die Gesetze gibt.
Sinn und Herz des akademischen Lehrers mangelt mir nicht so sehr, daß ich nicht das schöne Wort universitas verstünde, daß ich nicht das Wesen unserer Hochschule in der Zusammenfassung aller Zweige menschlichen Wissens erblickte; aber nur dadurch wird das Ganze gefördert, daß jeder seine eigene Fahne hochhält, und daher werden Sie es mir nicht verargen, wenn ich mich vermesse unter der der Naturwissenschaft unsere Alma Mater ins anbrechende Jahrhundert einzuführen.
Wie Faust dem Weltgeiste, so steht der Sterbliche zitternd der abstrakten Wissenschaft gegenüber; ihre unergründliche Tiefe erschreckt ihn; was er auch errungen, ein Blick in den Sternenraum, ein Gedanke an die Urgesetze des Geschehens und des Lebens, und es verschwindet. So gerne ruht da das Auge, geblendet vom Glänze der Unendlichkeit, aus auf einem Helden der Wissenschaft, der uns in ihrer Bewältigung ein Vorbild ist, und doch Mensch wie wir; und wer könnte uns da ein besseres Vorbild sein, als der große Fürst im Reiche des Gedankens, der erst vor wenigen Wochen der Welt entrissen wurde, Gustav Robert Kirchhoff? Mein Verzeichnis der Berufsgenossen, denen ich meine Schriften zusende, wie viele schwarze Striche weist es bereits auf! Aber noch nie machte ich einen neuen mit so schwerem Herzen als im verflossenen Oktober. — Möge es meiner schwachen Kraft gelingen in dieser flüchtigen Stunde sein erhabenes Bild in unsere Mitte zu bannen und an seinem Geiste unseren Geist zu beleben.—
Nicht der Flitter äußeren Glanzes ist es, den ich Ihnen da vorzuführen habe, äußerer Prunk war Kirchhoffs Sache nicht, in desto reinerem Sinne aber war er mit jenem geistigen Prunkgewande angetan, von denn ich eingangs sprach; in seiner edlen Bescheidenheit und herzgewinnenden Güte war er so recht das Urbild des deutschen Gelehrten. Seine hochgewölbte Denkerstirne, seine vornehm ruhigen Züge, sein mildes blaues Auge, das so feurig, so bezaubernd blicken konnte, ruhen nun im Grabe, — hätte ich den Pinsel Raphaels, die Zunge Homers, ich könnte sie nicht vor Sie hinzaubern; Nur sein geistiges Bild, das Bild seiner Werke will ich zagend zu entwerfen suchen.
Wenn auch das Kämpfen und Ringen auf dem Arbeitsfelde der Wissenschaft stets nur das Vorrecht weniger sein wird, das Errungene selbst ist heute längst das Gemeingut aller geworden. Daher gibt es wohl kaum einen Gebildeten, vor dessen Seele bei Nennung des Namens Kirchhoff nicht das Bild des noch so jungen, aber bereits so mächtigen, an der Grenze der Physik, der Chemie und der Astronomie emporgewachsenen Wissenschaftszweiges träte — der Spektralanalyse. Soll ich da nicht längst Bekanntes wiederholen, so muß ich mich kurz fassen, und doch verbietet zu große Kürze die Schwierigkeit des Gegenstandes. Möge ich das richtige treffen.
Die Einheit der Naturkräfte überall aufzudecken, ist ein Hauptziel der Naturwissenschaft. Da gelang es schon längst die nahe Verwandtschaft von Schall und Licht nachzuweisen; beide sind schwingende zitternde Bewegungen. Im ersten Falle lehren die einfachsten Experimente, daß das Tempo der Erzitterungen, die sogenannte Schwingungsdauer, die Tonhöhe bestimmt; im letzten Falle wird durch die Schwingungsdauer die Farbe definiert, wie schon Huyghens ahnte und Fresnel nachwies. Die Farbe ist also in der Optik genau das, was in der Akustik die Tonhöhe ist; nur ein quantitativer Unterschied besteht, die Lichtschwingungen geschehen billionenmal schneller. Dies bewirkt, daß der Schall um die Ecke geht, daß ihm die Haupteigenschaft des Lichtes, das Bestreben die ursprüngliche Richtung beizubehalten, fehlt. Dementsprechend ist auch unser Ohr zur Auffassung der Richtung, aus welcher der Schall kommt, nur sehr unvollkommen befähigt; dagegen in geradezu staunenerregendem Maße zur Auffassung der Schwingungsdauer, also der Tonhöhe. Von 30 bis 30000 Schwingungen in der Sekunde, vielleicht noch etwas weiter geht die sichere musikalische Tonempfindung; sie umfaßt also gut 10 Oktaven, deren jede 12 halbe Töne hat. Da ein geübtes Ohr den zehnten Teil eines halben Tones bemerkt, so vermögen wir sicher 1200 verschiedene Tonhöhen zu unterscheiden. Dazu kommt noch, daß wir in einem Zusammenklange jeden einzelnen Ton heraushören können; der geübte Kapellmeister vermag mitten im Brausen des Orchesters jeden falschen Ton zu erkennen. Dies befähigt auch mit Hilfe der Obertöne zur Perzeption der sogenannten, Klangfarbe; wenngleich die Obertöne meist nicht einzeln zum Bewußtsein kommen, so bemerkt das Ohr doch selbst unbedeutende Veränderungen jedes einzelnen derselben.
Wie überhaupt in der Natur kein Wesen dem andern, so gleicht auch das Gesetz der Schwingungen für keinen schwingenden Körper ganz dem des anderen, und vermöge seines bewunderungswürdigen Perzeptionsvermögens vermag das Ohr jeden Ton von jedem ändern zu unterscheiden. Hunderte von Menschen erkennen wir jeden an seiner Stimme, und welche tausendfältigen Modulationen vermag wieder jeder derselben in einen Laut, einen Seufzer zu legen, und das Ohr vermag alle diese Modulationen zu unterscheiden. Im grellen Gegensatze hierzu zielt beim Auge alles auf Erfassung der Richtung ab, aus welcher der Lichtstrahl kommt. Tausende von Nervenendigungen dienen jede einer anderen Richtung, und dadurch, daß wir unterscheiden, aus welcher Richtung des Raumes jeder Lichtstrahl unser Auge trifft, können wir uns ein Bild der umgebenden Objekte machen. Dafür ist die Unterscheidung der verschiedenen Schwingungsdauern oder, was auf dasselbe hinauskommt, der verschiedenen Farben eine äußerst dürftige. — Während beim Ohre tausende, so, dienen hier wahrscheinlich nur drei verschiedene Elemente der Auffassung des ganzen Farbenumfanges; daher die geringe Ausdrucksfähigkeit eines Farbenspieles, etwa eines bunten Feuerwerkes, gegenüber der eines Musikstückes, daher namentlich die geringe Fähigkeit, Mischfarben als verschieden zu erkennen, aus einem Farbengemische die Bestandteile herauszusehen. Aus drei verschiedenen Farben, rot, grün und violett, vermag man durch passende Mischung alle Farben herzustellen, welche selbst der geübteste Maler unterscheidet, — die Farbenmannigfaltigkeit gleicht einem musikalischen Instrumente, das nur dreier verschiedener Töne fähig ist, die im allgemeinen mit verschiedener Intensität gleichzeitig erklingen. Das Auge ist eben zu sehr durch die Raumwahrnehmung in Anspruch genommen, und da bleibt nur wenig Raum übrig für die Wahrnehmung der Schwingungsdauer; oder hat der Schöpfer absichtlich nicht einem Sinne alle Vollkommenheiten gewährt und schenkte uns dafür einen Kirchhoff, der, wie wir sehen werden, durch seinen Scharfsinn diese Lücke ausfüllte.
Da das Auge Raumsinn ist, so müssen die Farben, wenn sie gesondert zur Wahrnehmung gelangen sollen, räumlich getrennt werden, und jeder hierzu dienende Apparat heißt im weitesten Sinne Spektralapparat.
Den einfachsten Spektralapparat bietet uns die Natur im farbenglänzenden Tautropfen; manche andere Farbenerscheinung gehört ebenfalls im weitesten Sinne zu den Spektralerscheinungen, z. B. das schon im Altertume beobachtete Phänomen, daß ein in tiefem, sehr klarem Wasser fallender Kiesel einem umgekehrten Flämmchen ähnelt, indem er oben blau, unten rot gefärbt scheint. Tausende von Regentropfen im Scheine der Abendsonne erzeugen ein Spektrum von bemerkenswerter Reinheit — den Regenbogen, welcher bereits in gewissem Sinne analysiert, indem er um die Zeit des Mittags reich an blauen und violetten Strahlen ist, bei Sonnenuntergang aber fast nur rote enthält. — Newton ahmte den Regenbogen künstlich durch das Prisma nach, aber Newtons Prisma trennte die Farben nicht scharf, das heißt an jeder Stelle war noch Licht von ziemlich verschiedener Schwingungsdauer gemischt. Es glich einem Violinspiele, bei welchem die Töne nicht rein, sondern nur beiläufig angegeben werden. Eine scharfe Trennung gelang Wollaston, der zuerst schwarze Linien im Sonnenspektrum wahrnahm; eingehender untersuchte sie dann der berühmte Optiker Fraunhofer, dessen Namen sie noch heute tragen. — Es konnte nicht fehlen, daß man außer der Sonne auch noch andere Lichtquellen durchs Prisma betrachtete, und da sah man merkwürdige helle Linien, von denen einige in der Lage auffallende Ähnlichkeit mit den dunklen Linien des Sonnenspektrums hatten, namentlich eine helle gelbe Linie, meist die Anwesenheit von Natrium begleitend, schien vollkommen mit der von Fraunhofer mit D bezeichneten dunklen Linie zusammenzufallen. Kirchhoff interessierte sich von Anfang an hierfür sehr, doch gute, zur Darstellung der Fraunhoferschen Linien taugliche Flintglas-Prismen gab es damals noch selten. Erst 1857 erhielt Kirchhoff das erste, von Fraunhofer selbst geschliffene Flint-Prisma. Sofort machte er sich mit Bunsen an die Prüfung der Beziehung des gelben Streifens zur D-Linie; er erzeugte ein Sonnenspektrum und betrachtete darin die D-Linie, dann brachte er zugleich eine kochsalzhaltige Flamme ins Gesichtsfeld und erwartete die früher schwarze Linie nun hell zu sehen. Bei schwachem Wolkenlichte geschah dies auch, aber bei hellem Sonnenlichte wurde die dunkle Linie noch breiter und schwärzer. Mit den Worten: ,,das scheint mir eine fundamentale Geschichte'' — verließ er das Zimmer und am nächsten Tage hatte er die Ursache gefunden; die dunklen und hellen Linien sind nicht wesentlich verschieden; jeder Körper absorbiert genau dasselbe Licht, welches er aussendet, — ist er hell auf dunklem Grunde, so erscheinen auch seine Linien hell auf dunklem Hintergrunde, — ist er dagegen selbst schwach leuchtend und sieht man durch ihn hindurch eine hellere Fläche, so erscheinen dieselben Linien dunkel im hellen Felde. — Kirchhoff hatte seinen Satz von der Beziehung zwischen Absorptions- und Emissionsvermögen, den Satz von der Umkehrung der Spektrallinien, gefunden.
Nachdem die einheitliche Natur aller dieser Linien festgestellt war, kam die Frage nach ihrer Unveränderlichkeit.
Ist jeder Mensch durch den Klang seiner Stimme, jedes musikalische Instrument — ja jede Fensterscheibe, jedes Trinkglas durch seinen eigentümlichen Ton charakterisiert, warum sollte nicht auch jede Substanz durch die Schwingungsdauer des von ihr ausgesandten oder absorbierten Lichtes charakterisiert sein? — Hier kamen die Forschungen Bunsens sehr zugute. Es war schon lange bekannt, daß die meisten Substanzen der Lötrohrflamme, sobald sie durch deren Hitze verflüchtigt und lebhaft glühend werden, eine charakteristische Farbe erteilen, Natrium eine gelbe, Lithium eine rote, Kupfer eine grüne, und man hatte diesen Umstand schon längst zur qualitativen Analyse benützt. Ein Körper, der das charakteristische Gelb zeigte, war sicher Natrium. Brachte man aber ein Gemisch verschiedener Substanzen in die Flamme, so scheiterte diese Methode an der Unfähigkeit des Auges, in einem Farbengemische die Bestandteile zu erkennen. Bunsen und sein Schüler Cartmell versuchten dies durch farbige Gläser zu erleichtern; ein rotes Glas blendete die Farben der übrigen Bestandteile ab, und man konnte das Rot des Lithiums besser unterscheiden. Kirchhoff erkannte sofort, wie dieser Zweck viel vollkommener erreicht würde, wenn man alle Strahlen von verschiedener Schwingungsdauer in ein reines Spektrum räumlich auseinander legte. Die Farbe jedes Bestandteiles des Gemisches mußte dann an einer anderen Stelle des Spektrums zum Vorschein kommen und jeder Bestandteil sofort an seiner Farbe zu erkennen sein.
Kirchhoff konstruierte nun einen ausgezeichneten Spektralapparat mit vier Fraunhoferschen Flintglas-Prismen und vielen feinen Meßvorrichtungen. Es zeigte sich, daß im glühenden und flüchtigen Zustande, wo die Moleküle unbeirrt von ihren Nachbarn schwingen, jeder Körper nur ganz bestimmtes, ihn charakterisierendes Licht aussendet. Die wenigsten Körper jedoch senden nur Licht von einer einzigen Schwingungsdauer aus; die meisten vielmehr gleichzeitig verschiedene Strahlen von verschiedenen Schwingungsdauern; das heißt, sie geben viele Spektrallinien.
Bringt man ein Gemisch von. Körpern in die Flamme, so treten die Spektrallinien jedes Bestandteiles räumlich getrennt nebeneinander auf, so daß man jeden unzweideutig mit voller Sicherheit erkennen kann. Die Spektrallinien der wichtigsten chemischen Elemente wurden im Vereine mit Bunsen genau gezeichnet und auch das Sonnenspektrum sorgfältig untersucht. In letzterem fanden sich die Linien von Natrium, Eisen, Nickel, Mangan und vielen anderen Stoffen, — aber natürlich dunkel auf hellem Grunde. Alle diese Untersuchungen, welche die Grundlage der Spektralanalyse für alle Zeiten bilden, wurden im Jahre 1859 und den folgenden Jahren veröffentlicht.
Wir sahen, daß das Ohr etwa 1200 verschiedene Tonhöhen, das heißt ebensoviele verschiedene Schwingungsdauern zu unterscheiden vermag.
Kirchhoffs Skala teilt den sichtbaren Teil des Spektrums in 3000 Teile; ein Zehntel eines solchen Skalenteiles vermag das Auge noch zu erkennen, so daß man also im leicht sichtbaren Teile des Spektrums Strahlen von etwa 30000 verschiedenen Schwingungsdauern, gewissermaßen 30000 einfache Farben zu unterscheiden vermag, — wie sehr ist also das mit Kirchhoffs Spektralapparate bewaffnete Auge auch in bezug auf Unterscheidung der Schwingungsdauern dem Ohre überlegen, wobei natürlich auch jeder Bestandteil eines Farbengemisches noch viel vollkommener als durch das Ohr einzeln wahrgenommen werden kann. Diese Überlegenheit erstreckt sich auch auf die Unterscheidung verschiedener Schwingungsformen, die ja immer durch übereinanderlagerung von Strahlen verschiedener Schwingungsdauer mit Sinuscharakter entstanden gedacht werden können. Sie wurde noch gesteigert, da später namentlich Angström und Rowland die Spektralbeobachtung noch verfeinerten und Langley mittelst des Bolometers die Grenze des beobachtbaren Spektrums nach unten um etwa 6 Oktaven, Soret durch das fluoreszierende Okular nach oben um eine gute Oktave erweiterte. Das Auge wurde dadurch gewissermaßen ein ganz neuer Sinn. Nur durch die sinnliche Wahrnehmung aber ziehen die Vorstellungen in unseren Geist ein. Wer daher erstere erweitert und verfeinert, der durchbricht eine Schranke für unseren Geist, und wie sehr hat dies in unserem Falle der Erfolg bestätigt.
Schon wenige Tage nach der Erfindung der Spektralanalyse entdeckte Bunsen durch sie zwei neue Metalle; die Entdeckung zahlreicher anderer folgte und zwar fast ausschließlich mit Hilfe der Spektralanalyse, von deren Empfindlichkeit man eine Vorstellung gewinnt, wenn man bedenkt, daß nach Roscoe noch der dreimillionte Teil eines Milligramms Kochsalz mit Sicherheit spektral nachgewiesen werden kann. In der Physik hat das Spektrum zu den weittragendsten Forschungen auf dem Gebiete der Doppelbrechung, der Drehung der Polarisationsebene, aber auch auf nicht optischen Gebieten, wie dem der Flüssigkeitsdiffusion geführt; in der Physiologie zur Auffindung des Gesetzes der Farbenmischung, der Farbenwahrnehmung, der Farbenblindheit etc.
Die Astronomen entdeckten nicht nur die meisten irdischen Stoffe in der Sonne und den übrigen Weltkörpern und bewiesen somit die Gleichartigkeit aller Materie im Weltraume, sondern es gelang auch drei Typen der physikalischen Beschaffenheit der Fixsterne zu finden. Der erste Typus enthält Sterne, deren Beschaffenheit wesentlich der der Sonne gleicht; der zweite zeichnet sich durch dunkle Banden im Spektrum aus. Da solche immer durch Körper von verhältnismäßig tiefer Temperatur entstehen, so sind dies abgekühlte Sterne, welche relativ gegen unsere Sonne im Greisenalter stehen. Die Sterne des dritten Typus haben Spektra mit hellen Linien, unter denen namentlich die des Wasserstoffs vorherrschen, sich aber auch einige befinden, die keinem irdischen Stoffe entsprechen; dieselben sind also entweder reine Gasbälle ohne festen Kern oder es ist bei ihnen doch die Gasatmosphäre so vorherrschend, daß unser Blick nicht bis zum festen Kerne zu dringen vermag. Es sind dies die jugendlichen Sterne, die wahrscheinlich erst nach Aeonen sich bis zur Konsistenz der Sonne verdichten werden. Die Spektralbeobachtung der Nebelflecken, des Nordlichts und der Kometen ergab höchst merkwürdige Resultate, deren Deutung größtenteils Aufgabe der Zukunft sein wird. Bekannt ist, daß auf letzteren Himmelskörpern Kohlenwasserstoffe, wie sie bei uns die Grundlage der organisierten Materie sind, und Alkoholdämpfe gefunden wurden, so daß dort die Vorbedingung erfüllt ist, die Lessing in einem seiner Trinklieder als die wichtigste für die Bewohnbarkeit erklärt.
Im Spektrum der Sonne erscheinen die Linien dunkel, weil sich nach Kirchhoff die erzeugenden Stoffe in der Atmosphäre der Sonne befinden, die sich auf den noch weit helleren Sonnenkörper projiziert. Unmittelbar neben dem Rande des Sonnenkörpers sieht man dagegen offenbar nur die ihn überragende Sonnenatmosphäre projiziert auf den dunklen Weltraum. Dort müßte man also dieselben Linien hell erblicken, wenn Kirchhoffs Ansichten richtig sind. Dies zu prüfen, namentlich am Sonnenrande die hellen Natriumlinien zu erblicken, war längere Zeit Norman Lockyer bemüht, jedoch ohne Erfolg. Er konnte das alles überstrahlende Licht des Sonnenkörpers nicht scharf genug von dem der darüber lagernden Sonnenatmosphäre trennen. Da kam eine totale Sonnenfinsternis zu Hilfe. Janssen, der behufs ihrer Beobachtung von der Pariser Akademie nach Indien geschickt worden war, sah 1869 die ersten hellen Linien im Sonnenlichte. Die Trennung des Lichtes der Sonnenscheibe von dem der darüber hinausragenden Atmosphäre besorgte hier der Mond, indem er erstere bedeckte. Man sah zugleich den bisher gemachten Fehler. Weil die Umkehrung zuerst bei der Natriumlinie geglückt war, so hatte man in der Sonnenatmosphäre immer die helle Natriumlinie gesucht und sich dadurch die Trennung sehr erschwert, da der Natriumdampf vermöge seines großen Gewichtes sich nur wenig über den Sonnenkörper erhebt. Dagegen erhebt sich das leichteste der Gase, das Wasserstoffgas sehr hoch und seine hellen Linien waren es in der Tat, die Janssen erblickte. Nachdem er wußte, was und wo zu suchen war, gelang es Janssen schon am nächsten Tage auch ohne Sonnenfinsternis das Licht der Sonnenatmosphäre von dem des Sonnenkörpers genügend zu trennen und die hellen Wasserstofflinien zu sehen. Da das Spektroskop das Sonnenlicht beliebig zerstreut, die Wasserstofflinien aber nicht, so konnte er mittelst desselben auch die eigentümlichen Wellen, Wolken und vulkanischen Ausbrüche, Protuberanzen genannt, bei hellem Sonnenscheine sichtbar machen, welche sich in dieser Wasserstoffatmosphäre der Sonne vorfinden, und welche man schon früher bei totalen Sonnenfinsternissen sah, aber niemals hatte deuten können. ,,Wir haben jetzt alle Tage totale Sonnenfinsternis,'' telegraphierte er nach Paris in der ersten Freude diese schönen Gebilde nun täglich beobachten zu können. Nun wußte auch Lockyer, wohin seinen Apparat richten und sah in wenigen Tagen ebenfalls die hellen Wasserstofflinien. Ich muß der Versuchung, noch weiter über Astrophysik zu sprechen widerstehen, nur eins kann ich nicht unerwähnt lassen. Schon Römer und Doppler hatten darauf aufmerksam gemacht, daß gleichwie die Tonhöhe durch Entfernung der Schallquelle vom Beobachter vertieft, durch Annäherung an diesen erhöht wird, auch die Farbe eines Sternes dem rot oder violett genähert werden muß, wenn sich dieser von uns weg oder gegen uns bewegt, — sie glaubten dadurch die Erscheinung der farbigen Sterne erklären zu können; sie bedachten nicht, daß bei der Farbenunempfindlichkeit des freien Auges selbst die enormste Geschwindigkeit keine wahrnehmbare Farbenänderung erzeugen könnte, — liegt die durch die kosmischen Geschwindigkeiten erzeugte Farbenänderung doch selbst an der Grenze des spektral wahrnehmbaren; doch gelang es namentlich Zöllner und Vogel durch sehr feine Apparate eine ganz kleine Verschiebung in gewissen Sternen nachzuweisen. Diese nähern sich uns also oder fliehen uns, je nach dem Sinne der Verschiebung. In den Wirbelstürmen der Sonnenatmosphäre bewegt sich der Rand des Sturmgebietes wenig, und in der Mitte desselben wechselt die Richtung der Bewegung, daher der Sinn der Verschiebung der Spektrallinien. Diese zeigen also an solchen Stellen eine S-förmige Krümmung, welche man durch künstliche Verjüngung der Spektrallinien tatsächlich beobachten kann, wie man an einem Stabe kleine Krümmungen leicht erkennt, wenn man in seiner Richtung blickt. Bei anderen Sonnenorkanen bewegen sich unregelmäßig gewisse Partien schneller, andere langsamer, bald dahin, bald dorthin, daher werden auch die verschiedenen Punkte der Spektrallinien bald stärker, bald schwächer, dahin und dorthin verschoben, täuschend als ob die feinen Linien im Spektralapparate durch die Stürme, die auf der Sonne blasen, zerzaust würden.
Den kosmischen Geschwindigkeiten vergleichbar ist die Geschwindigkeit der Wärmebewegung der Moleküle bei hohen Temperaturen. Sie ist daher ähnlich im Spektralapparate beobachtbar, wie zuerst Lippich zeigte. Nur die Lösung der nächstliegenden Aufgabe, aus der Beschaffenheit der Spektra selbst Aufschlüsse über die Natur der schwingenden Moleküle zu erhalten, wollte nicht recht glücken; doch ist auch hier der Anfang bereits durch die Entdeckung höchst wunderbarer Periodizitäts-Gesetze der Spektrallinien gemacht, und Weiteres wird sicher der Geschichtsschreiber der Zukunft zu erzählen wissen. Des dem Telespektroskope gegenüberstehenden Mikrospektroskopes, der Anwendung des Spektralapparates in der Zuckerindustrie, beim Bessemerprozeß, zur Erkennung der Weinverfälschung, zur Auffindung photographischer Sensibilatoren und zur Unterscheidung der Farbstoffe; in der Medizin zur Analyse des Blutes bei Leukämie und Kohlenoxydvergiftung gedenke ich nur im Vorübergehen.
Fast niemals im Verlaufe der Geschichte, am wenigsten heutzutage, wo so Viele wissenschaftlich forschen, ereignete es sich, daß derselbe Kopf, welcher eine Idee zum ersten Male faßte, sie auch zur Vollendung brachte. Fast alle Ideen sind schon vorher geahnt, vorbereitet, und da und dort dunkel angedeutet worden, bis der Mann kam, der dem zerstreuten Materiale Form und Gestalt gab. Diesen werden wir immer als den Erfinder bezeichnen, ohne natürlich hierdurch das Verdienst seiner Vorgänger schmälern zu wollen; — so werden wir Gutenberg den Erfinder der Buchdruckerkunst, Watt den der Dampfmaschine, Mayer den Entdecker des Arbeits-Äquivalents der Wärme, Darwin den der Transmutationstheorie nennen, Graham Bell werden wir die Erfindung des Telephons und Edison die der Glühlichtlampe nicht streitig machen können, ohne zu leugnen, daß jeder dieser Männer seine Vor- und Mitarbeiter hatte. — Je größer die Erfindung, desto leichter führt dann dieser Umstand zu Prioritätsstreitigkeiten, und an solchen hat es auch in der Geschichte der Spektralanalyse nicht gefehlt.
Schon um jeden Schein von Parteilichkeit zu vermeiden, muß ich mich daher noch etwas ausführlicher über deren Entdeckungsgeschichte verbreiten. Wir sahen, daß das Spektrum schon seit Newtons Zeit die Aufmerksamkeit der Physiker auf sich zog, und diese wuchs seit der Darstellung seiner dunklen Linien. So hatte Brewster bemerkt, daß bei tiefem Sonnenstande zu diesen Linien noch neue, durch die atmosphärische Luft erzeugte hinzukommen. Brewster hat auch schon Flammenspektra beobachtet und Miller 1845 sogar solche gezeichnet; da er aber eine Alkoholflamme verwendete, welche selbst ziemlich stark leuchtete, dagegen die darin enthaltenen Salze nur schwach erhitzte, so gelangen die Zeichnungen so wenig, daß die charakteristischen Linien der Salze darin gar nicht erkennbar sind, — Swan hatte besonders die Kohlenstofflinien eingehend beobachtet und dabei auch der gelben Natriumlinie Aufmerksamkeit geschenkt, deren Entstehung durch Natrium er vermutete. Diese war auch anderweitig vielfach beobachtet und ihr Zusammenhang mit der D-Linie bemerkt worden. Brewster bemerkte auch den Zusammenhang einiger anderer heller Linien mit Fraunhoferschen Linien.
Wheatstone, Masson, Angström, Van der Willingen, Deprez und Plücker untersuchten das Spektrum elektrischer Entladungen und fanden es von der Natur sowohl der Elektroden, als auch der umgebenden Gase abhängig.
Foucault machte sogar schon zehn Jahre vor Kirchhoff einen Umkehrungsversuch, indem er das Licht der elektrisch glühenden Kohlen durch den Flammenbogen zurückreflektierte, wobei an Stelle der hellen Natriumlinie eine dunkle zum Vorschein kam, aber niemand erklärte — ja niemand beachtete dies weiter. Herschel und Talbot sprachen schon die Idee aus, daß das Spektrum zu einem Schlusse über die Natur der in einer Flamme enthaltenen Substanzen verwendet werden könnte, aber wie weit waren sie von einer konsequenten Durchführung dieser hingeworfenen Idee entfernt, da sie sogar die Natriumlinie manchmal brennendem Schwefel, ja sogar dem verdampfenden Kristallwasser zuschrieben und glaubten, Chlorkalzium könne ohne Gewichtsabnahme Spektrallinien geben. — Von einer anderen Seite kam Balfour Stewart der Entdeckung Kirchhoffs nahe, indem er den Satz, daß ein Körper immer dieselben Strahlen absorbiert, die er aussendet, durch viele Experimente mit strahlender Wärme und Licht bestätigte. Allein er machte wieder keine direkte Anwendung desselben auf die Spektralanalyse. Dieser Satz wurde auch von Angström, wenngleich unbestimmt und hypothetisch, behauptet, und soll schon lange von Stokes und Thomson in ihren Vorlesungen gelehrt und auch daraus der Schluß auf die Anwesenheit von Natrium in der Sonne gezogen worden sein, offenbar ohne Kenntnis der universellen Bedeutung hiervon, jedenfalls ohne irgend eine weitere Anwendung.
Sicher werden wir die großen Verdienste aller dieser Vorläufer Kirchhoffs nicht in Abrede stellen (habe ich ja doch einen guten Teil der bedeutendsten Physiker von vier Nationen genannt), aber ebenso sicher wird dadurch unsere Bewunderung Kirchhoffs nicht geschmälert werden, ja sie wird noch gesteigert, wenn wir sehen, wie so viele der größten Denker unseres Jahrhunderts sich jahrelang mit dem Spektrum beschäftigten, der Entdeckung Kirchhoffs schon so nahe waren und sie nicht machten. Wie beim ,,Blinde-Kuhspiele'' hatte bald dieser, bald jener schon einen Zipfel davon erfaßt und ließ sie immer wieder entschlüpfen, bis endlich der kam, dem die Augen nicht verbunden waren, und der in wenigen Monaten alle diese Gedankensplitter zum einheitlichen Ganzen ordnete, den Umkehrungsatz theoretisch und experimentell unwiderleglich begründete, durch Nachweis der Konstanz und Superposition der Spektra der Analyse durch das Spektrum eine feste Basis schuf, zahllose charakteristische Spektra von Elementen fixierte, die Koinzidenz zahlloser Fraunhoferscher Linien nachwies und Darstellung und Messung der Spektra zu solcher Meisterschaft brachte, daß sofort die Entdeckungen der Physik, Chemie und Astronomie folgten. — In nahezu drolliger Weise macht Tait in seinem Buche über die neuesten Fortschritte der Physik seinem ärger Luft, daß die Entdeckung keinem der Engländer gelang, die ihr so nahe waren. Er zeiht seine Landsleute der Indolenz; darin, daß diese infolge mangelhafter Kenntnis der Literatur, welche Kirchhoff geläufiger war, die Sache für schon allgemein bekannt gehalten hätten, erblickt er die Wurzel des Übels und schlägt vor, demselben durch regelmäßige Literaturberichte für die Zukunft abzuhelfen. Solche regelmäßige Literaturübersichten, zu deren eifrigen Lesern ich gehöre, werden seither in der Tat von der britischen Gesellschaft geliefert, ich weiß nicht, ob infolge der erwähnten Bemerkung Taits; wäre dies aber der Fall, so glaube ich, daß da eine treffliche Einrichtung einem großen Irrtume entsprungen ist. Die Ursache, warum Kirchhoff die Spektralanalyse entdeckte — Herr Tait möge mir meinen Widerspruch verzeihen — die war, glaube ich, doch Kirchhoffs Genius, und wenn diesen noch ein glücklicher Zufall unterstützte, so war es allein die Anregung und tatkräftige Unterstützung durch Bunsen.
Ist die Spektralanalyse auch die glänzendste Entdeckung Kirchhoffs, so würde man doch sehr irren, wenn man sie für dessen einzige Geistestat hielte. Kirchhoff wäre durch seine anderen Arbeiten ebenso einer der größten Gelehrten aller Zeiten, selbst wenn er nie ein Prisma zur Hand genommen hätte. Schon seine ersten Arbeiten über die Strömung der Elektrizität in Platten, über die Stromverzweigung und den elektrostatischen Beweis des Ohmschen Gesetzes waren epochemachend. Dieses Gesetz, das man damals erst zu beachten anfing, wurde dadurch bedeutend verallgemeinert und erweitert. Die bezüglichen Kirchhoffschen Sätze sind noch heute in ununterbrochener Anwendung in Wissenschaft und Technik. Diese Arbeiten waren theoretisch und experimentell zugleich, ein Vorbild des gesamten wissenschaftlichen Charakters Kirchhoffs; dann lieferte er eine große theoretische und experimentelle Untersuchung der Elastizitätsverhältnisse von Stahl und Messing, durch welche der lange Streit zwischen Cagniard Latour und Wertheim seine endgültige Entscheidung fand; hierauf nahmen die Spektral- und Sonnenbeobachtungen alles in Anspruch. Doch kein sterbliches Auge verträgt zu lange deren Glanz, Wie der Sonnenfleckenbeobachter Galilei und der Astrophysiker Janssen, fühlte auch Kirchhoff bald die Schwächung seiner Sehkraft; dieser Umstand und ein hartnäckiges Fußleiden, welches ihn zwang, durch lange Zeit seinen Hörsaal auf Krücken oder gar im Rollstuhle zu besuchen, verleideten ihm die experimentelle Tätigkeit. Desto unermüdlicher arbeitete er auf mathematisch-physikalischem Gebiete. Sind diese seine Arbeiten auch dem Publikum weniger verständlich —, gewiß, sie sind nicht minder groß. Gestatten Sie mir bei ihrer Beschreibung nochmals etwas weiter auszuholen.
Sucht die Experimentalphysik neue Erscheinungen zu finden, so geht das Bestreben der theoretischen dahin, die gegebenen Erscheinungen qualitativ und quantitativ in ihrem ganzen Verlaufe zu erfassen. Die einfachsten können durch gewöhnliche Zahlen gemessen werden; größere Allgemeinheit erzielt die Algebra, aber ein wahres Erfassen des kontinuierlichen Verlaufes von Naturerscheinungen wird erst durch die Mathematik des Kontinuums, die Infinitesimalrechnung möglich. — Da gelang es nun nicht etwa zuerst von dem Unbedeutendsten, wie von den Geheimnissen des Wachstums eines Grashalmes oder der Gestaltveränderungen einer im Wasser aufsteigenden Luftblase den Schleier zu lüften, nein! Zuerst gelang die Auffassung der Bewegung der Himmelskörper im Weltenraume so genau, daß wir sie durch mathematische Formeln treu wiederspiegeln und für alle Zukunft vorausberechnen können. Mühsam stieg dann die theoretische Physik vom Himmel auf die Erde herab; Die Dimensionen der Himmelskörper, wenn auch noch so kolossal, sind doch verschwindend im Vergleich mit ihren gegenseitigen Distanzen, man kann sie daher als einzelne Massenpunkte betrachten, die sich im unendlichen Räume bewegen; die komplizierten irdischen Erscheinungen suchte man nun in zweifacher Weise mathematisch zu erfassen; erstens, man sah die irdischen Körper auch als Aggregate von Massenpunkten, den Molekülen, an, auf die man mit gewissen Modifikationen die Bewegungsgesetze der Himmelskörper übertrug, nur, daß man da in einem Wassertropfen schon ungezählte Millionen annehmen mußte; zweitens, man suchte neue mathematische Begriffe zu bilden, welche die Körper, wie sie sich dem Auge darbieten, als kontinuierlich mit Masse erfüllt darstellen. — Die erstere Anschauung dringt tiefer in das Wesen der Dinge ein, die zweite ist freier von unbeweisbaren Hypothesen. — Beide Anschauungen ringen noch heute miteinander; die erste wurde hauptsächlich von den französischen Geometern Navier, Poisson, Laplace, Cauchy, Fourier inauguriert und fand durch Weber ihre Vollendung, die letztere hatte ihren ersten Vorkämpfer in Euler. Die Blüte der französischen Mathematik um die Zeit der großen Revolution verschaffte anfangs der ersten Methode allgemeines übergewicht; sie verlor aber wieder an Kredit durch das Fiasko, welches ein von Poisson durch Rechnung gewonnener Satz der Elastizitätslehre machte. — Schon Wertheim bekämpfte diesen Satz und mit ihm die Poissonsche Theorie erfolgreich, — seine definitive Widerlegung fand er freilich erst später durch Kirchhoff. Selbst Franzosen wie Lamé wandten sich wieder der zweiten Methode zu, und diese wurde in Deutschland hauptsächlich durch Neumann und dessen Schüler Kirchhoff ausgebildet. — Nicht kühne Hypothesen über das Wesen der Materie zu bilden und aus der Bewegung der Moleküle die Bewegung der Körper zu erraten, ist das Ziel, sondern Gleichungen zu bilden, welche frei von Hypothesen möglichst getreu und- quantitativ richtig der Erscheinungswelt entsprechen, unbekümmert um das Wesen der Dinge und Kräfte. — Ja, in seinem Buche über Mechanik will Kirchhoff sogar alle metaphysischen Begriffe, wie den der Kraft, als Ursache einer Bewegung, verbannen, er sucht bloß die Gleichungen, welche den beobachteten Bewegungen möglichst genau entsprechen. Das Staunen über diese neue Behandlungsweise der Mechanik war anfangs allgemein, doch wich es bald der zwingenden Kraft seiner Logik. Auch die Theorie der Magnetisierung war früher auf Hypothesen über die Beschaffenheit der magnetischen Moleküle gebaut worden. Kirchhoff sucht ohne Hypothese über das Wesen des Magnetismus bloß aus den einfachsten Voraussetzungen über dessen Wirksamkeit jene Gleichungen zu gewinnen, welche alle magnetischen Erscheinungen voraus zu berechnen erlauben, und ähnliches gilt von seinen Arbeiten über Elektrizität, Wärmelehre usw.
Wie viele, die ihr Auge am Spiele der Wellen eines Bächleins ergötzen, denken an die Schwierigkeit, die es bietet, Gleichungen aufzustellen, aus denen jede Form jedes Wellenkammes, genau berechnet werden kann. Da ist es also zunächst notwendig die einfachsten Formen der Naturerscheinungen, aus denen wir am meisten lernen können, in Gleichungen zu fassen, und aus ihnen dann die komplizierteren zusammenzusetzen. Mit unglaublichem Scharfblick gelang Kirchhoff die Auffindung einer Fülle von Fällen, in denen die Berechnung gelingt, und die sich zudem besonders als Bausteine zu weiterer Arbeit eignen. Seine Berechnung der elektrischen Schwingungen in Drähten, seine Verallgemeinerung der Wheatstoneschen Drahtkombination dienen zahlreichen Experimentaluntersuchungen als Grundlage, — schon lange, ehe Pacinotti und Gramme ihren lichterzeugenden Eisenring schmiedeten, berechnete er die Magnetisierung eines unendlich langen Eisenzylinders. — Dieses Problem ist der unmittelbare Vorläufer der Berechnung der Magnetisierung eines Ringes, da für den Mathematiker die beiden Enden eines unendlich langen Zylinders sich berühren. — ,,Ultima se tangunt''. Ja, nach den Untersuchungen Karl Neumanns über Ring-Potentiale ist die Ableitung des letzteren Problemes aus dem ersteren nur mehr eine Frage der Zeit, oder vielmehr ist es nur die Frage, wann ein Mathematiker sich dazu einmal die Zeit nimmt. Spezielle Fälle dieses Problems hat schon Kirchhoff berechnet, welche vielen seiner Schüler zur Bestimmung von Magnetisierungskonstanten dienten. — Statische Elektrizität kann nur gut durch Ladung zweier paralleler Platten, eines sogenannten Kondensators beobachtet werden; — die Theorie eines solchen wurde zuerst von Clausius gegeben, doch setzte dieser die Platten als unendlich dünn voraus, so daß deren Anwendung auf einen gewöhnlichen Kondensator nur zu beiläufigen Resultaten führen konnte. Kirchhoff lehrte, wie deren Dicke zu berücksichtigen ist, und machte damit den Kondensator zu einem der wichtigsten Meßapparate statischer Elektrizität. Kirchhoffs Arbeiten über die Elektrostriktion, Verteilung der Elektrizität auf Kugeln, über Wirbelringe, über Dampfspannungen und Wärmeleitung in parallelepipedischen Körpern, über Schallfortpflanzung in engen Röhren, über das Huyghenssche Prinzip, über Reflexion und Brechung des Lichtes kann ich nur mehr dem Namen nach erwähnen.
Traf in allen diesen Fällen die Analyse Kirchhoffs gerade die brennendsten Fragen der Physik, so sind andere Arbeiten Kirchhoffs, wie man zu sagen pflegt, wieder bloß von mathematischem Interesse, das heißt, ihre Wichtigkeit liegt nicht in dem Resultate, sondern in der Vervollkommnung der mathematischen Methode. — Derjenige, dem solche Leistungen unwichtig erscheinen, gleicht jenem griechischen Philosophen, der die Untersuchungen Archimedes über die Eigenschaften der Ellipse als Spielereien erklärte, da diese außer ihrer gefälligen Form doch gar keine Wichtigkeit habe.
Wie kurzsichtig ist diese Beschränkung auf das momentan nützliche, und wie richtig hatte Archimedes das universell Bedeutende erfaßt! Seine Forschung wurde die Grundlage aller späteren astronomischen Entdeckungen, welche heutzutage Tausende von Schiffen im Meere vor sicherem Untergange bewahren. Wer die Schwierigkeiten kennt, die mathematischen Formeln zu finden, welche die Naturerscheinungen genau zu beschreiben und voraus zu berechnen erlauben, der begreift, daß dieses Ziel nur durch schrittweises Vordringen erreicht werden kann, und schätzt den Vorteil jeder Vervollkommnung der mathematischen Methode, wenn er auch zugibt, daß Dirichlet die Größe einer Entdeckung zu ausschließlich nach dem dabei aufgewandten mathematischen Scharfsinne taxierte, welcher die Berechnung der Klassenzahl aller quadratischen Formen als die größte Entdeckung unseres Jahrhunderts gepriesen haben soll.
Gerade unter den zuletzt erwähnten Abhandlungen Kirchhoffs sind einige von ungewöhnlicher Schönheit. Schönheit, höre ich Sie da fragen; entfliehen nicht die Grazien, wo Integrale ihre Hälse recken, kann etwas schön sein, wo dem Autor auch zur kleinsten äußeren Ausschmückung die Zeit fehlt? — Doch —; gerade durch diese Einfachheit, durch diese Unentbehrlichkeit jedes Wortes, jedes Buchstaben, jedes Strichelchens kommt der Mathematiker unter allen Künstlern dem Weltenschöpfer am nächsten; sie begründet eine Erhabenheit, die in keiner Kunst ein Gleiches, — Ähnliches höchstens in der symphonischen Musik hat. Erkannten doch schon die Pythagoräer die Ähnlichkeit der subjektivsten und der objektivsten der Künste. — Ultima se tangunt. Und wie ausdrucksfähig, wie fein charakterisierend ist dabei die Mathematik. Wie der Musiker bei den ersten Takten Mozart, Beethoven, Schubert erkennt, so würde der Mathematiker nach wenigen Seiten, seinen Cauchy, Gauß, Jacobi, Helmholtz unterscheiden. Höchste äußere Eleganz, mitunter etwas schwaches Knochengerüste der Schlüsse charakterisiert die Franzosen, die größte dramatische Wucht die Engländer, vor allen Maxwell. Wer kennt nicht seine dynamische Gastheorie? — Zuerst entwickeln sich majestätisch die Variationen der Geschwindigkeiten, dann setzen von der einen Seite die Zustandsgleichungen, von der anderen die Gleichungen der Zentralbewegung ein, immer höher wogt das Chaos der Formeln; plötzlich ertönen die vier Worte: ,,Put n = 5''. Der böse Dämon V verschwindet, wie in der Musik eine wilde, bisher alles unterwühlende Figur der Bässe plötzlich verstummt; wie mit einem Zauberschlage ordnet sich, was früher unbezwingbar schien. Da ist keine Zeit, zu sagen, warum diese oder jene Substitution gemacht wird; wer das nicht fühlt, lege das Buch weg; Maxwell ist kein Programmmusiker, der über die Noten deren Erklärung setzen muß. Gefügig speien nun die Formeln Resultat auf Resultat aus, bis überraschend als Schlußeffekt noch das Wärmegleichgewicht eines schweren Gases gewonnen wird und der Vorhang sinkt.
Ich erinnere mich noch, wie Kirchhoff mir im Gespräche über diese Abhandlung die Bemerkung machte: „so muß man über Gastheorie schreiben." — Kirchhoff selbst schrieb nie über Gastheorie; [Anm.: Dagegen findet sich in seinen später erschienenen gedruckten Vorlesungen ein meisterhafter Abschnitt über Gastheorie. ] seine ganze Richtung war eine andere, und ebenso auch deren treues Abbild, die Form seiner Darstellung, welche wir neben der Eulers, Gauß', Neumanns usw. wohl als Prototyp der deutschen Behandlungsweise mathematisch-physikalischer Probleme hinzustellen berechtigt sind. Ihn charakterisiert die schärfste Präzisierung der Hypothesen, feine Durchfeilung, ruhige, mehr epische Fortentwicklung mit eiserner Konsequenz ohne Verschweigung irgend einer Schwierigkeit, unter Aufhellung des leisesten Schattens. Um nochmals zu meiner Allegorie zurückzugreifen, er glich dem Denker in Tönen: Beethoven. — Wer in Zweifel zieht, daß mathematische Werke künstlerisch schön sein können, der lese seine Abhandlung über Absorption und Emission oder den der Hydrodynamik gewidmeten Abschnitt seiner Mechanik.
Verzeihen Sie, wenn ich besonders im letzten Teile unverständlich oder unanschaulich wurde, gewiß, ich möchte lieber an der Hörsaaltafel den Ideengang einer Kirchhoffschen Abhandlung entwickeln, anstatt über sie zu schwatzen, wie ein Kapellmeister lieber eine Symphonie Beethovens aufführt, als alle neun in Worten schildert.
Nun habe Dank, geliebter Schatten, für deine Führung. — Wie leicht wandelt es sich an deiner sanften Hand auf den steilen Pfaden der Wissenschaft. Kehre zurück, wo du mit so vielen großen Geistern weilst, der größten einer. — Fürwahr, die späteste Nachwelt wird den großen Männern, die unser Jahrhundert zeugte, die Bewunderung nicht versagen. Wenn etwas ihr gleichen könnte, so wäre es höchstens die Verwunderung, daß dasselbe Jahrhundert so viel lächerliches Zopftum, so viel überkommenen Unsinn und törichten Aberglauben nicht los werden konnte. — Erlauben Sie mir, daß ich Sie da an ein Sonett erinnere, das von einem Dichter stammt, der auch Naturforscher war, und dessen altmodische Derbheit in unserer Zeit der Glacéhandschuhe freilich etwas wunderlich klingt. Es lautet:
Die Wahrheit, sie besteht in Ewigkeit,
Wenn erst die blöde Welt ihr Licht erkannt,
Der Lehrsatz nach Pythagoras benannt
Gilt heute, wie er galt zu seiner Zeit.Ein Opfer hat Pythagoras geweiht
Den Göttern, die den Lichtstrahl ihm gesandt;
Es taten kund, geschlachtet und verbrannt,
Einhundert Ochsen seine Dankbarkeit.Die Ochsen seit dem Tage, wenn sie wittern,
Daß eine neue Wahrheit sich enthülle,
Erheben ein unmenschliches Gebrülle.Pythagoras erfüllt sie mit Entsetzen,
Und machtlos,, sich dem Licht zu widersetzen
Verschließen sie die Augen und erzittern.[Adalbert von Chamisso]
Fast scheint es, als ob dieses Gedichtchen gerade so ewig wahr bleiben sollte, wie der pythagoräische Lehrsatz, den es besingt.
Tönt es nicht heute lauter denn je, das Gebrülle aller Dunkelmänner, aller Feinde der freien Meinungsäußerung und Forschung wider den neuen pythagoräischen Lehrsatz, die Lehre Darwins?
Aber wohl uns; es ist der Sturm, der das Nahen des Frühlings verkündet. — Doch bis dahin kommt der leichtfertige Spott zu früh, bis dahin rüstet den bittern blutigen Kampf, der zwar nicht mit Pulver und Blei ausgefochten wird, aber doch Tausende dahinraffte, Tausende der Edelsten. — Wer zählt die Gräber, auf die alle die Grabschrift gesetzt werden könnte, die Schiller für Rousseaus Grab dichtete? Wann wird doch die alte Wunde narben ?
In diesem Kampfe der Geister nicht die letzte zu sein, das
sei deine Aufgabe Alma Mater Graecensis im vierten
Jahrhunderte deines Lebens, und sollte dieses den Mauern
unserer Stadt wieder einen
Kepler
bringen, so sei nicht seine
Gegnerin, sondern er sei dein!
Letzte Änderung: 20.11.2009 Gabriele Dörflinger
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