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Ein Virtuose bittet zum Tanz
Ein Virtuose bittet zum Tanz

Franz Liszt in Heidelberg - Zur hundertsten Wiederkehr seines Todestages

Ursula Perkow (Rhein-Neckar-Zeitung, 31.7.1986)

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Musikfreunde in aller Welt gedenken 1986 des Doppeljubiläums von Franz Liszt - der hundertsten Wiederkehr seines Todestages am 31. Juli und seines Geburtstages vor 175 Jahren am 22. Oktober. Wissenschaftler und Laien befassen sich mit seinem Leben, sein Werk wird durch Interpretationen und Aufführungen neu gewürdigt, und vielerorts werden lokalgeschichtliche Erinnerungen dem Bild des Künstlers als belebendes Element hinzugefügt.

Auch Heidelberg gehört zu den Städten, die während Liszts Virtuosenzeit in den Genuß seines Spieles kamen, in diesem Punkt dem Kulturleben der Metropolen London, Petersburg, Rom und Wien nicht nachstehend. Am 26. November 1843 kündigte das "Heidelberger Journal" für den übernächsten Tag ein Konzert von Dr. Franz Liszt im Saal des Museums an, nachdem ihn bereits wahre Mammut-Tourneen durch ganz Europa geführt hatten und der Kontinent im "Liszt-Fieber" taumelte. Eintrittskarten zum Preis von einem Gulden gab es bei Kunsthändler Ludwig Meder und bei Museumsdiener Petri. Eine Programmanzeige unterblieb, vielleicht in der berechtigten Erwartung, daß der Name allein genügen würde, den Saal zu füllen.

Ersatzweise läßt die Programmfolge zweier Matineen in Mannheim am 3. und 6. Dezember desselben Jahres einen Ausschnitt des damaligen Repertoires erkennen. Dort spielte Liszt Fantasien über Themen aus beliebten Opern wie Mozarts "Don Giovanni", Meyerbeers "Hugenotten" und "Robert der Teufel" sowie Bellinis "Nachtwandlerin" und "Die Puritaner". Er bot Variationen von Schubertliedern sowie Originalkompositionen von Beethoven, Karl Maria von Weber, Rossini und Chopin, und er präsentierte mit dem "chromatischen Galopp" auch eines seiner eigenen Werke.

Liszts Auftritt im überfüllten Museumssaal brachte den vorhersehbaren triumphalen Erfolg. Das Publikum, das den "liebenswürdigen Künstler" schon bei seinem Erscheinen mit begeistertem Applaus begrüßt hatte, geizte auch zwischen den Einzeldarbietungen nicht mit Beifall. Der Verfasser der am darauffolgenden Tag erschienenen Besprechung lobt den "ebenso geist- und kunstvollen Vortrag" und die "treffliche" Auswahl der Musikstücke, bedauerlicherweise, ohne auf Programmfolge oder Art des Spieles näher einzugehen. Abschließend äußert er die Hoffnung, Liszt sei vielleicht zu einem zweiten Konzert zu bewegen und werde den Heidelbergern nochmals "einen so hehren Kunstgenuß gewähren".

Nicht ganz so rückhaltlos überwältigt klingen einige Bemerkungen in einem Bericht vom 3. Dezember, als Anregung zur Umgestaltung des Programms bei einem etwaigen weiteren Konzert gedacht und überschrieben "frommer Wunsch an Herrn Dr. Liszt". Der Autor macht bei aller Bewunderung für das "heroische Spielvermögen" und den "meisterhaften Vortrag" kein Hehl daraus, daß erdie geradezu kultische Verehrung des Künstlers mit den Fanatikern ebenso wenig teilt wie die verbreitete Überschätzung der reinen Virtuosität. Beinah ironisch formuliert er: "Einige Präludien und Fugen von Bach und Händel für die Kunstliebhaber im engeren Sinn würden Herrn Liszt hoffentlich nicht zu kindisch vorkommen, wenn er auch nicht alle zehn Finger dazu nötig hätte." Außerdem sähe er gerne eine der Beethoven-Sonaten wie etwa die Pathétique auf dem Programm; von Mozart schlägt er unter anderem das C-dur-Konzert vom 4.12.1786 und das Konzert in d-moll vor. Dies alles seien Werke von "strenger Kunstform, würdigem Gehalt, in Kraftfülle und Schönheit ruhend" und somit vor anderen geeignet, dem "gesunden Teil des Publikms ein wahres Labsal" zu bieten. So erweitert, würde seiner Ansicht nach die Vortragsfolge an Vielfalt gewinnen und Liszt sich noch "ganz besonders feine Lorbeerblätter in seinen Kranz erserben".

Der Gedanke eines Zusatzkonzertes taucht am 12. Dezember noch einmal auf, als ein Berichterstatter den enttäuschend geringen Besuch bei dem Konzert des international bekannten Violinvirtuosen François-Hubert Prume aus Lüttich beklagt. Er empfiehlt eine Wiederholung, mit der Beifügung: "vielleicht in Verbindung mit Herrn Lißt". Eine theoretische Möglichkeit hierzu hätte wohl bestanden, da beide Künstler sich kannten und mehrere Tage zusammen im Badischen Hof wohnten. Auch sind gemeinsame Auftritte von Liszt und Prume andernorts belegt, wie etwa bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung in Gotha. Doch für Heidelberg fand sich bisher kein Hinweis auf eine Realisierung dieses Vorschlags.

Liszts Name erschien am 14. Oktober 1845 wieder in einer Konzertanzeige des "Heidelberger Journals", in der Vorankündigung hinter dem Star des Abends L.Pantaleoni bescheiden auf den zweiten Rang gerückt: "... unter gefälliger Mitwirkung von Dr. Franz Liszt."

Einen Eindruck von den Ereignissen jener Tage abseits vom Podium vermittelt der Heidelberger Professor Karl Cäsar von Leonhard, der für das Konzert seinen Flügel zur Verfügung stellte und auf diese Weise mit Liszt persönliche Beziehungen anknüpfen konnte. Unmittelbar nach seiner Ankunft kam der Künstler in das Leonhardsche Haus, Klingenthorstraße C 272, um sich für das Instrument zu bedanken. Als Leonhard bald darauf den Besuch erwiderte, verbrachten sie mehrere Stunden in angeregtem Gespräch. Liszt zeigte sich besonders gut gelaunt und sang sogar ein paar Liedchen. Der Professor, der sich stets gerne seiner Bekannten von Rang und Namen rühmte, verweilt in seinen Alterserinnerungen mit sichtbarer Freude bei dieser Begegnung.

Obwohl er wußte, daß sein "neuer Freund" Privateinladungen zu musikalischen Soireen durchaus nicht schätzte und derartige Ansinnen in Stuttgart, Karlsruhe und Mannheim abgelehnt hatte, nützte Leonhard die Gelegenheit zu einer ähnlichen Bitte. Er betonte allerdings, man werde Liszt nicht mit "unbescheidenen Zumutungen" behellien. Nicht so sehr den hervorragenden Künstler wolle man kennenlernen, sondern vielmehr den Menschen, den "liebenswürdigen unterrichteten Mann von vielseitig gebildetem Geist". Sei es nun, daß Liszt sich wegen des geliehenen Flügels dankbar erweisen wollte oder daß ihn andere Überlegungen zum Abweichen von sonstigen Gepflogenheiten bewogen, jedenfalls übersandte er Leonhard schon zwei Tage später eine schriftliche Zusage. In dem kurzfristig eingeladenen Freundeskreis der Familie Leonhard fühlte sich der Künstler am festgesetzten Abend sehr behaglich, und in gelöster, heiterer Stimmung bot er endliche aus freien Stücken an, Gastgeber und Gäste zu unterhalten. Er setzte sich an den mitten im Salon stehenden Flügel und bereitete dre Gesellschaft unvergeßliche Stunden. Vor allem das "Ave Maria" rief "süßes Wohlbehagen und Rührung zugleich" hervor und wurde deshalb eigens erwähnt. Doch dieser tiefe Eindruck wurde für manchen vermutlich noch übertroffen durch den Schlußpunkt, mit dem Liszt nach einigen an die Damen gerichteten freundlichen Worten seine Darbietungen krönte: Er spielte zum Tanz!

Über eine Stunde währte das seltene Vergnügen bei der Musik des besten Pianisten seiner Zeit, und halb stolz, halb wehmütig erinnert sich der Hausherr in seinem Lebensrückblick: "So gut wird es unserer Heidelberger Jugend nicht oft."

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