Fachbezogene Informationen Geschichte
Zu Penel: Bildnis der Elisabeth Charlotte, Herzogin
von Orléans
Ein "beeren-katzen-affengesicht" als Kirchweih-Geschenk für Raugräfin
Louise (1719)
(Mit Bemerkungen über ein Bild von der Hand der späteren Frau des Goldschmieds Gaillard, Geschenk zur Kirchweih 1700)
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"Es ist heütte daß fest von St Clou undt kirmeß im dorff, drumb schicke ich Eüch hierbey, liebe Louise, ein beer[e]n-, katzen-, affengesicht, wie I. G. der churfürst, unßer herr vatter, alß pflegt zu sagen, welches ich mich flattire Eüch doch eben so ahngenehm wirdt sein, alß ein schachtelgen, das ich alle jahr zu schicken pflege." (St. Cloud, 7. September 1719)1
"Mich verlangt, biß ich vrnehme, daß Ihr mein contrefait bekomen, so ich Eüch zur St. Clouer kirbe geschickt. Es ist mir bang, man stihlt es Euch auff der post." (St. Cloud, 24. September 1719)2
"Ich hoffe, heütte zu Paris von Ewern schreiben zu entpfangen undt zu vernehmen, daß Ihr, liebe Louise, mein beeren-katzen-affengesicht werdet entpfangen haben, so ich Eüch den 7ten geschickt." (St. Cloud, 28. September 1719)3
"Da bringt man mir Ewer liebe[s] schreiben vom 30 September vom no 77; bin recht froh, drauß zu ersehen, daß Ihr endtlich mein altes beeren-katzen-affengesicht entpfangen habt undt es nicht in frembden händen gekommen ist, wie auch daß dieße kleine St Clouer meß Eüch, liebe Louisse, so ahngenehm geweßen; ich hatte schon ein anderst bestelt." (St. Cloud, 12. Oktober 1719)4
"Ich habe Eüch schon vergangenen donnerstag meine freüde bezeüget, daß mein altes gesicht entlich glücklich ahngekommen. Es ist nicht viel danckens wehrt; ich habe gedacht, liebe Louise, daß, weillen Ihr mich lieb habt, würde es Eüch lieb sein, zu sehen, wie ich nun außsehen, weillen Ihr doch eines habt, wie ich vor 20 jahren außgesehen*, worauß Ihr gar just urtheillen werdet, wie daß ein heßlich mensch noch heßlich[er] kan werden im alten, so woll alß ein schön mensch heßlich. [...**] die brustbilder, [die] monsieur Ferdinant*** von mir gemacht, seindt in original bey der großen printzes de Conti; eines ist in manteau, weiß mitt goltenen blumen, in jagtskleyder, aber größer, alß ein bruststück." (St. Cloud, 15. Oktober 1719)5
"Es ist mir recht lieb, daß es deß postmeisters schuldt nicht ist; den were es seine schuldt geweßen, hette er unß noch offt gezercht. Mein gott, waß [hätten] die leütte mitt meinem contrefait machen wollen? Daß konte ja ahn niemandts nutz sein, alß ahn Eüch, im gantzen Franckforth. Umb zu wißen, ob mein contrefait woll gleicht, so fragt ahn jemandts, so mich hir gesehen, wer daß contrefait ist! so werdt Ihr es gleich sehen, waß man Eüch sagen wirdt. Ich bin nun viel alter undt noch verruntzelter, alß daß contrefait ist; den es ist schon 6 jahr, daß es gemahlt ist, ich will sagen, daß originall; den es ist zu Marly gemahlt worden 2 jahr vor deß königs todt undt es ist nun schon 4 jahr leyder, das der könig todt ist; man sicht doch noch woll, daß ich es bin. Findt man mein alter schön, kan man sagen, wie unßere s. liebe churfürstin alß pflegt zu sagen: 'On peut voir une belle vielle, mais jamais und vielle belle'. Es were doch etwaß gar rares, wen ich im alter schön werden solte, da ichs nie geweßen, da ich 15 undt 20 jahr alt ware. [...] Es freüet mich recht, liebe Louise, daß mein einfall, Eüch mein contrefait zur kirbe zu schicken, so woll reussirt hatt. Es ist war, daß Penels stück beßer gemahlt ist, alß daß, so ich vor 20 jahren geschickt; daß hatte nur ein medgen* gemahlt, so seyder dem verheüraht worden undt meinen goldtschmidt genohmen. Die Penels wahren gutte meister, vatter undt sohn haben woll gemahlt; der vatter aber ist nun lengst todt. Der sohn mahlt je lenger, je beßer; er hatt meinen sohn, den ich im sack trage, auch gar woll gemahlt. [...] Mein beren-katzen-affengesicht ist so viel danckens nicht wehrt, liebe Louise, undt waß ich vor Ewere niepcen vom Schomburg gethan, ist ja nur meine schuldigkeit." ( St. Cloud, 19. Oktober 1719)6
"Ihr habt, liebe Louise, mein contrefait bekommen auff den tag, wie man alß im sprichwort sagt, daß Barthel den most holt. Mich deücht, daß Ihr mir noch gesagt hattet, daß mein beeren-katzen-affengesicht den tag von Michaeli ahngekommen war. So viel dancksagung, alß Ihr mir, liebe Louisse, macht, war es woll nicht wehrt. Den alten van Borck kene ich nicht, muß nicht zu meiner zeit zu Franckendal gewest sein. Zu Heydelberg habe ich keinen andern mahler [gekannt], alß der gutte, ehrliche monsieur Rosen, so mein undt meines bruders reißmeister ware. Ich habe woll von hertzen lachen müßen, daß der van Borck mich schön gefunden. Man kan von ihm sagen: 'Il n'est pas difficile en beauté'; alt, grau undt runtzelich." (St. Cloud, 21. Oktober 1719)7
"Wir haben genung von meinem contrefait gesprochen; es ist nicht der mühe wehrt, mehr davon zu sagen. Ihr habt's, es hatt Eüch erfreüet, liebe Louise, daß ist genung. [...] Monsieur Marion, der mich kürtzlich gesehen, hatt es mich woll gleich kenen können; den es gar kenbar ist, wiewoll, wie ich Eüch schon gesagt, liebe Louise, es schon 6 jahr ist, daß das original gemahlt zu Marly. Die zeit leüfft abscheülich. [...] Kein protzes were mein contrefait werdt geweßen; ich hette Eüch ja gar leicht wider ein anders schicken können, den der mahler, so daß Ewerige gemacht undt Penel heist, ist ein junger man, der noch lang wirdt mahlen können. Ich habe seinen vatter woll gekandt, der auch ein gutter mahler geweßen ist." (St. Cloud, 29. Oktober 1719)8
"Es ist ein glück, daß di[e]ße schachtel neü vor Eüch ist. Es ist rar, den der arme man, so mein goldschmitt en charge war undt woll gearbeydt hatt, ist im ahnfang dießes jahrs gestorben. Es war mir recht leydt, den es ein gutter, ehrlicher, recht gewißenhaffter man geweßen. Er hieß Gailliard, seine fraw mahlt in mignature nicht übel, hatt mich gemahlt, ehe sie geheüraht war, hieß mademoiselle Pigeon; wo mir recht, so habt Ihr eines davon. Penel, so jetzt mein mignatour-mahler ist, mahlt beßer." (St. Cloud, 9. Oktober 1721)9
Quellen:
Briefe der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orléans. Hrsg. von Wilhelm Ludwig Holland. Stuttgart [u.a.] (Bibliothek des Litterarischen Vereins in Stuttgart ; 132, 157)
- Aus dem Jahre 1719. - 1877. - [= Bd. IV der Briefedition]. - Abgekürzt: Holland, Briefe der Herzogin, IV.
- Aus den Jahren 1721 und 1722. - 1881. - [= Bd. VI der Briefedition]. - Abgekürzt: Holland, Briefe der Herzogin, VI.
Anmerkungen:
(1) Holland, Briefe der
Herzogin, IV, Brief Nr. 1050, S. 232
(2) Holland, Briefe der
Herzogin, IV, Brief Nr. 1055, S. 249 f.
(3) Holland, Briefe der
Herzogin, IV, Brief Nr. 1056, S. 250 f.
(4) Holland, Briefe der Herzogin,
IV, Brief Nr. 1060, S. 268 (zu "meß" erklärt der Hrsg.: "d. h. messgeschenk,
kirchweihgeschenk")
(5) Holland, Briefe der
Herzogin, IV, Brief Nr. 1061, S. 270. - Bemerkungen: "...wie
ich vor 20 jahren außgesehen"*: zu diesem Bild vgl. Anm.
6.; [...**]: Zitat s. unter Rigaud: zu den originalen
Brustbild-Darstellungen Elisabeth Charlottes; "monsier Ferdinant"***:
laut Register Bd IV, S. 385, unter "Ferdinand" = Ferdinand Penel).
-
(6) Holland, Briefe der
Herzogin, IV, Brief Nr. 1062, S. 274 ("ein medgen*": die Frau des
Goldschmieds Gaillard,
geb. Pigeon, vor ihrer Heirat - vgl. Brief vom 9. Oktober 1721; "mein sohn":
Philipp II., Herzog von Orléans, nach dem Tode König Ludwigs
XIV. Regent für den unmündigen Ludwig XV.). - Es handelt sich
um das schon am 15. Oktober 1719 erwähnte Bild, das Elisabeth Charlotte
ihren beiden Halbschwestern am 1. Oktober 1700 als "kirbe" geschickt hatte
und auf das sie am 7. November nochmals eingegangen war: an Raugräfin
Amalie Elisabeth (Amelise): "...habe Eüch nur weißen [wollen],
wie man hier arbeit, undt mitt einem auch mein beren-katzen-affengesicht
schicken, umb zu sehen, ob Ihr es noch kenen würdet, undt auch umb
mich in Ewern sack zu tragen, damitt Ihr desto fleißiger ahn mich
allebeyde dencken möget". (Holland, Briefe der Herzogin, Bd. I,
Brief Nr. 117, S. 209); und am selben Tag an Raugräfin Louise: "Es
wundert mich, daß Ihr mein beren-katzen-affengesicht noch habt erkenen
können; den ich bin doch unerhört verendert undt nicht kenbar
mehr." ( ebd., Brief Nr. 119, S. 212).
(7) Holland, Briefe der
Herzogin, IV, Brief Nr. 1063, S. 276.
(8) Holland, Briefe der
Herzogin, IV, Brief Nr. 1065, S. 286 f.
(9) Holland, Briefe der
Herzogin, VI, Brief Nr.1268, S. 242 ("Gailliard": vom Hrsg. korrigiert:
"Gaillard"); zu Gaillard und seiner Ehefrau vgl. Anm. 6.
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