Zur Geschichte der Bibliotheca Palatina
Die Ursprünge der Bibliotheca Palatina, der Pfälzischen Landbibliothek, reichen bis 1386, in das Jahr der Gründung der Universität Heidelberg zurück. Damals entstanden die Bibliotheken der Artisten und der drei höheren Fakultäten Theologie, Jura und Medizin. Weitere, ursprünglich eigenständige Institutionen, die im Laufe der Zeit in der Bibliotheca Palatina aufgingen, waren die sogenannte Stiftsbibliothek in der Heiliggeistkirche und die Büchersammlung der Kurfürsten auf dem Heidelberger Schloß. Ihr vorläufiges Ende brachte der zu ihrer Zeit berühmtesten Büchersammlung Deutschlands die Eroberung Heidelbergs während des Dreißigjährigen Kriegs im Jahr 1622.
Der zur Zeit seiner Blüte im 16. und 17. Jahrhundert als „Mutter aller Bibliotheken“ weithin gerühmte Bücherhort war – nicht zuletzt wegen der großen Masse theologischer, und hier überwiegend protestantischer Literatur, die er beherbergte – zu einem von katholischer Seite sehr begehrten Objekt geworden. Papst Gregor XV. hatte schon früh deutlich zum Ausdruck gebracht, daß er bei einem kriegerischen Erfolg über die Pfalz, die mit ihrem zum "Winterkönig" gekrönten Kurfürsten Friedrich V. zur Speerspitze der Protestantischen Union geworden war, die Übergabe der gesamten Bibliothek und ihre Wegführung als Kriegsbeute verlangen würde. Herzog Maximilian I. von Bayern, zwar Wittelsbacher wie die Pfälzer, aber andererseits auch Mitglied der Katholischen Liga, konnte sich diesem dezidierten Wunsch seines Kriegsherrn und hauptsächlichen Geldgebers nicht widersetzen.
So geschah es, daß sich nach der Einnahme der Pfalz und Heidelbergs durch den Feldherrn Tilly der Scriptor für Griechisch an der Vatikanischen Bibliothek, Leone Allacci, im Dezember des Jahres 1622 in Heidelberg einfand, um den Abtransport der Bücher nach Rom zu organisieren.
Bereits im Januar 1623 konnte er den Vollzug seines Auftrags melden. Und sogar mehr als das: Er selbst rühmte sich, er sei geschickt worden, eine Bibliothek zu holen, er bringe aber drei. Neben der Bibliothek in der Heiliggeistkirche – der eigentlichen „Bibliotheca Palatina“ – war es ihm nämlich gelungen auch an die Bestände auf dem Schloß und somit die Privatbibliothek der Pfälzer Kurfürsten und an Bücher der Universität zu gelangen. Auch vor dem privaten Bücherbesitz des letzten Bibliothekars der Palatina, Jan Gruter, machte sein „Sammeleifer“ nicht halt. Wie von Papst Gregor XV. gewünscht, war es Allacci gelungen, den gesamten Schatz der pfälzischen Bücher an sich zu bringen. Auf dem Weg über München, wo die Bücher mit extra angefertigten Exlibris des frisch mit der Kurwürde belehnten Maximilian versehen wurden, machte man sich Mitte Februar 1623 nach Rom auf.
Verpackt in 196 Kisten und getragen von Maultieren machte sich der Bücherschatz auf die gefahrvolle Reise über die Alpen. Witterungsbedingte Verzögerungen ließen den Zug erst am 25. Mai 1623 am Comer See angelangen. Auch innerhalb Italiens kam man nur langsam vorwärts. Aufgrund des Todes von Papst Gregor XV. im Juli des Jahres mußte man lange auf die Zahlung der Transportkosten warten. So konnte die Übernahme der 184 Kisten durch den Vatikan – 12 Kisten hatte Allacci für sich abgezweigt – erst am 9. August 1623 erfolgen. Somit hatte der Transport fast sechs Monate gedauert. Angelangt in ihrer neuen Heimat wurden die Handschriften und Drucke der „Bibliotheca Palatina“ zu einem Teil in die vor Ort vorhandenen Bestände einsortiert. Die lateinischen, griechischen, deutschen und hebräischen Handschriften jedoch wurden getrennt aufgestellt. Es entstanden die Signaturengruppen: Cod. Pal. lat. (Codex Palatinus latinus), Cod. Pal. graec. (Codex Palatinus graecus), Cod. Pal. germ. (Codex Palatinus germanicus) und Cod. Pal. ebr. (Codex Palatinus ebraicus).
In den folgenden, knapp zwei Jahrhunderten, wurde von verschiedenen Seiten immer wieder versucht, die Bestände der „Bibliotheca Palatina“ nach Heidelberg zurückzuführen. Doch erst im Anschluß an einen weiteren, großen europäischen Krieg konnten durch Vereinbarungen, die während des Wiener Kongresses getroffen worden waren, zumindest die 847 deutschsprachigen Handschriften im Jahre 1816 in ihre alte Bibliotheksheimat zurückkehren, damals noch in das als Universitätsbibliothek fungierende ehemalige Jesuitengymnasium in der Augustinergasse. Bis auf 29 griechische und 16 lateinische Codices liegen alle übrigen, nicht deutschsprachigen Handschriften und sämtliche Drucke noch heute in den Tresoren der Biblioteca Apostolica Vaticana in Rom.
Die weltberühmte „Große Heidelberger Liederhandschrift“, auch „Codex Manesse“ genannt, die sich wohl im Fluchtgepäck Friedrichs V. befunden hatte und daher nicht nach Rom gelangt war, konnte erst im Jahr 1888 auf verschlungenen Wegen an ihren früheren Aufbewahrungsort Heidelberg zurückkehren und wird dort seitdem als besonderer Schatz in der Universitätsbibliothek aufbewahrt.
Die pfälzischen Kurfürsten als Auftraggeber von Handschriften und Büchersammler
Ist somit die Geschichte der Handschriften der „Bibliotheca Palatina“ ab 1622 nachvollziehbar, so liegt bei vielen fast die gesamte Zeit zwischen diesem Zeitpunkt und ihrer Entstehung im Dunkeln. Nur selten gelingt die Identifizierung einer Handschrift in einem der alten Bücherverzeichnisse, die in den Jahren 1555/56 und 1581 von den damaligen Beständen angefertigt wurden. Kauf- oder Besitzeinträge, wie sie häufig in vergleichbaren Handschriften vorkommen und auch heute noch etwa in Form eines einfachen Nameneintrags oder eines Bibliotheksstempels gebräuchlich sind, fehlen hier für die Zeit bis ins frühe 17. Jahrhundert fast völlig. Viele der Einbände, die für die Erforschung der Provenienz, also der Herkunft eines Buches von großer Wichtigkeit sind, wurden 1622/23 aus Gründen der Gewichtsersparnis für den Transport entfernt. Nur wenige Originaleinbände haben sich erhalten, so beispielsweise die im Auftrag von Kurfürst Ottheinrich (reg. 1556-1559) hergestellten Ledereinbände ("Ottheinricheinbände") mit den typischen Rollenstempeln und vergoldeten Bildnisplatten des Auftraggebers. Aus ihnen wird ersichtlich, dass sich diese Bücher im Besitz des für seine Bücherliebe bekannten Renaissancefürsten befanden. Wer aber waren die Käufer beziehungsweise die Auftraggeber der anderen Handschriften?
Eine der ältesten, nachweisbar für einen Heidelberger Kurfürsten hergestellte Handschrift ist die 'Weltchronik' Rudolfs von Ems (BLB Karlsruhe, Donaueschingen 79). Der Codex wurde 1365 in Südwestdeutschland für Kurfürst Ruprecht I. (1309-1390) geschrieben und Illuminiert. Neben der 'Weltchronik' (Bl. 3ra-200rb) enthält er auch 'Das Leben der Heiligen Elisabeth' (Bl. 202ra-258ra). Diesen Text hatte Ruprecht vermutlich für seine Frau, Elisabeth von Namur (1329-1382) einfügen lassen. Sehr wahrscheinlich über Margarete von Savoyen (s.u.) gelangte die Handschrift in den Besitz der Grafen von Württemberg, von diesen wurde sie an die Adelsfamilie derer von Helfenstein ausgeliehen. Aus ihrem Erbe kam die 'Weltchronik' vermutlich an das Haus Fürstenberg, dessen Handschriftensammlung 1993 vom Land Baden-Württemberg erworben wurde. Mit der Signatur Donaueschingen 79 wird das Manuskript heute in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe aufbewahrt.
Für 27 Handschriften, die im 15. Jahrhundert in drei oberdeutschen Schreiberwerkstätten entstanden sind, kann diese Frage sicher beantwortet werden bzw. lassen sich fundierte Vermutungen anstellen. In der Werkstatt des Ludwig Henfflin sind neun dieser Manuskripte entstanden. Aufgrund ihrer Datierung in die 70er Jahre des 15. Jahrhunderts und wegen des häufigen Eintrags des Savoyer Wappens sind sie mit recht großer Wahrscheinlichkeit im Auftrag der Margarete von Savoyen (ca. 1410-1479) entstanden.
Margarete war in zweiter Ehe die Frau Kurfürst Ludwigs IV. von der Pfalz (reg. 1436-1449). Aus dieser Verbindung ging der spätere Kurfürst Philipp der Aufrichtige (reg. 1476-1508) hervor. Nach dem Tod Ludwigs heiratete sie 1453 Graf Ulrich V. von Württemberg. In ihrer Zeit am Stuttgarter Hof erwarb sie die Bücher aus dem vermutlich ebenfalls in Stuttgart angesiedelten Betrieb. Diese gingen nach ihrem Tod im Jahre 1479 als Erbe an ihren Sohn Philipp und gelangten so in die ‘Bibliotheca Palatina’. Für die früh im Jahrhundert entstandenen Bücher aus der „Elsässischen Werkstatt von 1418“ wurde bislang Kurfürst Ludwig III. (reg. 1410-1436) als Käufer vermutet.
Bereits 1408 war er Landvogt im Elsaß und könnte in dieser Funktion in Kontakt mit dem Atelier gekommen sein. Sein Interesse an Büchern belegt nicht zuletzt die auf ihn zurückgehende Gründung der Stiftsbibliothek an der Heiliggeistkirche, dem eigentlichen Kern der späteren „Bibliotheca Palatina“. Schon in seinem ersten Testament aus dem Jahre 1421 hatte er die Aufstellung der theologischen, juristischen und medizinischen Bücher aus seiner Privatbibliothek auf den extra hierfür ausgebauten Emporen der Heiliggeistkirche angeordnet. Fast einzig die zeitliche Nähe seiner Regierungszeit zur Entstehung der Handschriften aus der Werkstatt des Diebold Lauber in Hagenau spricht für Kurfürst Ludwig IV. von der Pfalz (reg. 1436- 1449). Ebenso käme aber auch sein Bruder, Friedrich I. (der Siegreiche; reg. 1449-1476), als Erstbesitzer in Frage, der als nachgeborenen Sohn ebenfalls Landvogt im Elsaß war.
Die pfälzischen Kurfürsten als Sammler medizinischer Handschriften
Mit ca. 300 Manuskripten machen die Handschriften mit medizinischem Inhalt ein gutes Drittel des Gesamtbestandes der 848 Signaturen der Cod. Pal. germ. aus. Die Universitätsbibliothek Heidelberg dürfte damit weltweit eine der größten deutschsprachigen medizinischen Rezeptbuchsammlungen besitzen. Sie hat ihren Ursprung im Interesse der Heidelberger Kurfürsten an medizinischer Literatur, für das zahlreiche Autographe von ihrer Hand ein beredtes Zeugnis sind. Die Art der Sammlung, in der Zusammenhänge oft noch genau nachvollzogen werden können, macht es unter anderem möglich, an ihr dem Werden und Entstehen einer frühneuzeitlichen Fachbibliothek bis in das kleinste Detail nachzugehen. Daneben bietet die Zahl der überlieferten Einzelrezepte – hochgerechnet kommt man auf ca. 175.000 – eine ausgesprochen breite Materialbasis für weitere fachspezifische Forschungen.
An erster Stelle sind die insgesamt 13 Bände des durch Kurfürst Ludwig V. von der Pfalz selbst geschriebenen ’Buchs der Medizin‘ zu nennen. Das in zwölf Codices überlieferte Hauptcorpus (Cod. Pal. germ. 261‒272 enthält gleichsam als Universalkompendium das medizinische Wissen der Zeit. Neben den üblichen Standardwerken wie dem ‘Gart der Gesundheit’ und dem ‘Arzneibuch’ Ortolfs von Baierland überliefert es eine Vielzahl von Einzelrezepten, die nach Indikationen, nicht jedoch ‘a capite ad calcem’ geordnet sind. Insgesamt enthalten allein diese 13 Bände etwa 18.750 Rezepte. Das unvollendet gebliebene Werk wurde nach Ludwigs Tod geordnet und 1554 in einheitlich gestalteten Bänden gebunden.
Auch auf den Pfalzgrafen und späteren Kurfürsten Ludwig VI. von der Pfalz gehen zahlreiche medizinische Sammlungen zurück. Ludwig, selbst unter Asthma (Keuchen) leidend, verwendete viel Zeit und Energie darauf, Rezepte zu sammeln, abschreiben zu lassen oder gar selbst abzuschreiben, um sie dann in anderen Handschriften neu zu ordnen und zusammenzustellen. Das Ergebnis bilden kalligraphisch auf Pergament geschriebene Rezeptsammlungen, die meist ‘a capite ad calcem’ geordnet sind, und die in Einbände gebunden sind, die Ludwig persönlich zugeschrieben werden können. Die auf ihn zurückgehenden Sammlungen lassen durch seine exakten Zuschreibungen der Rezepte an verschiedene Zuträger Einblicke in seine Sammeltätigkeit zu, die der Pfalzgraf schon in den späten 1550er Jahren begonnen haben muss. Zwischen 1566 und 1572 wagte sich Ludwig dann an seine größte Kompilation (Cod. Pal. germ 192), für die er aus mindestens 15 Quellen Rezepte zusammentrug und eigene Vorlagen benutzte. Er exzerpierte Sammlungen seiner nächsten Verwandten, darunter die seiner Mutter, Kurfürstin Maria (1519‒1576), seiner Tante, Pfalzgräfin Katharina (1510‒1572), seines Onkels, Pfalzgraf Richard von Pfalz-Simmern (1521‒1598), und schließlich die der Mutter seiner Schwägerin Elisabeth von Pfalz Lautern, Kurfürstin Anna von Sachsen (1532‒1585).
Ähnlichen Sammeleifer wie Ludwig VI. entwickelte dessen Schwägerin Elisabeth aus der Linie Pfalz-Lautern (1552‒1590), eine geborene Herzogin von Sachsen, die seit 1570 mit Ludwigs jüngerem Bruder Johann Kasimir (1543‒1592; reg. als Administrator 1583‒1591) verheiratet war. Elisabeth war auf medizinischem Gebiet vorgebildet, ihre Mutter, Kurfürstin Anna von Sachsen (1532‒1585), gilt für den sächsischen Raum als eine der wichtigsten Rezeptkompilatorinnen des 16. Jahrhunderts. Elisabeth scheint selbst eine kleine Apotheke besessen zu haben, die ihr vermutlich durch den kurpfälzischen Leibarzt Wilhelm Rascalon (1525/1526‒ nach 1591) eingerichtet worden war.
© Karin Zimmermann, Maria Effinger, Universitätsbibliothek Heidelberg, 08/2008
